Im Mevlana Museum, dem alten Mevlana Kloster weht der Geist des großen Sufi-Meisters und Ordensgründers Jalal ad-Din Muhammad Rumi noch immer, auch weil seine Weisheit und Agieren sich auf viele Sparten verteilt, sich in verschiedenen Sprachen der Kunst manifestiert: Musik, Meditation, Poesie, Philosophie, Malerei, Kaligraphie, Skulptur, Keramik, Kleidung. Und weil seine Weltoffenheit in Zeiten des Fundamentalismus eine andere wichtige Tradition des Islam repräsentiert.
Rumi, der spirituelle Führer verstand sich nicht als Prophet, was er zu bieten hatte war ein Buch aus acht Bänden: sein Lebenswerk ist die Niederschrift eines Kompendiums (Mesnevi) aus 26.000 Doppelversen in Persisch. Hier beschreibt er seine offen gehaltene islamische Weltanschauung in Form von Parabeln und Sinnsprüchen.
Die zentrale Lehre des pantheistisch orientierten Mystikers ist auch durch seine Biografie geprägt. 1219 floh der Zwölfjährige mit der Familie aus Afghanistan vor den Mongolen nach Konya, er lebte an vielen Orten, studierte islamische Wissenschaften in Damaskus. Als anerkannter Sufi-Lehrmeister in Konya pflegte er zeitlebens den engen Austausch auch mit christlichen, jüdischen Gelehrten höchster Provinienz, das macht ihn heute zu einer interessanten Figur.
Neben der Gebetspraxis ist die meditative Versenkung, der tranceerzeugende Tanz zentrales Element des Mevlana-Ordens. Von seinen Schülern erhielt Rumi den Beinamen Mevlana, was „Unser Meister“ bedeutet. Am 17. Dezember 1273 verstarb der große Sufi-Meister, ihm wurde ein Mausoleum mit der türkisblauen Kuppel errichtet, die heute das Stadtbild Konyas prägt.
Die tanzenden Derwische
Im Zuge der Modernisierung Konyas wurde 1990 das neue, moderne Mevlana Kulturzentrum mit einer Innenkapazität für 3320 Personen eröffnet. Es würdigt das Vermächtnis Rumis, neben dem Museum, dem Mausoleum sind eine Sammlung von Exponaten zu seinem Leben und seinen Lehren. Das Mevlana-Museum entstand ursprünglich als Derwisch-Loge des Mevlevi-Ordens. Rumis Anhänger hatten einen bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung der osmanischen Kultur und prägten vom 14. bis zum 20. Jahrhundert die Dichtung, die Kaligraphie und die bildende Kunst.
Ihre größte Errungenschaft lag jedoch in der Musik und den wirbelnden Derwischen. Während das islamische Dogma Musik im Allgemeinen als „schädlich für die Zuhörer und die Religion“ verbietet, integrierten die Derwische sie durch den Mevlud, ein zu Ehren des Propheten Mohammed gesungenes Gedicht, in ihre Rituale. Şeb-i Arus feiert den Tod von Rumi am 17. Dezember 1273.
Der Ausdruck Şeb leitet sich vom persischen Wort für „Nacht“ und dem arabischen Wort „arus“ ab. Im Türkischen bedeutet er „Hochzeitsnacht“. Da der Tod in seiner Philosophie die Vereinigung mit Gott bedeutet, ist es ein freudiges Ereignis. Die Derwische tragen lange Gewänder und hohe Hüte auf dem Kopf; der Hut steht für einen Grabstein, der schwarze Umhang (Hirka) für das Grab oder das weltliche Leben, der weiße Rock (Tennure) symbolisiert das Leichentuch des Egos.
Zu Beginn des Rituals (Sema) stehen die Derwische mit verschränkten Armen da, um sie später zu spreizen und die Zahl Eins zu bilden, welche Gott symbolisieren soll. Das Ritual besteht aus präzisen koordinierten Bewegungen, wobei das Wirbeln allmählich von sanft und langsam zu dynamisch und schnell zunimmt und zu einem Zustand religiöser Trance führt.
Überliefert ist, dass während der Beerdigungszeremonie Rumis 1273 Juden und Christen im islamischen Kreis standen und sich nicht vertreiben ließen. Sie hielten an der universellen Botschaft seiner Lehre fest: mit einer Zunge, dieselbe Sprache sprechen, dieselbe Haltung einnehmen, das heißt mystische Vereinigung von Strömen des Islam, antiker Philosophie, Rabbiner-Weisheit, jüdische Folklore, Schlüsselfiguren wie Moses, Salomon die alten Griechen, für alle ist Raum.
Islamische Philosophie und Lebenspraxis
Im Außenbereich des Mevlana Museums vor den Derwisch-Zellen steht der für den Islam charakteristische Selsebil Brunnen, er hat seinen Namen von den Himmelsbrunnen Salsabil. Acht kleine und große Schalen im türkisch-kaiserlichen Stil des 19. Jahrhunderts sind in Form eines Halbkreises aus weißem Marmor auf den Himmelsmarmorspiegel des Selsebils gestellt, dessen Kanten aus behauenem Stein bestehen.
In der Architektur des Brunnens verbinden sich Schönheit und Funktion. Während das Rauschen des fließenden Wassers für Menschen musikalischen Genuss bringt, finden Vögel Wasser zum Trinken und Baden. Der Selsebil-Brunnen steht für „Einheit-Vielfalt-Einheit“, denn die Schalen sind spiegelbildlich von oben nach unten in der Reihenfolge 1-2-3-2-1 angeordnet. Die oberste alleinstehende Schale verweist darauf, dass der Mensch alleine auf die Erde kommt, dann eine Verbindung eingeht (zwei Schalen), idealerweise drei Kinder (drei Schalen) hat, die dann ihre eigenen Wege gehen, so dass das Paar wieder (zwei Schalen) unter sich bleiben.
Beim Verlassen das Diesseits ist jeder für sich allein (unterste Schale). Von der Schale ganz unten fließen die Tropfen dann in den „Ozean“, das große Becken unterhalb der Wandschalen.
Highlights in Konya
Neben inspirierenden Begegnungen rund um Mevlanas Philosophie, wartet Konya mit spektakulären Denkmälern aus dem 13. Jahrhundert auf wie dem sehr schön restaurierten Karatay Madras Museum. Die ehemalige Schule mit überwiegend, aber nicht ausschließlich religiösem Schwerpunkt beherbergt seit 1954 die wertvolle Sammlung historischer Kachelkunst mit kunstvollen geometrischen Motiven in Schwarz und Türkis aus der Seldschukenzeit.
Ein Ausflug in das nahegelegene Dorf Sille, wo Türken und Griechen über 800 Jahre lang Seite an Seite lebten, lohnt allein um die wieder aufgebaute byzantinische Kirche Agia Eleni zu sehen. Die ehemalige griechisch-orthodoxe Kirche des Erzengels Michael wurde von der Heiligen Helena, der Mutter von Kaiser Konstantin, während ihrer Reise nach Jerusalem im Jahr 327, gegründet. In Sille wurde bis zur Ausweisung der griechischen Gemeinde 1922 griechisch gesprochen.
Konyas Festspeisen und kleine Köstlichkeiten
Ein für Konya typisches Gericht ist Bamya Çorbası (Okra-Suppe), sie wurde bereits in den Palästen der Seldschuken gekocht und in der Mevlevi-Tradition weiterentwickelt, es gibt sie vegetarisch oder auch mit Lammbrühe und Fleisch. Yaprak Sarma, die mit Reis, Nüssen und Korinthen gefüllten Weinblätter kommen in Koya meist warm auf den Tisch. Traditionell stehen Gemüsegerichte – Auberginenpaste und Kichererbsen Püree, scharfes Püree aus Tomaten, Petersilie und Pfefferschoten, Bohnensalat (dicke Bohnen) in vielen Varianten – auf der Tagesordnung, aber an Festtagen und zu besonderen Anlässen wird Etli Ekmek serviert: ein dünnes und knuspriges mit gewürztem (Zwiebeln, frischen Tomaten und Paprika) Hackfleisch, bestrichenes und im Steinofen gebackenes Fladenbrot.
Dazu passt hervorragend Ayran. Lamm mit Mintsoße, Lamm mit Aprikosen und natürlich Kebab dürfen nicht fehlen. Fırın Kebabı (Ofen-Kebab) geht auf die Seldschuken zurückgeht. Gut abgehangenes, weiches und saftiges, wird traditionell auf Holzkohle gegrillt mit gerösteten Paprika und Tomaten auf warmem frischem Fladenbrot gegessen. Tirit ist ein schmackhaftes Fleischgericht: gebratenes Rindfleisch (aus der Rippe) wird auf Pide (oder Sauerteigbrot) gelegt, mit Knoblauchjoghurt beträufelt, Zwiebeln und frischer Petersilie garniert.
König unter den Gerichten ist Etli Düğün Pilavı (Hochzeitspilaw mit Fleisch), ein Rindfleischgericht, das auf Reis serviert wird. Das zarte Rindfleisch bester Qualität wird in großen Kesseln gekocht, wenn es gar ist, gesalzen und in Butter gebraten. Besonderen Geschmack bekommt der Reis, der in Öl angebraten und mit Brühe abgelöscht wird, durch gekochte Kichererbsen, Johannisbeeren und Salz. Das Fleisch wird den Gästen in großen Schüsseln serviert, es wird großzügig über den Reis gegossen.
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Fotos: Ellen Spielmann

