Die interessant kuratierte Schau der Albertina über die Faszination der Gotik, die sich nach langer Vergessenheit in der Kunst der Moderne um 1900 entfachte und seither immer neue Wellen in Literatur, Musik und Subkultur-Lifestyle schlägt, öffnet neue Fenster in mehrfacher Hinsicht. Hier können dank der Kooperation mit der Finnish National Gallery / Ateneum Art Museum, Helsinki und The National Museum of Art, Architecture and Design, Oslo, bei uns wenig bekannte Künstler wie der Norweger Theodor Kittelsen, der Finne Hugo Simberg entdeckt, selten ausgestellte Bilder wie Akseli Gallen-Kallelas „Lemminkäinens Mutter“ (1897) betrachtet werden.
Albertina Kurator Ralph Gleis und Co-Kuratorin Julia Zaunbauer gelingt ein Coup im historischen Schnitt, Kunst des Symbolismus bis hin zum Expressionismus in ihren Banden und ihrer Affinität zur Gotik zu präsentieren. Sie optieren für die Gegenüberstellung, die direkte Konfrontation der zwischen 1875 und 1925 entstandenen Kunstwerke (Paula Modersohn-Becker, Edward Munch, Franz Stuck, Käthe Kollwitz u.a.) mit ikonischen Gemälden, Grafiken und Skulpturen Alter Meister (der Albertina) Lucas Cranach d. Ä., Martin Schongauer, Hans Baldung Grien, Matthias Grünewald. Im konzeptuell intendierten „Schock“, der beim Betrachter im vergleichenden Blick der gegenübergestellten Kunstwerke ausgelöst wird, liegt das Surplus der Ausstellung. In zehn thematischen Kapiteln nähern sich die Kuratoren an das Phänomen der Faszination Gotik an.
Um 1900 kam in Künstlerkreisen der Hype um das „Gotische“ auf, das bis dahin im Zuge der Ablehnung alles Mittelalterlichen negativ besetzt war. Maßgeblich zu diesem Image beigetragen hatte der Kunsthistoriker Giorgio Vasari, der die Gotik der tedeschi (Deutschen) für roh und barbarisch hielt. Vasari war vom Realismus der Gefühle, die sich in der Kreuzigungsszene des Isenheimer Altars (Matthias Grünewald) manifestiert, heillos überfordert. Mit der Moderne fand eine Wiederentdeckung der Gotik – 13.-15. Jahrhundert – statt, sie wurde emphatisch gefeiert. Die in „Gothic Modern“ gezeigten Künstler und Künstlerinnen nutzten Materialität, Können, Genres und Vorstellungswelt der Epoche Gotik um konstante Fragen und Probleme des Menschlichen und des Universums – Geschlecht, Natur, Liebe, Schmerz und Tod, Diesseitiges und Jenseitiges – künstlerisch neu zu fassen und zu bearbeiten.
Leben mit dem Tod, ars moriendi
Vincent van Goghs Ölgemälde, „Kopf eines Skeletts mit brennender Zigarette“ (1886), Leihgabe des Van-Gogh-Museum Amsterdam, das die Vergänglichkeit alles Irdischen ausdrückt, dient der Ausstellung als Motto. Inspiriert von neuen Todesvorstellungen und innovativen Bildwelt der Gotik im Feld des Sakralen und Profanen – das Motiv von Skelett und Totentanz – die Tradition des Memento mori – malte Edward Munch sein „Selbstportrait mit Knochenarm“ (1895).
Keine Berührungsangst mit dem Tod signalisieren Marianne Stokes beeindruckenden Gemälde „Melisande“ (um 1895), das die Protagonistin aus Maurice Maeterlincks Theaterstück „Pelléas und Mélisande“ darstellt und „Das junge Mädchen und der Tod“ (1908). Hugo Simbergs, „Der verwundete Engel“ (1903), das ikonische Werk des finnischen Fin de Siècle, wird als symbolische Allegorie menschlicher Verletzlichkeit interpretiert. Der Maler evoziert mit der Gestalt des verletzten Engels eine spirituelle Sphäre, die in der gotischen mystischen Malerei anzutreffen ist. Sie öffnet den Weg für das Profane, fördert subjektive Empfindung und Gefühlsstärke, ermöglich individuelles Miterleben. Nordische Künstler des Symbolismus wie Akseli Gallen-Kallela studierten spätgotische Meister, allem voran Matthias Grünewald. Dessen Figurensprache und die Kostbarkeit und Leuchtkraft der Farbenkontraste sowie die Lichtvision im Isenheimer Altar (1512-15) finden ihr Echo in den Bildern „Lemminkäinens Mutter“ (1897) und Ad Astra (1907), dem Ölbild auf Leinwand, bemalter und vergoldeter Holzschrein, einer Leihgabe aus Helsinki.
Die andauernde Faszination für das Gotische manifestierte sich exemplarisch bei einer jungen Ausstellungsbesucherin, die im perfekten schwarzen Gothic-Look lässig an der weinroten Wand des ersten Saals, neben dem weißen Schriftzug „Gothic Modern“ lehnte.
Katzensprung zum Einstein am Rathausplatz
Das „Einstein“ Bierbeisl und Restaurant im 1. Wiener Bezirk bietet alles vom Frühstück bis Feierabendbier. Wer traditionell wienerische Speisen mag und es mal kein Wiener Schnitzel sein soll, bestellt den „Alt Wiener Zwiebelrostbraten mit Braterdäpfeln, Röstzwiebeln und Fächergurkerl“ oder „Bauerngulasch (mit Würstl und Erdäpfeln)“. Es gibt aber auch fleischlose, leckere Gerichte, z.B. die „Kasnockerln mit Bergkäse und grünem Salat“. Dazu passen perfekt Biere vom Fass: Wieselburger Gold, Starobrno, Schwechater Zwickl.
Besonders charmant ist und bleibt der 7. Wiener Bezirk, einst als „Neubau“ bekannt. Er liegt zwischen „Ring“ (das historische Zentrum mit Hofburg, Oper, Stephansdom) und „Gürtel“ (historische Stadtgrenze). Seinen Namen „Neubau“ verdankt der Bezirk den Biedermeierhäuschen rund um den Spittelberg. In einem sehr schön restaurierten Biedermeiereckhaus in der Burggasse 13 ist das Restaurant „Zu ebener Erde und erster Stock“ zu finden. 1962-63 hieß das Lokal „Zum Heiligen Josef“ in Anlehnung an das gleichnamige Theaterstück von Johann Nepomuk Nestroy.
Seit 2021 kocht Küchenchef Christian Csermak im „Zu ebener Erde und erster Stock“. Er modernisierte die bodenständige Wiener Küche, legte den Schwerpunkt auf saisonales und regionales (so kommt das Fleisch vom Hof aus Ottakring). Mit dem „Dirndlbeer-Spritz“ (Fruchtig-spritziger Aperitif aus regionalen Beeren) fängt der Genuss an. „Kürbiskernverhackert´s/ Gebäck“ (Hausgemachter Topfenaufstrich vegetarisch) empfiehlt sich als Starter.
Als Hauptspeise gilt es zwischen „Waldviertler Kaninchenfilet mit cremigen Kürbisgemüse, schwarzem Sesam, St. Laurent Jus und getrüffelter Steinpilzkartoffelroulade“, dem „Original Wiener Schnitzel vom Kalb“ (Knusprig gebacken, serviert mit zweierlei Erdäpfeln) zu wählen. Sehr zart ist der „Tafelspitz vom Mastochsen mit Cremespinat und Rösti, Schnittlauchsauce und Apfelkren“. Ein absolutes Muss, das Dessert: Hausgemachte Mehlspeisen, z.B. Apfelstrudel, Donauwelle und man staune „unzensiert“ und „political nicht korrekt“ lese ich auf der Menükarte: „Mohr im Hemd“ mit Schlagobers und Fruchtröster. Ein Schelm, der dabei Böses denkt.
Informationen:
Museum Albertina: Gotik Modern www.albertina.at/ausstellungen/gothic-modern
Hotel Regina: www.hotelregina.at
Restaurant Bierbeisl Einstein: www.einstein.at
Restaurant Zu ebener Erde und erster Stock: www.zu-ebener-erde-und-erster-stock.at
Fotos: Ellen Spielmann, pixabay

