Weinmenschen: Der Eisweinkönig aus Kanada

"Die Deutschen haben den Eiswein erfunden, die Kanadier haben ihn perfektioniert", sagt Klaus Reif mit dem Brustton der Überzeugung. Der deutschstämmige "Kanadier" weiß wovon er spricht. Er kennt beide Seiten der Eisweinproduktion, kennt die europäischen und die kanadischen Produkte.

Geboren in Deutschland, mit den Trauben-Genen Neustadts an der Weinstraße geimpft, zog es ihn schon früh in die Ferne. Heute sieht er stolz auf das kanadische Land, hinein in die Weinfelder seiner "Reif Estate Winery" hinaus. Der KULINARIKER traf den sympathischen Deutschen in Kanada.

Klaus Reif in Kanada: Ein deutscher Auswanderer, eine deutsche Erfolgsgeschichte. Wie kam es dazu?

Ausgangspunkt dafür war mein Onkel, der 1977 nach Kanada ausgewandert ist. Im Vorjahr, 1976, einigten sich mein Vater und mein Onkel darauf, die zu der Zeit ein Weingut in Neustadt an der Weinstraße hatten, sich geschäftlich zu trennen. Mein Vater zahlte meinen Onkel aus und kurz darauf ging dieser dann nach Kanada.

Ein mutiges Unterfangen. War er denn schon früher in Kanada und hat sich mit den Gegebenheiten für den Weinanbau auseinander gesetzt?

Mein Onkel war bereits 1965 in Kanada und hat hier als Student für ein großes Weingut gearbeitet. Er reiste durchs Land und fand irgendwann dieses Fleckchen Erde. Und das auch eher zufällig. Ein Nachbar sprach meinen Onkel damals an, da er wusste, dass dieses Land zum Verkauf stand und sorgte so für den Startschuss. Heute pendelt er zwischen Kanada und Arizona. Um den 15. November, wenn es hier kalt wird, geht er für ein paar Monate in sein Haus nach Arizona, am 15 April, wenn das Wetter hier wieder besser wird, kommt er zurück.

War das Land damals schon so weitläufig? Oder wurde es später erweitert?

Zuerst waren es etwa 80 acres. In den 80er Jahren, genauer: 1982, kamen dann nochmal über 50 acres dazu. Heute hat das Weingut also eine Größe von etwa 130 acres.

Weinmensch Klaus Reif.
Weinmensch Klaus Reif.

 

Gab es damals denn schon viele Weingüter in der Region?

Nein, mein Onkel war einer der ersten hier in der Region. Er bekam die vierzehnte Lizenz, die überhaupt in der Region vergeben wurde. Nur zum Vergleich: Heute gibt es etwa 140 Weingüter und über 700 Weinbauern in der Region.

1977 war das Land wahrscheinlich noch bezahlbar, im Gegensatz zu heute...

Mein Onkel zahlte 1977 etwa 2.500 Dollar für einen acre - der Preis heute dürfte bei fast 100.000 Dollar liegen. Ein gutes Investment. Ich habe die Kellerei dann 1987 übernommen, 1994 das erste Grundstück und 2000 das restliche Land.

Dass 80 Prozent des auf dem Weltmarkt gehandelten Eisweins aus Kanada kommen, wissen viele Menschen gar nicht... Welche Rebsorten bauen Sie an? Welche Jahresproduktion generieren Sie daraus?

Die größte Menge resultiert aus der Vidal-Traube, von der auch der gesamte Eiswein produziert wird, Cabernet Sauvignon/ Blanc, Chardonnay und Riesling. Das sind die vier großen Rebsorten in der Region.

Zur Produktion: Wir haben etwa 700 Tonnen Trauben, wobei der Vidal davon mit 200 bis 250 Tonnen ein gutes Drittel einnimmt. Chardonnay und Riesling liegen bei etwa 60 bis 70 Tonnen jährlich.

Wie setzt sich diese Anzahl zusammen? Wie viele Pflanzen stehen auf einem acre?

Pro acre haben wir etwa 11.000 Pflanzen gepflanzt. Etwa 95 Prozent werden von Maschinen geerntet. Selbst der Eiswein.

Handernte ist also kein Qualitätsmerkmal mehr?

So kann man das sagen. Die Maschinen ernten besser als die Pflücker bei der Handernte. Bei der Handernte wird, egal ob die einzelne Traube vollreif oder erst zu 80 Prozent reif ist, alles abgeerntet. Die Maschinen ernten nur die Trauben, die auch wirklich reif sind. Vielleicht verliere ich dann vier oder fünf Prozent der Trauben, unterm Strich rechnet sich das aber allemal. Natürlich, wenn wir eine Beerenauslese machen, erfolgt dies per Hand!

Wie sind die qualitativen Schwankungen der Weine über die verschiedenen Jahrgänge zu beschreiben?

Beim Eiswein ist das schnell und einfach gesagt: die Qualität ist absolut gleichbleibend und zählt weltweit zu den qualitativ hochwertigsten Produkten. Bei den Weiß- und Rotweinen hingegen sieht es ganz anders aus. Wenn ich die letzten zehn Jahre betrachte, gab es dort enorme Schwankungen. Es gab super Jahre, zum Beispiel 2010 und 2012. 2008 und 2009 waren hingegen Jahre, in denen ich überhaupt keinen Rotwein produzieren konnte. Es gab keinen Cabernet Franc und Cabernet Sauvignon: es war einfach zu kalt und zu regnerisch.

Eisweinernte.
Eisweinernte.

 

Die Klimaschwankungen hier in Ontario lassen sich durchaus als dramatisch beschreiben. Durch die Witterungsverhältnisse verlieren wir immer wieder etwa 5.000 von insgesamt 135.000 Pflanzen. Durch die über das Areal verteilt aufgestellten Windmaschinen versuchen wir in kalten Monaten die kühlere gegen wärmere Luft in Bodennähe auszutauschen. Durch diese Maschinen erreichen wir zumindest etwa zwei Grad mehr im Bereich der Pflanzen – und letztendlich verlieren wir weniger Pflanzen.

Welche Absatzmärkte sind für Sie im Exportbereich entscheiden?

Hauptabsatzmarkt ist China mit etwa zehn Prozent der Gesamtproduktion, etwa fünf Prozent gehen nach Japan. Davon sind etwa 75 Prozent Eisweine. Ein kleiner Absatz erfolgt in Richtung Deutschland. Aber das ist nicht unser Zielmarkt. Ich sage immer: Nach Deutschland zu exportieren ist wie Wasser in den Rhein zu tragen. Es ist einfach so, dass in Europa super Weine produziert werden, welche auch noch günstig sind.

Wenn ich überlege: Der niedrigste Lohn den ich hier in Kanada an meine Angestellten zahle, liegt bei 11,50 Dollar, Facharbeiter für den Rebschnitte liegen bei bis zu 18 Dollar die Stunde. Der Preis wird natürlich auf das Produkt umgelegt. Da können wir mit den günstigen Weinen in Europa kaum konkurrieren. Wollen wir aber auch gar nicht.

Wie positionieren sich kanadische Weine bezüglich des Preises auf dem Weltmarkt?

Wir liegen hier in der Region ziemlich nördlich und haben entsprechen mit den beschriebenen Problemen zu kämpfen. Dadurch regelt sich natürlich auch der Preis – bei einer Tonne Cabernet Sauvignon liegen wir bei 2.500 Dollar. Der Saft alleine liegt dann bei etwas über vier Dollar. Zum Vergleich: In Australien bekomme ich Fasswein für 60 Cent, in Chile und Argentinien für 50 Cent pro Liter.

Wir haben etwa vier Tonnen Ertrag pro acre, in den beschrieben Ländern sind es bis zu 20 Tonnen. Gleiches gilt für die Lohnkosten, in Argentinien verdient ein Arbeiter acht Dollar am Tag, wir zahlen – wie gesagt - mindestens 11,50 Dollar in der Stunde.

Die Grundkosten sind recht hoch. Rechnet sich das überhaupt für alle Winerys?

Nun, es ist mittlerweile so, dass viele "Neu"-Eigentümer von Weinhäusern sich Weingüter als Hobby anschaffen. Das gilt für etwa 25 Prozent der Weingüter, deren Besitzer auch kein Geld verdienen wollen oder müssen. Für etwa die Hälfte der Weinguts-Besitzer reicht es gerade so zum Überleben. Dem restlichen Viertel geht es recht gut – zudem wir glücklicherweise auch gehören.

Luftaufnahme Eisweingebiet.
Luftaufnahme Eisweingebiet.

 

Ein Erfolgsschlüssel ist sicherlich auch die gute Ausbildung die ich in Deutschland genossen habe. Man muss einfach wissen was man tut. Viele versuchen sich auf dem Wein-Markt, ohne die richtigen Ideen zu haben wie der Betrieb zielorientiert arbeiten soll oder kann. Der neueste Trend hat auch die Weingüter in Kanada erreicht: alleine im letzten Jahr sind vier Weingüter und fünf Weinanbauflächen an chinesische Investoren verkauft worden. Es ist heute ersichtlich, dass speziell die Chinesen mit viel Geld an den Markt gehen.

Ein Trend, den es zu beobachten gilt: Stichwort Fälschungen…

Absolut, Fake-Icewine ist ein großes Problem. Aber auch in China gibt es interessante Entwicklungen. Ich war schon oft in China und habe chinesische Weine testen können. Dort gibt es wirklich Weltklasse-Weine. Dort ausgepflanzt und ausgebaut. Früher wurde auch über die Japaner auf dem Markt gelächelt, als Sie Autos produzierten. Heute sind sie wesentlich erfolgreicher als die amerikanischen Hersteller. Und ich denke, dass in China durchaus enormes Potential herrscht. Das dauert vielleicht noch zehn oder fünfzehn Jahre, aber warten wir mal ab… Die Voraussetzungen sind gut: es gibt die Böden, das nötige Klima, das Geld und geringe Personalkosten. Das Weingeschäft in China nimmt jetzt schon einen gewissen Anteil in der Wirtschaft ein. Alleine in den letzten zwei oder drei Jahren hat sich das Weingeschäft verzehnfacht.

Viele Winzermeister wurden – auch aus Deutschland – in China als Berater und Fachkräfte angestellt. Dort wird mit den neuesten Maschinen gearbeitet. Ich habe mir – das nur als Beispiel für die enorme Innovation der Chinesen - bei meinen letzten Besuch ein Weingut süd-westlich von Shanghai angeschaut. Das Unternehmen kann mehr Wein verarbeiten als ganz Ontario erzeugt. Prozesse, die in den nächsten Jahren auch auf dem Weltmarkt spürbar sein werden. Wir dürfen gespannt sein…

Mehr Informationen zum Weingut Klaus Reif: http://www.reifwinery.com

Fotos: Michael Schabacker

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Zuletzt bearbeitet am 21/08/2016

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