Kaum ein Wein ist so eng mit Sizilien verbunden wie der Marsala. Über Jahrhunderte galt er als Aushängeschild der Insel und fand seinen Weg von der kleinen Hafenstadt an der Westküste bis in die Salons Europas. Seine internationale Karriere begann im 18. Jahrhundert, als der englische Kaufmann John Woodhouse den kräftigen Likörwein entdeckte und ihn für den langen Seeweg nach England mit Alkohol haltbar machte. Damit war der Grundstein für einen weltweiten Erfolg gelegt.
Überraschende Renaissance
Heute erlebt der traditionsreiche Wein eine überraschende Renaissance. Lange Zeit als einfacher Koch- oder Dessertwein unterschätzt, setzen viele Winzer nun auf Qualität, Nachhaltigkeit und moderne Stilistik. Rund um Marsala, in der Provinz Trapani, gedeihen die Reben auf mineralreichen Böden aus Kalk, Tuffstein und Lehm, geprägt vom warmen Mittelmeerklima und salziger Meeresluft. Vor allem die einheimischen Rebsorten Grillo, Catarratto und Inzolia verleihen dem Wein seinen unverwechselbaren Charakter.
Die Herstellung folgt strengen DOC-Regeln. Je nach Stil wird der Wein mit Mistella oder eingekochtem Most veredelt und reift anschließend über Jahre in Holzfässern. Das Ergebnis reicht von trockenem „Secco“ bis zu samtig-süßem „Dolce“. Besonders begehrt ist der „Vergine“, der ohne zusätzliche Süßung oxidativ ausgebaut wird und komplexe Aromen von Nüssen, Trockenfrüchten und Gewürzen entwickelt.
Marsala und die sizilianische Kulturgeschichte
Bei einem Besuch der Pellegrino-Kellerei wird zwischen alten Eichenfässern und dem Duft gereifter Weine schnell klar: Marsala ist längst mehr als ein Dessertwein – er ist ein Stück sizilianischer Kulturgeschichte.
Seit mehr als 140 Jahren gehört Cantine Pellegrino zu den bekanntesten Namen des sizilianischen Weinbaus. Bei dem traditionsreichen Familienunternehmen verschmelzen Geschichte, Handwerkskunst und moderne Weinproduktion. Gegründet wurde die Kellerei 1880 von Paolo Pellegrino, zu einer Zeit, als der berühmte Marsala-Wein weltweit gefragt war und Sizilien zu den wichtigsten Weinexporteuren Italiens zählte.
Heute bewirtschaftet die Familie Pellegrino Rebflächen zwischen Meer, Salzlagunen und den sonnenverwöhnten Hügeln Westsiziliens. Angebaut werden vor allem autochthone Rebsorten wie Grillo, Catarratto und Nero d’Avola, die den Weinen ihren typischen mediterranen Charakter verleihen. Neben klassischem Marsala produziert das Haus inzwischen auch moderne Weiß-, Rosé- und Rotweine.
Bei einem Dinner zwischen jahrhundertealten Holzfässern, dem Duft gereifter Weine und hohen Gewölben wird deutlich, wie eng die Geschichte der Stadt mit dem Wein verbunden ist. Besonders eindrucksvoll die Weinbegleitung zu rotem Thunfisch an schmackhafter Tomatensoße mit einem vollmundigen Rinazzo 2024 (Syrah), Terre Siciliane IGT oder dem wunderbar weichen Old John 1998, Marsala Superiore Riserva Semisecco DOC.
Salz, Wein und Archäologie
Nur wenige Kilometer außerhalb von Marsala öffnet sich eine Landschaft, die zu den faszinierendsten Siziliens zählt: die Salinen der Lagune dello Stagnone. Seit Jahrhunderten wird hier Meersalz gewonnen – ein traditionsreiches Handwerk, das die Region bis heute prägt. Zwischen flachen Wasserbecken, weißen Salzbergen und historischen Windmühlen entsteht eine fast surreale Kulisse. Besonders bei Sonnenuntergang verwandeln sich die Lagunen in ein Farbenspiel aus Rosa, Gold und Orange.
Mitten in dieser stillen Wasserlandschaft liegt die kleine Insel Mozia, einst eine bedeutende phönizische Handelsstadt. Heute treffen dort Archäologie und Weinbau aufeinander. Ruinen alter Befestigungsanlagen, Mosaike und antike Straßen erinnern an die Blütezeit vor mehr als 2.700 Jahren. Im Giuseppe-Whitaker-Museum wird mit dem berühmten „Jüngling von Mozia“ eines der bedeutendsten archäologischen Fundstücke Siziliens bewahrt.
Gleichzeitig erlebt auf Mozia eine jahrtausendealte Weintradition ihre Wiedergeburt. Das Weingut Tasca d’Almerita kultiviert hier die autochthone Rebsorte Grillo direkt zwischen archäologischen Stätten und Meeresbrisen. Die Reben wachsen auf sandigen Böden im salzigen Mikroklima der Lagune und werden bis heute in aufwendiger Handarbeit gepflegt. Das Ergebnis sind elegante, mineralische Weißweine, die den Charakter dieser einzigartigen Insel widerspiegeln.
Eleganter Rotwein
Zwischen den Salzlagunen des Stagnone und den Weinbergen rund um Marsala liegt das familiengeführte Weingut Baglio Oro. Auf rund 100 Hektar kultiviert die Familie Laudicina-Cottone hier autochthone Rebsorten wie Grillo, Catarratto und Nero d’Avola – geprägt vom warmen Mittelmeerklima, mineralischen Böden und der salzigen Meeresluft Westsiziliens.
Besonders die Weißweine spiegeln den Charakter der Region wider. Der 2025 Zafarà Catarratto zeigt intensive Aromen von exotischen Früchten und feine Noten von Brotkruste, begleitet von lebendiger Frische. Der 2025 Lagunare Grillo entsteht direkt am Naturreservat Stagnone und überzeugt mit mineralischer Eleganz, Zitrusnoten und einem leicht salzigen Finish. Mit dem 2023 Rassal Nero d’Avola beweist Baglio Oro zudem, wie elegant Siziliens bekannteste Rotweinsorte sein kann – mit feinen Kirsch¬aromen und überraschend weicher Struktur.
Terroir Siziliens
Zwischen den sonnenverwöhnten Weinbergen Westsiziliens zählt Caruso & Minini zu den spannendsten Weingütern der Region. Das Familienunternehmen nahe Marsala verbindet traditionelle sizilianische Weinbaukunst mit modernem Qualitätsanspruch. Entstanden aus der Zusammenarbeit der Familien Caruso und Minini, steht das Weingut heute für charakterstarke Weine, die das mediterrane Terroir Siziliens widerspiegeln.
Auf den kalk- und lehmhaltigen Böden wachsen vor allem autochthone Rebsorten wie Grillo, Nero d’Avola und Catarratto. Die Nähe zum Meer, heiße Tage und kühle Nächte verleihen den Weinen Frische und Ausdruckskraft. Neben klassischen sizilianischen Sorten setzt Caruso & Minini auch auf nachhaltigen Anbau und moderne Kellertechnik. Besucher erleben hier authentische Weintradition in zeitgemäßem Stil – mit Verkostungen, Blick auf die Weinberge und echter sizilianischer Gastfreundschaft. Herausragend sind nicht nur der Süßwein Tagos und der Spumante Arya, sondern auch der Nino 2016. Großvater Nino kannte die Weinberge von Giumara wie seine Westentasche.
Seine Leidenschaft für den Weinbau und der Respekt vor der Natur prägen das Familienweingut bis heute. Ihm zu Ehren entstand ein außergewöhnlicher Rotwein, dessen Etikett Nino mit seinen typischen Hosenträgern zeigt. Für die Cuvée werden ein Teil der Trauben früh gelesen und getrocknet, andere reifen bis spät in der sizilianischen Sonne. Nach mehreren Jahren Fasslagerung entsteht ein kraftvoller Wein mit Aromen von Pflaume, Cassis, dunkler Schokolade und Gewürzen. Am Gaumen erinnert er an Amarone – kombiniert mit der Frische eines Nero d’Avola.
Wein aus dem Naturschutzgebiet
Eingebettet in die eindrucksvolle Landschaft Westsiziliens steht die Cantina Sociale Birgi seit Jahrzehnten für die enge Verbindung von Weinbau und regionaler Tradition. Gegründet wurde die Genossenschaft 1960 von zehn Winzern, die ihre Leidenschaft für das Land und seine Reben teilten. Bis heute prägt dieses Gemeinschaftsgefühl die Kellerei. Inzwischen bewirtschaften 800 Mitglieder rund 2800 Hektar Reben, von denen sich 400 Hektar im Naturschutzgebiet befinden. Die Kellerei der Superlative verfügt auch über eine der modernsten Abfüllanlagen. Daneben beeindruckt die Linie Feudo Stagnone. Besonders gefallen ein 20 Jahre gereifter Grillo „Unico“, ein frischer, feinperliger Blanc de Blancs, Metodo Classico sowie der vielschichtige und komplexe gibt Grillo Riserva.
Außergewöhnliches Mikroklima
Zwischen den schimmernden Salinen von Marsala und dem tiefblauen Mittelmeer liegt ein Weingut, das wie für die moderne Renaissance des sizilianischen Weinbaus steht: die Cantine Fina. Auf einem Hügel, mit Blick auf das Naturschutzgebiet der „Isole dello Stagnone“, entstehen hier Weine, die die Wärme, Kraft und Sinnlichkeit Westsiziliens in sich tragen – begleitet von Sonnenuntergängen, die zu den spektakulärsten der Insel zählen.
Gegründet wurde das Familienunternehmen im Jahr 2005 von Bruno und Mariella Fina gemeinsam mit ihren Kindern Marco, Sergio und Federica. Mit viel Leidenschaft restaurierte die Familie zunächst ein historisches Gut in der Contrada Bausa und legte neue Weinberge an. Was als mutiges Familienprojekt begann, entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zu einer festen Größe der sizilianischen Weinszene.
Die Weinberge nordöstlich von Marsala profitieren von einem außergewöhnlichen Mikroklima: Salzige Meereswinde ziehen vom Mittelmeer herüber, während die intensive sizilianische Sonne den Trauben Zeit gibt, langsam und aromatisch zu reifen. Angebaut werden traditionelle ebenso wie internationale Rebsorten. Es sind Weine mit unverwechselbarem Charakter – kraftvoll, opulent und zugleich geprägt von mediterraner Frische.
Die Familie Fina setzt konsequent auf nachhaltigen Weinbau und biologische Standards. Moderne Kellertechnik, eine Photovoltaikanlage sowie innovative Abfüll- und Kühlsysteme verbinden Umweltbewusstsein mit höchstem Qualitätsanspruch.
Die Weine spiegeln die Seele Westsiziliens wider: expressiv, aromatisch und voller Persönlichkeit. Jede Flasche erzählt ein Stück Marsala – authentisch, sonnendurchflutet und geprägt von der Leidenschaft einer Familie, die ihre Heimat mit jeder Ernte neu interpretiert.
Informationen:
Fotos: Carola Faber

