Auf rund 14.700 Hektar entsteht im Roussillon eine beeindruckende Vielfalt, geprägt von steilen Hanglagen, kargen Böden und einem Klima, das wie geschaffen ist für charakterstarke Weine: über 2.500 Sonnenstunden im Jahr, trockene Sommer, milde Winter und ein stetiger Wind, der die Reben auf natürliche Weise gesund hält. Diese Bedingungen bringen Weine hervor, die ebenso kraftvoll wie elegant sind – und zunehmend auch biologisch erzeugt werden: Mit rund 32 Prozent ökologisch bewirtschafteter Rebfläche gilt das Roussillon als Vorreiter in Frankreich.
Mikrokosmos Roussillon
Das Roussillon überrascht. Wer die Region bislang vor allem mit kräftigen Süßweinen und rustikalen Rotweinen verbunden hat, wird bei einer Masterclass wie dieser eines Besseren belehrt. Die Bandbreite ist beeindruckend, die handwerkliche Präzision mancher Erzeuger schlicht außergewöhnlich.
Zu den überzeugendsten Weinen des Abends zählte der Lesquerda 2021 von der Domaine Bila-Haut, einem der Flaggschiffe des Hauses Chapoutier. Die Cuvée aus Syrah, Grenache Noir und Carignan Noir begeistert mit ausgeprägter Tanninstruktur und einem ausgeprägt mediterranen Charakter – konzentriert, aber nie schwerfällig. Ähnlich präzise arbeitet Bila-Haut bei seinen beiden Lagen-Weinen: Der R.I. 2018 aus Lesquerde und der Occultum Lapidem 2020 aus Latour-de-France stehen für dieselbe konsequente Handschrift: vollständige Entrappung, vier bis fünf Wochen Mazeration, ein Jahr Reifung in Demi-Muids, dann Fertigausbau in Beton. Das R.I., in neuen Fässern ausgebaut, ist von besonderer Vielschichtigkeit; das Occultum Lapidem besitzt eine mineralische Strenge, die den Schiefer seines Terroirs unverkennbar trägt.
Eindruck hinterließ auch der Mas Janeil 2022 von François Lurton, der mit feinkörnigen Tanninen, gelungener Balance aus Restzucker und Alkohol sowie Noten von Schwarzkirsche, Rosmarin, Wacholder und Pfeffer punktet. Wer nach einem Rotwein aus dem Roussillon sucht, der sowohl Zugänglichkeit als auch Tiefe vereint, wird hier fündig.
Unter den Kooperativen ragt Les Vignerons de Maury mit dem Akmé 2024 weit heraus. Der Name – griechisch für „Höhepunkt“ – ist Programm: 80 Prozent Grenache Noir von den ältesten Parzellen der Genossenschaft, vollständig in französischen Demi-Muids vinifiziert, mit manueller Extraktion über dreißig Tage Mazeration. Kraftvoll, tiefgründig, mit langem Abgang und bei knapp 1.650 Flaschen ein echtes Sammlerstück.
Von der Domaine F. Jaubert überzeugten gleich zwei Weine auf unterschiedliche Weise. Aus 100 Prozent Carignan Voir, zeigen die Weine, was diese oft unterschätzte Rebsorte leisten kann, wenn man ihr die nötige Zeit und Aufmerksamkeit widmet. Der Hexaplex 2022, eine Cuvée aus 60 Prozent Grenache Noir, 30 Prozent Syrah und 10 Prozent Carignan Noir, ausgebaut in neuen französischen Eichenfässern, ist zwar noch in jugendlicher Entwicklung, wirkt aber ausdrucksstark am Gaumen: geräuchertes Fleisch, Brombeere, geröstetes Brot und dunkle Schokolade fügen sich zu einem stimmigen und charaktervollen Gesamtbild.
Der L’Astre Noir 2022 von Château Montana schließlich ist ein Wein, den man sich merken sollte. 55 Prozent Grenache Noir, ergänzt durch Syrah und Carignan Noir, 18 Monate im Eichenfass gereift, davon die Hälfte in neuen Fässern. Das Ergebnis ist ein strukturierter, kraftvoller Rotwein mit erkennbarem Alterungspotenzial. Nur 1.000 Flaschen wurden produziert.
Doch das Roussillon beherrscht nicht nur die rote Farbe. Der Traou de l’Ouille 2018 von François Lurton beweist, dass die Region auch bei Weißweinen zu überraschen vermag. Handgeernteter Macabeu und Grenache Gris, vergoren in 225-Liter-Fässern und Betonbehältern, zehn Monate unter regelmäßigem Bâtonnage gereift: ein Weißwein, der in Dichte und Ausdruck viele Rotweine der Region übertrifft und mit dem Reifejahrgang 2018 eine faszinierende Entwicklungsstufe erreicht hat.
Fotos: civr

