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Kulinarische Tour im Unteren Weichseltal (Teil 2)

Wenige Kilometer südlich von Gruczno in Chrystkowo steht ein historisches Mennonitenhaus (1791), das heute als Museum fungiert. Hier können sich Besucher mühelos in das Alltagsleben und die Bräuche der religiösen Minderheit hineinversetzen. Die niederländischen Siedler kamen während der Reformation nach Polen und bewohnten als Bauern und Fischer das Weichseltal. Sie durften ihre Lebensweise weitgehend beibehalten und bekamen einen Sonderstatus, die Männer mussten z.B. keinen Wehrdienst leisten.

Die Mennoniten blieben bis zum 2. Weltkrieg, später gingen sie in den Westen, einige auch nach Danzig, wo sie erfolgreich in die Wodkaproduktion einstiegen. Aus den Niederlanden kommend wussten sie, Landparzellen im flachen Gebiet gewinnbringend zu bearbeiten und besaßen das notwendige Know How in puncto Kanalisierung und Umgang mit Hochwasser.

Das historische Mennonitenaus, Chata Mennonicka, das 1791 oder 1795 gebaut wurde, steht nur etwa einen Kilometer von der Weichsel entfernt, zahlreiche Kanäle durchziehen das Gelände bis zur Weichsel. Sie dienten wohl vorwiegend der Entwässerung, nicht der Bewässerung.

Das Besondere am im Blockhausstil gebauten mit großem, auf fünf Holzpfeilern errichteten, überdachtem Veranda-Vorbau aus Holz Hauses war: Bei Hochwasser wurde die Tiere, Schweine, Hühner, Enten, Schafe und Ziegen in die obere Etage evakuiert, um sie vor dem Ertrinken zu retten. Also eine Art Arche Noah.

Mennonitenhaus von 1791, südlich von Gruczno in Chrystkowo. Foto: Jürgen Sorges
Mennonitenhaus von 1791, südlich von Gruczno in Chrystkowo. Foto: Jürgen Sorges

Die Mennoniten lebten auch vom Fischfang, wie man im Museum sehen kann. Dort ist im Erdgeschoss sogar das Modell eines imposanten Weichsel-Störs ausgestellt. Und auf dem Tisch in der einstigen Küche Modelle der hier vorkommenden Fischarten. Und historische Fotos porträtieren die hier wohl zuletzt lebende Familie des Hofeigners Karl Paapke. Im Erdgeschoß sind auch kleine geschnitzte Holzfigürchen und Schnitzarbeiten zu Märchen, z. B. Hänsel und Gretel, zu sehen.

Hinter dem Hof befinden sich Felder, Weiden und Streuobstwiesen. Um die Tradition des Obstanbaus weiterleben zu lassen und auch um den Besuch des Mennonitendorfs attraktiv zu gestalten, veranstaltet die Initiative auch einen „Tag der offenen Tür der Obstgärten“ in Chrystkowo. So lautet die Aufschrift „Dni Otwarte Sadów“ auf einem Plakat. Es hängt an einem modernen Haus, das in der Nachbarschaft des historischen Hauses errichtet wurde. Hier ist eine Gruppe von Besuchern versammelt, die den Event wohl vorbereitet haben.

Gegenüber des Chata Mennonicka wohnt die „letzte Mennonitin“ Elżbieta Maria (genannt „Ella“) Kwiatkowska, die sich mit Kräutern und Obst auskennt und z. B. Löwenzahnblüten- oder Taubnesseltee macht, vor allem aber Blaubeer-Gin (auf dem Etikett der Flasche steht: BLUE GIN) und Kirschwasser herstellt. Nach einer Kostprobe, kann man diese Naturprodukte auch erwerben.

Winzer an der Weichsel

Wenige Kilometer südwestlich lässt man die Flussniederung hinter sich und gelangt in die hügelige Landschaft des majestätischen Flusses an einen historischen Ort namens „Talerzyk“. Auf dem kleinen Plateau inmitten den Weichsellandschaftsparks, der 1995 ausgewiesen wurde, stand einst eine mittelalterliche Bastion zum Schutz und zur Überwachung der Handelsroute.

Ritter erhoben hier im 12. Jahrhundert Steuern für die Flussüberquerung. Von der alten Befestigungsanlage blieb nichts erhalten. Doch heute befindet sich an ihrer Stelle der beliebte „Talerzyk Aussichtspunkt“ (300 m Höhe). In unmittelbarer Nachbarschaft liegt die Winnica przy Talerzyku, das Weingut Talerzyku. Weinanbau gab es an der Weichsel seit dem Mittelalter bis ins 17. Jh. Danach war es wegen des Klimawechsels zu kalt für die Rebstöcke.

Rebstöcke der Winnica przy Talerzyku, dem Weingut Talerzyku. Foto: Jürgen Sorges
Rebstöcke der Winnica przy Talerzyku, dem Weingut Talerzyku. Foto: Jürgen Sorges

Erst im 21. Jh. gedeihen sie wieder. Heute werden ringsum Talerzyku bis zu 12 ha, in weiterem Umkreis 40 ha Wein angebaut. Das Familienweingut Talerzyku produziert seit 2012, der erste Riessling entstand 2015. Wiesław Janasiński ist der stolze Winzer und Besitzer, seine Frau Aneta Janasińska besorgt das Marketing und die in Warschau lebende Tochter fragt oft: Papa kannst Du mir nicht eine Kiste Wein schicken?

1996 kaufte die Familie das große Grundstück mit dem alten Haus (19 Jh.) und einem Schuppen. Seit 2010 leben sie hier nachdem Wiesław Janasiński seinen früheren Beruf als Journalist an den Nagel gehängt hat. Hauptrebsorte bei ihm ist Solaris, die sich für das kältere Klima gut eignet. Zudem baut er noch Bianca an und für die Roten Regent und Rondo. Bereits 2015 gewann Winnica przy Talerzyku einen Preis auf dem Festiwal Smaku in Gruczno und danach noch unzählige weitere.

Aktuell wird Wein nur auf 1,2 ha angebaut, es sollen aber 3 bis 4 ha werden. Während der Nachbar seine Pflanzen düngt und zudem ein passionierter Jäger ist, steht Wiesław Janasiński der Sinn nach Bio. Ein Idealfall für heutigen Önotourismus. Sein Wohnhaus musste er, da im Schutzgebiet steht, nach alten denkmalgerechten Vorgaben bauen und dem historischen Stil der Gegend anpassen. Deshalb hat es einen so steilen Dachstuhl.
 
Der Weinkeller befindet sich im und unter dem alten Schuppen nebenan. Im Untergeschoss lagern einige alte Weine und auch einige der Stahltanks. 2000-3000 l werden jährlich produziert, alles computergesteuert. Der Weißwein bleibt 7 Monate im Tank und wird dann direkt in Flaschen abgefüllt. Der Rotwein bleibt ein Jahr im Fass. Im ehemaligen Schuppen stehen Stahltanks und an der Wand hängt ein echter australischer Boomerang (den kann aber nur sein Schwiegersohn aus den Niederlanden werfen) und einige gerahmte Auszeichnungen.

Der Solaris 2021 des Weinguts. Foto: Jürgen Sorges
Der Solaris 2021 des Weinguts. Foto: Jürgen Sorges

Dazu schmücken eine alte Coca-Cola-Werbung und zwei Karikaturen, die den Besitzer u. a. auch als „Superman“ zeigen, das Interieur. Draußen im Hof befindet sich ein historischer Brunnen, der aber nicht mehr in Betrieb ist. Zur Degustation lädt der Winzer auf die Wiese hinter dem Weinberg ein. Dort steht ein uraltes 6000-l-Weinfass als Dekoration. Mit Blick auf das Weichseltal, den romantischen Fluss und am Horizont auf die Türme von Chelmno, genießen wir den sehr guten Solaris 2021 (12,5 % Alkohol). Dazu wird lokaler Käse und Brot serviert. Ein Hoch auf „Niech Cię Zakole“!


Informationen:

Historisches Mennonitenhaus, www.facebook.com/Chrystkowo-chata-mennonicka

Bauernhof „Bei den Mennoniten“, www.facebook.com/chrystkowo.eu

Winnica przy Talerzyku, www.winnicaprzytalerzyku.pl

Fotos: Jürgen Sorges, pixabay