Zwischen den schroffen Gipfeln der Alpen, den sanften Hügeln des Collio und den weiten Stränden der Adria entfaltet sich ein Mosaik aus Landschaften, Kulturen und Geschichten. Hier begegnet man einem Italien, das noch immer echt ist – unverstellt, überraschend und von zeitloser Schönheit.
Die Region ist ein Konzentrat dessen, was Italien so besonders macht: das Licht der Adria, das Echo der Dolomiten, die Poesie alter Städte, die eindrucksvollen Weltkulturerbestätten und die Herzlichkeit der Menschen. Friaul-Julisch Venetien liegt im geografischen Herzen Europas, an der Kreuzung von Kulturen, Sprachen und Lebensarten. Italienisches Temperament trifft hier auf slawische Tiefe und mitteleuropäische Eleganz – eine Mischung, die in Architektur, Musik, Dialekten und auf den Tellern spürbar wird.
Tradition und Moderne tanzen hier Hand in Hand
Denn Essen ist hier mehr als Genuss – es ist Identität. Selbstverständlich wird noch selbst gekocht, wie beispielsweise in der Osteria del Pinot Grigio Ramato, die zum Weingut Butussi gehört. Vom zarten Prosciutto di San Daniele, wie er in der Osteria La Subida serviert wird, über würzigen Montasio-Käse bis zu den eleganten Weißweinen aus dem Collio spannt sich eine kulinarische Brücke zwischen Bergen und Meer. Ob erstklassige Produkte, wie die Acetaia Midolini, Käse von Michele Gortani oder Brot aus der Molino Moras – überall ist eine authentische Küche zu finden, geprägt von Respekt vor den Jahreszeiten, von der Liebe zur Erde und vom Mut zur Innovation.
Gerade das wird in der Villa Butussi deutlich. Die Brüder Butussi sind längst feste Größen in der friaulischen Weinwelt – nun beweisen sie mit ihrer Villa Butussi, dass sie auch Gastgeber mit Leidenschaft sind. Zwischen Reben und Feuerstelle werden dort Weinbau und Küche auf natürliche Weise verbunden: regionale Gerichte, ehrliches Handwerk und die ausgezeichneten eigenen Weine im Glas. Einer davon ist der Madonna d’Aiuto Pinot Grigio Ramato 2020, ein leuchtend kupferfarbener Weißwein mit Charakter.
In der Nase duftet er nach Orangenblüten und Akazie, reifem Pfirsich, Birne und einem Hauch Blutorange. Am Gaumen zeigt er sich schlank, aber druckvoll – salzig, saftig, mit einem langen, trockenen Finale. Ein weiterer Höhepunkt ist der Refosco Riserva Goje 202, limitiert auf nur 1.748 Flaschen. Dunkelrot und dicht, entfaltet er Aromen von Süßkirsche, Brombeere, Lakritze und Zartbitterschokolade. Am Gaumen überzeugt er mit Tiefe, Struktur und einer herben Eleganz – ein Wein, der bleibt, wie der Eindruck eines Abends bei den Butussis.
Friaul-Julisch Venetien ist eine Region für Entdecker. Für jene, die lieber auf kleinen Straßen reisen, in Gesprächen mit Winzern verweilen, auf Dorfplätzen einen Espresso trinken oder in stillen Bergtälern die Weite genießt. Es ist ein Land der Übergänge und Verbindungen, in dem man die Geschichte Europas in jeder Geste spürt – und zugleich das Gefühl hat, am Anfang einer neuen zu stehen. Friaul-Julisch Venetien ist der Beweis, dass es noch Ecken gibt, in denen man das wahre Italien entdecken kann – leise, intensiv und voller Leben.
Berühmt ist Friaul vor allem für seine Weißweine: Klar, duftig, mit einer unverwechselbaren Mineralität. Neben internationalen Sorten wie Chardonnay oder Sauvignon faszinieren vor allem die autochthonen Reben – Ribolla Gialla, Friulano, Malvasia oder der seltene Picolit. Sie erzählen von der Landschaft, vom Licht und vom Wind, der von der Adria herüberweht. Und auch die Rotweine holen auf. Dank des milden, zunehmend wärmeren Klimas reifen die Trauben heute voll aus.
Neben elegantem Merlot entstehen kräftige, erdige Weine aus Schioppettino, Refosco oder der tanninreichen Pignolo-Traube – Gewächse mit Rückgrat und Seele. Friaul-Julisch Venetien ist damit mehr als ein Weinbaugebiet. Es ist eine Bühne für Vielfalt, Tradition und Experimentierfreude. „Die Weine glänzen unter anderem durch eine begeisternde, aromatische Kraft. Dies ist dem önologischen Background der Winzer schon seit den 60er Jahren zu verdanken. Sie haben sehr viel Ahnung und legen auch einen Fokus auf Natürlichkeit“, erklärt der begeisterte Weinexperte Filippo Bertolotta.
Die Wiege des Orange-Weins
Ein besonderer Schatz liegt im Collio, genauer gesagt in Oslavia. Das kleine Dorf gilt als Geburtsort der Orange-Weine – Weißweine, die auf der Maische vergoren werden, wodurch sie eine tiefe Farbe und betörende Aromatik entwickeln. Auch im Karst, oberhalb von Triest, wird diese alte Technik gepflegt. Hier verleihen Rebsorten wie Vitovska und Malvasia Istriana den Weinen ihren markanten, fast geheimnisvollen Charakter – ein Erlebnis für alle, die den Mut haben, Neues zu probieren.
In Oslavia ist das Sitzen zu einer Geste der Entdeckung geworden. Dort, wo sich Weinberge an sanfte Hügel schmiegen und der Blick über die malerische Landschaft schweift, stehen an verschiedenen Stationen sieben leuchtend orangefarbene Bänke – eine für jeden Weinkeller des Ortes. Was als einfache Idee begann, wurde zu einem Symbol: für Gemeinschaft, für Landschaft, für den Dialog zwischen Vergangenheit und Zukunft.
Die Bänke laden auf einem etwa zwölf Kilometer langen Rundweg zum Innehalten ein. Wer auf einer dieser Bänke Platz nimmt, sieht mehr als nur Reben und Hügel – er blickt in die Seele eines Landes, das sich immer wieder neu erfindet. Jede Bank steht an einem besonderen Ort, jede erzählt ein Stück Geschichte über den Wein, die Menschen und ihre tiefe Verbundenheit mit dem Boden.
Einblick in die Geschichte
Der „Weg der orangefarbenen Bänke“ verbindet diese sieben Punkte zu einer kleinen, großen Erzählung. Er führt durch Oslavia, vorbei an Kellern, über schmale Pfade und zu Panoramapunkten, von denen aus man die Grenzen kaum mehr spürt. An jeder Bank gibt ein QR-Code Einblick in die Geschichte der Region und ihrer Winzer, die den Weg gemeinsam geschaffen haben – als Einladung, ihr Erbe mit allen Sinnen zu erleben.
Dieser Weg steht für eine neue Form des Reisens: langsam, achtsam, nah. Er ist Ausdruck einer Liebe zur Heimat, die aus dem Wiederaufbau einer vom Krieg gezeichneten Gemeinde geboren wurde. Oslavia, bekannt als Wiege des Orangeweins, zeigt, dass aus der Farbe einer Traube eine ganze Philosophie entstehen kann – orange wie die Weine, wie die Bänke, wie die Hoffnung auf eine Zukunft, die tief im Boden wurzelt.
Vereint durch Leidenschaft und Geduld
Bei einer Verkostung wird deutlich, wie inspirierend und doch so unterschiedlich die Weine der Winzer von Oslavia sind. Die Weingüter erzählen ihre eigenen Geschichten, jede Flasche ein Stück Identität, jede anders, aber alle vereint durch Leidenschaft und Geduld. Fiegl steht für Präzision und Balance: 30 Tage Mazeration, Reifung in großen Holzfässern, keine Filtration. Das Ergebnis ist ein goldschimmernder Ribolla Gialla, der nach Jasmin, Akazienblüten und kandierten Zitrusfrüchten duftet – trocken, mineralisch, lebendig.
Primosic verleiht seinem Ribolla Gialla Riserva 2019 Kraft und Struktur. 24 Monate im Eichenfass formen einen Wein, der Tiefe und Eleganz vereint – körperreich, aber fein verwoben, ein Spiegel der Landschaft, aus der er stammt. Il Carpino zeigt in seinem Malvasia 2019, wie anders diese Rebsorte sein kann: vollmundig, komplex, mit einem Spiel aus reifen Früchten, Würze und einem langen Nachhall – ein Wein, der den Gaumen umarmt. Gravner, die Legende aus Oslavia, geht radikal eigene Wege.
Josko Gravner vergärt seinen Ribolla Gialla nach uralter georgischer Tradition in Tonamphoren, sechs Jahre reift er anschließend im Holz. Das Resultat ist ein Wein von spiritueller Tiefe – wild, kraftvoll, unverwechselbar. La Castellada bleibt dem Handwerk treu: Ihr Collio Friulano 2019 ist ein naturbelassener Weißwein, dicht, mineralisch und lang, mit jener ruhigen Kraft, die nur Weine besitzen, die Zeit atmen dürfen.
Radikon schließlich, mit seinem Slatnik 2023, zeigt die verspieltere Seite des Orangeweins – duftend nach Ananas und reifen Früchten, mit weichen Tanninen und einem fruchtigen, charmanten Finale. Ein Wein, der Freude schenkt und doch Tiefe hat – so wie das Land, aus dem er kommt.
Informationen:
Acetaia Midolini www.midolini.com
Fiegl winery, www.fieglvini.it
Borgo Gradis’ciutta, www.gradisciutta.eu/borgogradisciutta
Cantina Fiegl, www.fieglvini.it
Gravner, www.gravner.it
„Orange Benches“ Oslavia, www.ribolladioslavia.it/news/il-percorso-delle-panchine-arancioni
Borgo Gradis’ciutta, www.gradisciutta.eu/borgogradisciutta
Turismo Friuli Venezia Giulia, www.turismofvg.it
Fotos: Carola Faber

