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Besuch im Gesamtkunstwerk: die Tenuta San Leonardo

Borghetto all`Adige und die Tenuta San Leonardo befinden sich südlich von Avio im äußersten südlichen Zipfel des Trentino. Hier, im Tal der rauschenden Etsch und in erstaunlich niedriger Höhe von durchschnittlich nur 125 Metern über dem Meeresspiegel, liegen jene 300 Hektar Land mit 30 Hektar Weinbergen, ein wahrhaft paradiesischer Ort. Auf der Ostseite des Tals breiten sich zudem die Hänge der Monti Lessini aus. Dazwischen und mit grandiosem Mikroklima ausgestattet, liegen die Wälder und Weinberge von San Leonardo – ein Glücksfall der Natur. Einerseits bringen die Berge Kälte und Schnee im Winter, andererseits sorgt der warme Ora-Wind vom Gardasee täglich für trockenes, wohltemperiertes Klima – die perfekte Koexistenz zwischen alpinen und mediterranen Einflüssen. 

Zudem: Die Sonneneinstrahlung ist bemerkenswert – dennoch nicht übermäßig. Die Lage macht es möglich, dass die Reben täglich drei bis vier Stunden Extra-Schatten erhalten, die Rebstöcke „atmen“ auch im Hochsommer. Ergebnis: Der moderate Zuckergehalt der Trauben ermöglicht jederzeit einen Alkoholgehalt von 13 Prozent – perfekt für die Weine von San Leonardo, die sich durch Finesse und besondere Eleganz auszeichnen.

Anselmo Guerrieri Gonzaga. Foto: Jürgen Sorges
Anselmo Guerrieri Gonzaga. Foto: Jürgen Sorges

Anselmo Guerrieri Gonzaga, seit 2001 an der Seite von Vater Carlo für San Leonardo verantwortlich und so 2026 im 25. Jubiläumsjahr, fährt bestens gelaunt in einem herrlich restaurierten Fiat 500 Coupè vor. Den Weg vom Herrenhaus, der Villa Gresti, hinab zu den historischen Wirtschaftsgebäuden am Eingangstor, hat er auf einer alten Vespa zurückgelegt, die nun vor seinem Büro parkt. Und den für die Weinbergtour angekündigten Jeep hat er kurzerhand in dieses perfekt restaurierte Vorzeigemodell des italienischen Wirtschaftswunders getauscht, das aus zwei uralten Fiat 500 zusammengeschweißt wurde. 

Tatsächlich entpuppt sich der „Cinquino“ im Terrain als idealer Kletterer, fährt uns vorbei an perfekt gepflegten Weinbergen und Baumalleen hinauf zu den schönsten Aussichtspunkten. Klar: Jahrelang hat Anselmo Guerrieri Gonzaga, heute mit Gattin Ilaria die treibende im Gut, auch mit der Umwandlung zu Bio-Weinbergen experimentiert. 

Schon 2015 begann man mit zertifizierten „Organic farming“, 2018 erhielt das Gut die Anerkennung als „Freund der Biodiversität“, 2024 schließlich die Equalitas-Zertifizierung für nachhaltiges Wirtschaften, das Umwelt, Ökonomie und soziale Aspekte umfasst. Dennoch, so Anselmo Guerrieri Gonzaga, musste man sich von einigen biologischen Versuchen wieder verabschieden, da das Terroir des Gutes anderes verlangt. 

Weinfeld vor der Tenuta San Leonardo. Foto: Jürgen Sorges
Weinfeld vor der Tenuta San Leonardo. Foto: Jürgen Sorges

Bienen, Roboter und Monster-Traktoren 

Schon seit Jahrzehnten betreibt die Tenuta eine die Biodiversität schützende eigene Bienenzucht – und so steht auch Honig auf der Verkaufsliste des Gutes, die neben Wein auch Olivenöl und diverse Grappe exzellenter Güte umfasst. Rings um das Gut gedeihen die drei für den Erfolg von San Leonardo maßgeblichen Rebsorten: Cabernet Sauvignon, Merlot und – Carmenère. Letztere ist die älteste auf San Leonardo angebaute Rebsorte. 

Heute gilt Carmenère quasi als „Essenz von San Leonardo“, gibt solo oder auch im Blend des berühmten San Leonardo IGT Vigneti delle Dolomiti den Weinen Persönlichkeit und Struktur. Ebenfalls auf dem Gut wachsen die Lagrein-Trauben für den hervorragenden Rosé „Gemma di San Leonardo“ von San Leonardo. Die Reben für die Weißweine, Cabernet Sauvignon und Riesling, gedeihen hingegen auf 15 Hektar Land im Val di Cembra im nördlichen Trentino, auf bis zu 700 Metern Höhe. 

Natürlich wird auf San Leonardo auch modernste Technik eingesetzt – da, wo es sinnvoll ist. Davon zeugt ein durch die Rebstock-Spaliere geisternder blauer Roboter, ein „Vitibot“ der Marke Bakus. Und natürlich hat solch ein Technikeinsatz hier Tradition. Davon zeugt das kleine Traktorenmuseum in einem der schmucken Wirtschaftsgebäude. Dort finden sich Traktoren der Marke Landini sogar aus den 1930er Jahren, auch ein uraltes US-Motorrad Jahrgang 1944 aus dem 2. Weltkrieg, eine Cushman 53 mit 244 Kubikzentimetern Hubraum und Gewicht von 217,7 kg, von dem Anselmo Guerrieri Gonzago annimmt, das es auch Pate für die nur wenig später entwickelte Vespa gewesen sein könnte. 

Im Traktorenmuseum in einem der schmucken Wirtschaftsgebäude. Foto: Jürgen Sorges
Im Traktorenmuseum in einem der schmucken Wirtschaftsgebäude. Foto: Jürgen Sorges

Kapelle der Gefangenenretter 

Legendär fand hier im Jahr 589 die royale Hochzeit zwischen Theudelinde, Tochter des Bayern-Herzogs Garibald I. und seiner Gattin Walderada (Tochter des Langobardenkönigs Wacho), mit Langobardenkönig Authari statt. Historischer ist indes die Gründung eines Kloster an diesem Ort vor zirka 1000 Jahren. Davon künden die Fresken in der dem Hl. Leonhard geweihten Gutskapelle. Leonhard von Limoges setzte sich Ende des 6. Jahrhunderts am Merowingerhof wiederholt erfolgreich für die Freilassung Inhaftierter ein und wurde so Schutzpatron der Gefangenen. 

Womöglich kehrte so auch Gefangene aus Frankreich ins Etschtal zurück und ehrten ihn daher mit dieser Kapelle. Als „Kettenheiliger“ wurde er in Bayern berühmt – wobei die Ketten ihn fälschlich zum Schutzpatron des Viehs machten. Koinzidenz der Ereignisse: In der Kapelle beerdigt ist zudem Vorfahrin Gemma de Gresti: Ihr gelang nach dem Ersten Weltkrieg, bis zu 8000 italienische Kriegsgefangene in die italienische Heimat zurückzuholen. 

San Leonardos „Gemma“ und „Vette“

Am Abend zuvor hatten wir uns nur 15 Autominuten entfernt in der Casa del Vino della Vallagarina einquartiert. Auch die Tenuta San Leonardo gehört zum Eigner des Hauses, dem Weinkonsortium dieses Tals. Gemanagt wird es von Luca Bini, der 2012 für Furore sorgte, als er ein spezielles Weinglas für Schaumweine erfand, in dem es an sieben fixierten Orten perfekt vom Grund hinaufperlt. Als Etoilé Sparkle von Luca Bini kann man es hier oder bei Italesse erwerben. 

Teil des Drei-Gänge-Menüs der Extraklasse. Foto: Jürgen Sorges
Teil des Drei-Gänge-Menüs der Extraklasse. Foto: Jürgen Sorges

Natürlich stehen auch die Weine des Konsortiums wie auch extrem nachgefragte Pickles des Hauses (La Nostra Giardiniera; 13 €) zum Verkauf. Die sehr gute Küche des Hauses verantworten Carmelo und sein Vize Riccardo. Gerade erst haben sie eine Michelin-Empfehlung eingeheimst und bieten täglich wechselnd ein Drei-Gänge-Menü der Extraklasse. 

Passend zu den Gängen empfiehlt sich zum Beispiel San Leonardos Rosé „Gemma di San Leonardo“, dieser Lagrein Rosato Trentino DOC 2025 mit zwölf Prozent Alkoholgehalt, Eleganz, Charakter und Frische. Er reifte sechs Monate in Stahl und ist eine perfekte Hommage an die couragierte Dame! Sehr elegant, süffig und perfekt im Sommer ist auch der „Vette di San Leonardo“ IGT Vigneti delle Dolomiti 2025, ein reiner Sauvignon Blanc der Extraklasse, der nach 20 Tagen Fermentierung fünf Monate in Stahl ruhte. 


Informationen:

Tenuta San Leonardo: www.sanleonardo.it/en

Casa del Vino della Vallagarina in Isera: www.casadelvino.info

Azienda per il Turismo Rovereto e Vallagarina: www.visitrovereto.it/de

Fotos: Jürgen Sorges

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