Ein Wochenende am längsten Tisch der Schweiz

Non-Profit und demokratische Preise – dieses Motto ausgerechnet mit St. Moritz in Verbindung bringen zu wollen, scheint im ersten Moment reichlich gewagt…

Und doch haben sich die Organisatoren der mittlerweile 8. Ausgabe der St. Moritzer Tavolata rund um Festivalinitiator Thomas Kriemer von Anfang an genau dieses Ziel gesetzt: weg vom Image der überteuerten Promidestination, deren Luxusherbergen und Nobelrestaurants sich allenfalls ein paar Happy Few leisten können, zurück zu den Ursprüngen eines ebenso gastfreundlichen wie sympathischen Bündner Bergdorfes, wo vor mehr als 150 Jahren der Winterurlaub erfunden wurde.

Dass das Konzept aufgeht, beweist nicht zuletzt die Tatsache, dass das Food-Festival, das traditionell immer am letzten Juliwochenende stattfindet, von Jahr zur Jahr mehr Besucher anlockt und mit der letztjährigen Ausgabe erstmals die magische Grenze von mehr als 10.000 Gästen durchbrechen konnte. Neben den teilnehmenden Gastronomen werkeln hinter den Kulissen dabei auch immer Dutzende von freiwilligen Helfern, ohne die das Event unmöglich zu stemmen wäre, wie Thomas Kriemer nicht ohne ein wenig Stolz erzählt.

Damit hat sich die Tavolata, in deren Mittelpunkt eine rund 400 Meter lange Arvenholztafel steht, die sich fast durch die gesamte St. Moritzer Fußgängerzone schlängelt und an der sich Millionäre, Einheimische oder ganz „normale“ Touristen alle gleichermaßen wohlfühlen, mittlerweile auch zu einem wohltuenden Gegenpol zum mondänen, aber atmosphärisch immer etwas unterkühlt wirkenden St. Moritzer Gourmetfestival während der Wintersaison entwickelt. Denn während dort vornehmlich die Champagnerkorken knallen und die Tische sich unter Austern, Kaviar und Gänseleber durchbiegen, geht es bei der Tavolata wesentlich bodenständiger, aber keineswegs weniger genussvoll zu.

Ein 400 Meter langer Tisch schlängelt sich durch St. Moritz.
Ein 400 Meter langer Tisch schlängelt sich durch St. Moritz.

 

Das süffige, eigens für das Festival gebraute Viva Tavolata einer Kleinbrauerei im benachbarten Pontresina, dem ein Zusatz von Silser Arve sein ganz besonderes Aroma verleiht und der exzellente Vino Tavolata – ein Merlot der Tessiner Tenuta Castello di Morcote – tun ein Übriges und so ist die Stimmung an der Open-Air Festtafel im besten Sinne unprätentiös, denn hier ist jeder willkommen.

Neu in diesem Jahr: zum Festivalauftakt am Freitag machte die Tavolata erstmals Station im benachbarten Puschlav. Genauer gesagt in wunderschönen Poschiavo. Und wer mochte, konnte von St. Moritz aus sogar stilecht im Oldtimer-Postauto, Baujahr 1953, anreisen. Neben den zahlreichen Ständen mit lokalen Spezialitäten, die die historische Piazza im Herzen des Dörfchens säumten, war das eigentliche Highlight hier der HandsOn-Wurstkurs in der Küche der Casa Tomé – eines der ältesten noch original erhaltenen Bauernhäuser im gesamten Alpenraum, das auf das 14. Jahrhundert zurückdatiert werden kann. Unter Regie von Patrick Marxer, Mastermind der Delikatessenmanufaktur Das Pure in Wetzikon, erfuhren Fans von Cervelat & Co. dabei, wie man mit wenigen Handgriffen die perfekte Grillwurst kreiert. Oberstes Gebot: abgesehen von Pfeffer und Salz nie mehr als vier bis fünf weitere Zutaten bzw. Gewürze. Im Anschluss konnten die stolzen Metzger-Novizen ihre selbstgemachten Würste dann am Stand des Badrutts Palace formvollendet grillen lassen.

Wir entschieden uns bei der "Kulinariker-Edition" übrigens für eine ordentliche Prise Chili, reichlich Majoran, aromatischen Salbei, Koriander und einen kräftigen Schluck Rotwein. Und wenn wir schon beim Essen sind: Im Puschlav, genauer gesagt ebenfalls gleich in Poschiavo, wird unserer Meinung nach auch die beste Schweizer Pasta produziert. Und zwar bei Molino e Pastificio in der Via Principale 1. Vor allem die Spaghetti aus 100% Hartweizengries in der markanten Verpackung im 50er Jahre Stil sind schlicht Weltklasse und stellen so manche hochpreisige Konkurrenz aus Italien locker in den Schatten. Ein weiterer Leckerbissen des Tals: Die legendäre Mortadella di Poschiavo der Metzgerei Zanetti, von Slow Food zur besten Wurst der Eidgenossenschaft gekürt und nicht zu verwechseln mit der bekannten Mortadella di Bologna, sowie der ebenfalls Slow Food prämierte Furmagin da cion, eine Art herzhafter, grober Fleischkäse von der Metzgerei Scalino in Li Curt.

Leckeres gab es überall bei der St. Moritzer Tavolata zu ergattern...
Leckeres gab es überall bei der St. Moritzer Tavolata zu ergattern...

 

Doch zurück nach St. Moritz: Dort lud am Abend Tavolata-Gastkoch Marco Böhler, Küchenchef von Tanja Grandits in deren Basler 2*-Restaurant Stucki, zum PopUp Dinner ins historische Forum Paracelsus – Keimzelle des St. Moritzer Badetourismus. Nach einem sensationellen Zander-Ceviche mit Kurkuma, Fenchel und Zitrone begeisterten Böhler und sein Team die Gäste mit einer ebenfalls spektakulären Krustentiernage mit Tomate und Kokoschutney, bevor eine butterzarte Kalbshaxe mit Mandeln, grünen Bohnen und Bergkartoffelpüree den kulinarischen Höhepunkt des Abends markierte. Der perfekte Begleiter: ein herrlich rassiger 2016er Pinot Noir Pilgrim von Möhr-Niggli aus der Bündner Herrschaft.

Am Samstag zogen dann schon am frühen Vormittag verführerische Düfte durchs Dorfzentrum – kein Wunder, stand an diesem Tag doch das traditionelle Tavolata Street BBQ auf dem Programm. Egal ob am offenen Feuer, auf dem Hightech-Grill, im Green Egg oder Smoker, hier drehte sich – fast – alles ums Thema Fleisch. Unsere Highlights: Der Beefbrisket-Bun mit Sauerkraut der St. Moritzer Kultmetzgerei Hatecke (hier gibt es auch die beste Hirsch-Salsiz, die wir je gekostet haben), dicht gefolgt von der zunächst Sous-vide gegarten und anschließend am offenen Feuer zur Perfektion gegrillten Rinderhaxe von Wurstkönig Patrick Marxer, präsentiert im Kebap-Style mit fermentiertem Kimchi, sowie den Chickenwings im Knuspermantel des Züricher Biss-BBQ & Grill Teams mit einer koreanischen Sauce auf Basis fermentierter Chilis.

Höhepunkt und krönender Abschluss der Veranstaltung war für die meisten Gäste aber sicher auch in diesem Jahr die eigentliche Tavolata, die am Sonntag startete. Die wunderschön dekorierte Tafel lockte schon am späten Vormittag zahlreiche Schlemmer an, die sich an gut einem Dutzend Ständen lokaler Hotels und Restaurants nur zu bedienen brauchten. Das schönste daran: kein Gericht belastete das Genussbudget mit mehr als 15 Franken (ca. 12,50 Euro). Für Schweizer, gar St. Moritzer Verhältnisse, tatsächlich ein echtes Schnäppchen. Im Angebot u.a.: Rindstatar mit Eigelbcréme und Zwiebelcrunch, Hirschfilet Stroganoff mit Cognacrahm und Polenta, Thunfisch-Tataki mit Sesam auf mediterranem Salat, traditionelle Paccheri Pasta mit Piennolo Tomaten und einer Creme aus 30 Monate gereiftem Parmesan und vieles mehr. Begleitet wurde die Veranstaltung außerdem von Live-Musik Acts auf mehreren Bühnen – auch hier war für wirklich jeden Geschmack etwas dabei, egal ob Jazz, Country, Blues, Rock oder Indie. Und so freuen wir uns schon heute auf die Tavolata 2019!

BBQ: Schmackhaftes am Samstag...
BBQ: Schmackhaftes am Samstag...

 

Weitere Infos: www.tavolata.org 
Patrick Marxer – Das Pure, Wetzikon: www.daspure.ch  
Puschlaver Pasta, Poschiavo: www.pastificio.ch 
Kochmortadella u. Fleischkäse: www.incarne.ch/it/ , www.zanettispecialita.ch , www.scalino.ch  
Marco Böhler, Restaurant Stucki, Basel: www.tanjagrandits.ch  
Metzgerei Hatecke, St. Moritz: www.hatecke.ch  
Biss BBQ & Grill, Zürich: https://de-de.facebook.com/bissbarbecueandgrill/

Fotos: Stefanie Köhler

Submit to DiggSubmit to FacebookSubmit to Google PlusSubmit to TwitterSubmit to LinkedIn

Artikel weiterempfehlen und/oder drucken (auch PDF):

Autor

Thomas Hauer

Letzte News

Letzte Artikel

Genuss-Newsletter abonnieren?

Mit der Anmeldung zu unserem Newsletter erklären Sie sich mit unseren Nutzungsbedingungen (s.l.) einverstanden. Eine Bestätigungsmail mit einem Aktivierungslink wird nach der Anmeldung an die angegebene Mailadresse versendet. __________________________
KULINARIKER - Das Magazin für mehr Genuss.
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.