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In Apuliens Masserie: authentische Küche

Auf die Geschichte der Masseria Scianne ist Vanda, heute schon 70 Jahre und Chefin des Hauses, sichtlich stolz. Ursprünglich hatte die mal Jura studiert, dann aber kamen die Heirat mit einem Zahnarzt, drei Kinder und eben dieser Kauf. Heute besitzt die Masseria 60 Hektar Land und pflegt 10.000 Olivenbäume. Nach der Katastrophe des Olivenbaumsterbens ab 2013 durch das Feuerbakterium Xylella fastidiosa keine Kleinigkeit. Auch hier vielen vor allem uralte Olivenbäume dem Schädling zum Opfer. Aufwendig musst neu- und nachgepflanzt werden. 

Innenhof und einstige Stallungen wurden zudem einem wunderbaren Restaurantbereich mit Palmen und historischem Mobiliar eingerichtet, der alte Pferdestall der Barone gegenüber trotz vieler bürokratischer Hindernisse für stilechte Übernachtungen umgebaut. Ebenso Teile der alten Wohnanlage, die im 17. Jh. noch wie fast alle Masserie burgähnlich und damit geschützt angelegt worden war. 

Scianne und Vandas Cucina povera

Den Namen „Scianne“ wählte Vanda hingegen aus dem örtlichen Dialekt von Nardò: „Scianne“ sind demnach historische Kupferbehälter, die einst für den Transport von Öl zur, in und von der Olivenöl-Manufaktur des Gutes benutzt wurden. Heute verkauft die Masseria natürlich auch ihr exzellentes Olivenöl der Qualitätsstufe EVO, und es ist natürlich auch einer der Stars im exzellenten Restaurant, dem eigentlich Reich von Vanda. Denn hier kreiert sie ihre strikt regionale traditionelle „cucina povera“, des Salento, nach uralten, bewährten Rezepten, bio sowieso. 

Dies gilt natürlich für all die herrlichen in Oliven- oder Sonnenblumenöl eingelegten Gemüseprodukte, darunter Rares wie der hier in Mauerritzen wuchernde wilde, dann eingelegte Spargel, Artischocken in Öl mit Minze und Knoblauch, Rapa (Stängelkohl) oder Cicoria (Chicorée). Unschlagbar sind dann natürlich auch ihre Marmeladen, allen voran Aprikosen- und die sensationell cremige Orangemarmelade. Dies alles kann man natürlich auch direkt am opulenten Frühstücksbuffet probieren, samt Salami, Schinken und zig Käsesorten und dazu Vandas selbstgebackenem Brot und Pfannkuchen. 

Die Masseria Scianne. Foto: Jürgen Sorges
Die Masseria Scianne. Foto: Jürgen Sorges

Das Ganze wird natürlich sogar noch zu einem kulinarischen Fest beim abendlichen Dinner, wo man unter mindestens fünf frischen vegetarischen Vorspeisegerichten – serviert in riesigen Schalen – wählt (im Frühjahr z. B. Saubohnen, Chicorée), wunderbare erste Gänge mit frischer, natürlich von Vanda und Team handgefertigter Pasta samt Auberginen oder Cime di Rapa genießt, um dann schließlich beim Hauptgang nicht nur Vegetarisches oder wunderbare Schweinsrouladen zu entdecken, sondern auch herausragende Pferdefleischgerichte – eine Spezialität des Salento.

San Giuseppe da Copertino

Erst einmal nehmen wir aber auf Kaminfeuer an der Bar Platz, genießen Spritz, Wein, Biere, Kaffee und bewundern die schon leicht angegilbten Fotografien einiger Militärpiloten an der Wand. Ob diese nun aus der Familie der Barone oder aus Vandas Umfeld stammen – ungewiss. Sicher ist indes, dass alle Flieger weltweit ganz nahebei einen ihren wichtigsten Beschützer finden: San Giuseppe da Copertino, deutsch Josef von Copertino (1603 – 1663), Schutzpatron alle Piloten Italiens und weltweit, insbesondere aber auch der US Air Force. Giuseppe war seinerzeit womöglich noch berühmter als Apuliens aktueller Topheiliger Padre Pio! Denn er konnte, das wird man hier im Salento nicht müde zu erzählen – tatsächlich fliegen. 

Das erste Mal – als Priester im nur sieben Kilometer von der Masseria Scianne entfernten Städtchen Copertino am 4. Oktober 1630 im Sanktuarium der Madonna von Grottela, als er vom Kirchenboden zügig hoch zur Kanzel flog, vermutlich um sich die Stufen zu sparen. Dies später von der Kirche als Levitation – Schweben – eingestufte Abheben wiederholte er dann wohl bis zu 100 Mal. 

Handgefertigte Pasta zum Dinner. Foto: Jürgen Sorges
Handgefertigte Pasta zum Dinner. Foto: Jürgen Sorges

Top gesund in Supersano

Heute wirbt man in Italien mit Scienza infusa eher für vegetarische oder Gesundheitsprodukte und die so innewohnenden heilsamen Wirkungen. Dies ist aber im Salento gar nicht nötig. Denn schließlich gibt es ja hier auch einen weltweit einmaligen Ort mit dem schönen Namen „Supersano“. Das kann man getrost und frei mit „super gesund“ übersetzen! Und hier öffnet ein weiteres kulinarisches Schmuckstück, die Masseria Le Stanzie, ihre Türen. 

Dies historische Landgut datiert sogar bis in antike römische Zeit zurück, als man mehrere zusammengelegte Landgüter auch „massa“ bzw. „massae“ nannte, aus dem sich dann der Begriff „Masseria“ entwickelte. Tatsächlich denken viele beim Namen „Le Stanzie“ heute rasch an italienisch „stanze“ für „Zimmer“. Doch der Name bezieht sich auf eine antike „statio“, ein antikes römisches Gasthaus mit Pferdewechselstation, das damals an der Via Traiana-Constantiniana öffnete, die die antiken Hafenstädte Otranto und Gallipoli verband. 

Die heutigen Gebäude des Haupthauses datieren indes auf das 15. bis 17. Jahrhundert zurück, als die Straße und die Masseria für sichere Übernachtung und Verpflegung von Händlern sorgte, die mit hoch nachgefragten Lampenöl handelten, das im Salento aus Oliven hergestellt wurde. Lampenöl wurde dann ab Gallipoli bis nach England und Frankreich verschifft. Zur Ruine verfallen, kam diese Masseria in Besitz von Donato Fersino und Familie. 

Die Masseria Scianne: klassisches Steinhaus. Foto: Jürgen Sorges
Die Masseria Scianne: klassisches Steinhaus. Foto: Jürgen Sorges

Seit 1998 sorgte Fersino dann Schritt für Schritt für die Restaurierung. Heute öffnet hier sein familiengeführtes Restaurant, das aufgrund der ebenfalls hier angebotenen traditionellen ländlichen „Cucina povera“ der Gegend so stark besucht ist, dass es vor einigen Jahren einmal sogar mitten in der Hochsaison für vier Wochen schloss, um den Andrang zu zügeln! Kein Wunder, wenn man in der historischen Küche dann die ältere Dame Lucia bei der Herstellung per Hand von frischen Sagne `ncannulate“ bewundert: Das sind Nudeln in gedrehter Form, die beinahe an die barocken Säulenformen im nahen Lecce erinnert. Serviert werden sie mit Tomatensauce und Ricotta. Es dürfen aber auch von ihr mit mehligen Händen hergestellte Orecchiette, Apuliens berühmt „Öhrchennudeln“ sein. 

Oder eines ihrer aus Grano Duro hergestellten runden 500-Gramm-Brote aus dem Ofen. Das Gut mit 50 Hektar ist eigentlich auf getrocknete Tomaten spezialisiert, liefert aber alles von Hof und Garten, was das Herz begehrt. Oder darf es doch lieber Saubohnenpüree mit gedünstetem Chicorée und gerösteten Brotwürfeln sein? Auch hier im Angebot: Pferdefleischgerichte! Ideal sind natürlich dann dazu die Salento Weine, ob nun ein Salice Salentino oder ein Primitivo Riserva aus Manduria. Ganz exzellent sind dann natürlich auch die Weine der Tenuta Liliana aus dem nahen Parabita. 

Grano Duro, runde 500-Gramm-Brote aus dem Ofen. Foto: Jürgen Sorges
Grano Duro, runde 500-Gramm-Brote aus dem Ofen. Foto: Jürgen Sorges

Ein Faible für Johanna Bonger und van Gogh

Doch die Masseria Le Stanzie ist noch weitaus mehr als nur ein Hort höchst gesunder köstlicher Kulinarik. Sie ist auch Museum und Galerie, präsentiert das historische Leben und Arbeiten in einer Masseria und zeigt seit 2024 zudem eine Sonderausstellung, die man hier nicht erwartet hätte. Dank einer Radiosendung wurde Donato Fersino auf Johanna van Gogh-Bonger (1862 – 1925) aufmerksam und präsentiert so eine Retrospektive zu ihrem Leben und Werk. 

Die Gattin Theo van Goghs und Schwägerin von Vincent van Gogh kümmerte sich ab 1891 um den Nachlass der zwei Verstorbenen und sorgte dann nach und nach für den späten Ruhm des Malers nicht nur berühmter, farbenprächtiger Sonnenblumenbilder, dessen Gemälde heute alle Preisrekorde schlagen. Flugs benannte Donato Fersino sogar den privaten, von der Landstraße zur Masseria führenden privaten Zufahrtsweg in Via Johanna Bonger um.


Informationen:

Masseria Scianne: www.masseriascianne.it

Masseria Le Stanzie: www.lestanzie.com 

Tenuta Liliana: www.tenutaliliana.com/en

Fotos: Jürgen Sorges

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