Denn dort trifft Renaissance auf Avantgarde. Die Stadt, die an gleich zwei Flüssen liegt, hat nicht nur rund 400 erhaltene Renaissance-Gebäude im historischen Zentrum Vieux Lyon zu bieten, UNESCO-Welterbe! Die City an Rhône und Saône punktet gleichzeitig auch mit moderner, futuristischer Architektur. Ein spannungsvoller Kontrast…
Allen voran ist da das Musée des Confluences. Der Name ist Programm: Der Bau aus Beton, Glas und Stahl erhebt sich kühn an der Südspitze der Halbinsel Prequ’île im ehemaligen Industriehafengebiet inmitten der Stadt. Genau am Zusammenfluss (frz. confluence) von Rhône und Saône. Spacig mutet dieses Natur- und Humankundemuseum an, einem glitzernden Raumschiff gleich, das da zwischen den beiden Wasserarmen gelandet ist.
So aufbauend kann Dekonstruktivismus sein
Dabei bezieht sich der Name „Musée des Confluences“ nicht allein auf den geografischen Ort. Er spielt gleichzeitig auf das „Zusammenfließen“ von Wissen aus den Natur- und Humanwissenschaften an. Entworfen vom österreichische Architekturbüro Coop Himmelb(l)au im dekonstruktivistischen Stil, hat sich das Museum zu einem Wahrzeichen der Stadt entwickelt. Die Architekten hatten sich zuvor bereits mit der BMW Welt in München einen Namen gemacht.
Modernes Wahrzeichen der Stadt
Das Museum in Lyon jedenfalls, Ende 2014 eröffnet, ist ein Haus der Extraklasse. Gezeigt werden über zwei Millionen Objekte, die Einblicke in die abenteuerliche Menschheits- und Naturgeschichte geben. Wahre Schätze von Meteoriten über Mondgestein, Ammoniten, Masken, Mumien bis hin zu einem 155 Millionen Jahre alten Dinosaurierskelett sind auf rund 3.700 Quadratmetern allein in der Dauerausstellung zu sehen.
Heute schon einen echten Dinosaurier gestreichelt?
Und es bietet Erlebnisse, die berühren. Denn da ist dieser Dinosaurier-Knochen zum Anfassen. Berühren ausdrücklich erwünscht! Wo sonst dürfen Museumsbesucher mit den Fingern ehrfürchtig über einen mächtigen Dinosaurier-Oberschenkelknochen streichen und die Struktur des Knochens dieses Camarasaurus spüren? 155 Millionen Jahre unter den Händen sorgt bei so manchem für eine Gänsehaut. Ein imposantes Tier übrigens, dieser etwa 14 Meter lange Pflanzenfresser. Er konnte sich mal eben Blätter in rund fünf Metern Höhe schmecken lassen…
Doch nicht nur das Musée des Confluences ist ein atemberaubender Hingucker auf der Halbinsel Prequ’île. Schließlich hat es sich die Stadt Lyon zum Ziel gesetzt, diese zentral gelegene, aber doch lange vernachlässigte Industriebrache auf höchst zeitgemäße Art wiederzubeleben und dabei architektonisch Maßstäbe zu setzen. Bilbao und das Frank-O.-Gehry-Guggenheim-Museum lassen grüßen!
Eine Stadt schaut in die Zukunft
Jedenfalls setzt Frankreichs drittgrößte City alles daran, das rund 150 Hektar große Areal im 2. Arrondissement aufzuwerten. Bis zum Jahr 2030 sollen 4.500 Bäume gepflanzt, 1.650 Unternehmen angesiedelt, 5.000 neue Wohnungen errichtet und 8.400 Studenten ein neues Zuhause finden. Die Mischung macht’s! Lyon mit seinen Renaissance-Schätzen erfindet sich in Confluence-Viertel neu.
Architektur-Ikonen in Orange und Giftgrün
Schon leuchten dort spektakulär am Kai zum Beispiel zwei farbige Gebäudewürfel in knalligem Orange und Giftgrün. Am Quai Rambaud errichtete das Architektenbüro Jakob + MacFarlane direkt am Wasser den „Orange Cube“. Umhüllt von einer Aluminiumhaut nach Lochstickerei-Art und einem kegelförmigen Trichter zieht dieser Kubus die Blicke magisch an.
Party im alten Zuckerspeicher
Nur ein paar Schritte weiter den Kai entlang erhebt sich das Industriegebäude des ehemaliges Zuckerlagers „La Sucrière“ aus den 1930er Jahren. Wo Schiffe einst tonnenweise süße Kristalle anlieferten, lockt heute in ein Kulturzentrum. Es ist ein Platz für Messen und Ausstellungen. Alle zwei Jahre im Herbst ist es Schauplatz der Biennale für zeitgenössische Kunst. Und auf dem Dach des Zuckerhauses geht heute die Party im coolen Club „Le Sucre“ (der Zucker) ab.
Die Architektur-Parade geht im 1. Arrondissement weiter. Schließlich hat Frankreichs berühmter Architekt Jean Nouvel der ehrwürdigen Opéra National de Lyon an der Place de la Comédie gleich gegenüber dem Rathaus eine neue Haube aufgesetzt. Er nämlich hat dem bedeutenden Opernhaus mit seiner neoklassizistischen Fassade ein halbzylindrisches, stylisches Glasdach gegeben, das Gebäude erweitert und auf einzigartige Weise verändert. Allein der neue, hufeisenförmige, schwarz gestaltete Hauptsaal ist im Innern des Gebäudes schwebt zirka zehn Meter über dem Boden – aufgehängt an sechs Stahlträgern!
Lyon berührt, Lyon verführt
Selbstverständlich kommt in Frankreichs Gastronomie-Hauptstadt der Genuss nicht zu kurz. Schließlich hält gutes Essen Leib und Seele zusammen. So ist im ehemaligen Krankenhaus Hôtel-Dieu, von Jacques-Germain Soufflot Mitte des 18. Jahrhunderts im neoklassizistischen Stil errichtet, ein besonderes Restaurant entstanden. Dort speisen die Gäste unter einer 32 Meter hohen Kuppel fein im Restaurant „Le Dôme“, es ist Teil des Hotels Intercontinental Lyon. Direkt unter dem monumentalen Gewölbe serviert man unter anderem schmackhaften Mittagsmenüs sowie „Snacks“ von Bowls bis Kaviar. Für einen Drink wartet die schicke, preisgekrönte Bar mit einem reichen Cocktail-Angebot auf.
Speisen im „Bouchon“
In Lyon treffen Tradition und Moderne architektonisch und kulinarisch zusammen. Wer gern klassisch-altbewährt speist, kehrt in einen der guten, alten, unverwechselbaren „Bouchons Lyonnais“ ein. Zum Beispiel im Lokal „La Meunière“, der wunderbaren „Müllerin“. Patron Olivier Canal, gleichzeitig Chef der Vereinigung „Les Bouchons Lyonnais“, bewahrt überlieferte Rezepte, wenn er lokale Fleischgerichte wie Kaninchenterrine mit Estragon oder ein Carpaccio vom Kalbskopf serviert.
Schlemmen im „Kleeblatt“
Doch ebenso sind in Lyon hervorragende vegetarische Restaurants zu finden. Chefköchin Emily Dader mit deutscher Mutter hat sich im „Trèfle“ (Kleeblatt) gar der veganen Küche verschrieben. das Restaurant ist von Michelin als „Inspektoren-Favorit“ empfohlen. Daders raffinierten Kompositionen wie grüne Bohnen mit Kirschen, aromatisiert mit einer Schalotten-Vinaigrette, an einer Ajo Blanco-Sauce oder die gebratenen Austernpilze mit Freekeh-Taboulé und Pilz-Jus sind so köstlich, dass Fleisch dort niemand vermisst. In dieser Stadt des vielfältigen Hochgenusses…
Informationen:
Fotos: Quentin Lafont, Jean-Pierre Poupon, Beryl Libault, Kirsten Lehmkuhl

