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Dekonstruktivismus und Genuss im Baskenland

Mit dem Wagen von Bilbao kommend, erreicht man das Weinbaugebiet Rioja Alavesa, dass sich zu beiden Seiten des Flusses Ebro in den autonomen Regionen La Rioja, Baskenland und Navarra befindet, über die AP-68. Schon von der südlichen Seite des Ebro, dem Fluss im Nordosten Spaniens der nach dem Tajo der zweitlängste Fluss der Iberischen Halbinsel und von daher wichtig für die lokale Landwirtschaft ist, sieht man das merkwürdig erscheinende Gebäude des Hotel Marqués de Riscal schon früh.

Das kleine Dorf Elciego in der spanischen Provinz Álava hat nicht zuletzt durch das Meisterwerk von Frank Owen Gehry, der als Architekt für das Guggenheim-Museum (Bau: 1991 bis 1997) in Bilbao bekannt ist, Berühmtheit erlangt. Im Jahr 2000 erfolgte der Startschuss für den fast abstrus anmutenden Bau am Rande des 1000-Seelen Dorfes im tiefsten Baskenland. Gut sechs Jahre dauerte die Fertigstellung dieses Hotels, ehe der spanische Königs Juan Carlos I das Marqués de Riscal im Oktober 2006 feierlich eröffnete.

Ausblick vom Hotel auf die Weinfelder von Marqués de Riscal. Foto: Michael Schabacker
Ausblick vom Hotel auf die Weinfelder von Marqués de Riscal. Foto: Michael Schabacker

Owen schuf in Bilbao durch den Bau des Guggenheim-Museum mehr als nur ein Gebäude, dass durch seine Formgebung, den Dekonstruktivismus, besonders ist. Er schaffte mit der Gestaltung und Umsetzung vor allem eines: Die Stadt Bilbao erlangte durch das Museum Weltruhm, welcher wiederum die Abkehr der Industrie- hin zu einer Kulturstadt zur Folge hatte. 

„Bilbao-Effekt“

Der Journalist und Fotograf Nicolas von Ryk schuf für diesen Prozess in einer Veröffentlichung in der „Welt“ sogar einen eigenen Begriff: den „Bilbao-Effekt“. „Bilbao hat sich zu einem sehenswerten Wirtschaftszentrum mit künstlerischen Ambitionen gemausert … Guggenheim hat Bilbao vor der Bedeutungslosigkeit bewahrt“, so von Ryk wörtlich.

Das Guggenheim-Museum in Bilbao. Foto: pixabay
Das Guggenheim-Museum in Bilbao. Foto: pixabay

Einen Weltruhm konnte der Bau des Hotel Marqués de Riscal dem kleinen Ort Elciego nicht bescheren, aber die Region ist ohnehin bekannt durch das, was hier schon seit Jahrhunderten Bestand hat: den Weinanbau. Und auch dafür ist das Unternehmen Marqués de Riscal natürlich bekannt. Denn schon seit 1858 ist das Unternehmen in der Weinindustrie tätig, größtenteils wurden hier Rotweine produziert. 

Cabernet Sauvignon, Merlot, Malbec und Pinot noir

Die Geschichte des Weinguts ist eigentlich auch die Geschichte vom französischen Weinanbau. Denn 1852 wurde der Diplomat und Journalist Camilo Hurtado de Amézaga (1827–1888) aus Bordeaux von der Regionalregierung der baskischen Provinz Álava beauftragt einen Winzer zu suchen, der Weine nach französischem Vorbild produzieren kann. Nachdem dieser in der Person von Jean Pinau aus den Kellereien des Château Lanessan gefunden wurde, schickte Hurtado 9.000 Weinstöcke der edelsten in Frankreich angebauten Sorten Cabernet Sauvignon, Merlot, Malbec und Pinot noir in die Rioja Alavesa.

Weinfässer von Marqués de Riscal. Foto: Michael Schabacker
Weinfässer von Marqués de Riscal. Foto: Michael Schabacker

1858 erfolgte dann durch Hurtado die Gründung von Marqués de Riscal. 1895 erhielt das Unternehmen als erstes nicht-französisches Weingut das Ehrendiplom in der internationalen Ausstellung von Bordeaux. Bekannt wurde das Unternehmen auch wegen des Metallgeflechts, das die Flasche umschließt. Damals ein Versuch Etikettenschwindel zu erschweren und um das Produkt luxuriöser aussehen zu lassen. Dieses goldfarbene Netz spiegelt sich im Übrigen auch in der Farbgebung des Daches des Hotel Marqués de Riscal wider, genauso wie die Farbe Rosa für den roten Wein und Silber für die Flaschenkapseln.

7.000.000 Flaschen

Und das Marqués de Riscal kein kleiner Player ist, belegt schon die Fläche, welche zur Produktion der Weine eingesetzt wird. Rund 1500 Hektar Rebfläche, von denen 500 Hektar Eigenbesitz sind, folgern die Produktion von mehr als sieben Millionen Flaschen jährlich. Im Fokus stehen dabei die Rebsorten Tempranillo, Graciano und Mazuelo. Mittlerweile exportiert das Unternehmen gut 60 Prozent ihrer Weine in über 100 Länder der Welt. Kein Wunder, werden doch mit die besten Weine der Rioja-Region von Marqués de Riscal produziert. Das Weingut ist auch Hoflieferant für das spanische Königshaus!

Rebfläche von Marqués de Riscal in Elciego. Foto: Michael Schabacker
Rebfläche von Marqués de Riscal in Elciego. Foto: Michael Schabacker

Rioja und Baigorri

Das Weingebiet Rioja als Mitglied im Netzwerk „Great Wine Capitals“ gehört in Europa zu den wichtigsten Weinanbaugebieten überhaupt. In der Region befinden sich über 20.000 Winzer, die zumeist auf Kalk- und Lehmböden vor allem für eines stehen: die Produktion von Tempranillo-Weinen. Dabei sind es zumeist reinsortige Tempranillo-Weine oder auch Verschnitte mit einem Anteil von über 50 Prozent Tempranillo und kleineren Anteilen von Mazuelo, Garnacha und Graciano.

Ein guter Beleg für das Hauptaugenmerk vieler Winzer auf die Rebsorte Tempranillo ist das unweit von Marqués de Riscal angesiedelte Unternehmen Baigorri in Samaniego. Baigorri profitiert ebenso wie Marqués de Riscal klimatisch vom Zusammenspiel atlantischer und mediterraner Einflüsse. Das Unternehmen ist im Anbau klassisch aufgestellt: 85 Prozent der Rebsorten wird auf den Böden aus kalkhaltiger Tonerde zur Gewinnung für Rotwein aus den Rebsorten Tempranillo, Garnacha, Mazuelo und Graciano angebaut.

Die beeindruckende Stahl-Glas-Konstruktion des Weinguts Baigorri. Foto: Michael Schabacker
Die beeindruckende Stahl-Glas-Konstruktion des Weinguts Baigorri. Foto: Michael Schabacker

Architekt Iñaki Aspiazu hat mit dem Bau des Baigorri-Gebäudes ganze Arbeit geleistet. Ein Glaskubus, der mit Rundumverglasung gut 400 Quadratmeter Fensterfläche besitzt, setzt sich unterirdisch über sieben Stockwerke fort. Im oberen Bereich werden die Trauben angeliefert, im untersten Bereich erfolgt die Lagerung. Diese Bauweise hat sich weltweit bereits erfolgreich durchgesetzt, können doch so ohne Pumpen, nur durch reine Schwerkraft, die Trauben transportiert werden. Dieser schonende Umgang mit den Trauben sorgt für einen besseren Geschmack da es zu keiner Beschädigung des Traubenmaterials durch Pumpen kommt.

Das Unternehmen setzt zur Reifung auf Eichenfässer aus Frankreich und konnte schon verschiedene Preise von Bronze bei den Decanter World Wine Awards über Silber bei Mundus Vini bis hin zu Gold beim Concours Mondial de Bruxelles einheimsen. Baigorri ist ein recht junges Weinunternehmen – das Weingut wurde 2002 gegründet – hat international aber durchaus schon aufhorchen lassen. Viele der Weine liegen nach Suckling jenseits der 90 Punkte, Tim Atkin vergab sogar schon 96 Punkte für den 2016 Baigorri de Garage. Ein Unternehmen, dass sicher in Zukunft noch von sich hören lassen wird…

Imposant: Weinkeller mit angeschlossenem Restaurant. Foto: Michael Schabacker
Imposant: Weinkeller mit angeschlossenem Restaurant. Foto: Michael Schabacker

Informationen:

Marqués de Riscal: www.marquesderiscal.com/en

Bodega Baigorri: www.bodegasbaigorri.com

Fotos: Michael Schabacker, pixabay