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Zwei Nonplusultra-Flaggschiffe der Azienda Ferraris Agricola

Und dieser ist hier mit Martino Ferraris (1902 – 1982) selbstverständlich ebenfalls. Mit seiner Gattin gründete Martino Anfang der 1920er Jahre das bis zu Martinos Tod betriebene Weingut Azienda Ferraris Agricola 2001 schritt dann Enkel Luca Ferraris zur Wiederbelebung der Azienda, baute diese alte Familientradition wieder auf und bewirtschaftet heute an den drei Standorten des 55 ha großen Weingutes insgesamt 34 ha Rebfläche. Jährlich werden nun schon 250.000 Flaschen exzellenter Weine abgefüllt – Tendenz steigend.

Und auch der Önotourismus brummt: 2021 besuchten 12.700 Gäste das Weingut Ferraris im piemontesischen Örtchen Castagnole Monferrato in der Provinz Asti, das seinen Namen auch einem der kleinsten geschützten Weinbaugebiete Italiens vermachte. Und Castagnole Monferrato verzeichnete im ersten Halbjahr 2022 bei den Touristenankünften sogar ein Plus von 40 Prozent. Der Grund ist naheliegend: Die Weine des Ruchè Castagnole Monferrato DOCG dürfen nur in Castagnole Monferrato und in den Nachbargemeinden Montemagno, Grana, Portacomaro, Refrancore, Scurzolengo und Viarigi entstehen!

Ruchè, sprich: „Rukkee“

Nun, Luca Ferraris und Familie sind in Castagnole Monferrato prominente Mitbürger. Und dies nicht erst, seit Luca Ferraris 2021 zum Präsidenten der Vereinigung der Produzenten des Ruchè di Castagnole Monferrato DOCG, der Associazione Produttori del Ruchè di Castagnole Monferrato. Und zu der zählen aktuell 21 der ca. 35 Winzer, die hier Ruchè (sprich: „Rukkee“) anbauen. Noch vor zwei Dekaden war diese lokale Rebsorte international nahezu unbekannt. Doch nachdem man 1987 schon die DOC-Schutzbezeichnung auch dank intensiven Engagements der damaligen Ortsbürgermeisterin Lidia Bianco erlangt und so heute 1148 Seelen zählende Gemeinde immens aufgewertet hatte, gelang 2010 sogar der Schritt zum exklusiven DOCG-Schutz.

Castagnole Monferrato. Foto: Azienda Ferraris Agricola
Castagnole Monferrato. Foto: Azienda Ferraris Agricola

Und die ab der Jahrtausendwende begonnenen Marketing-Aktivitäten für den Ruchè zeitigten Früchte. Heute ist der durch seine rubinrote Farbe, seine Aromen von Veilchen und Rosen, seine Ausgeglichenheit und durch seinen intensiven, langanhaltenden Geschmack brillierende, rare Wein, von dem jährlich nur knapp eine Millionen Flaschen abgefüllt werden, schon auf drei Kontinenten präsent. Am beliebtesten ist der Ruchè, der historisch nur lokal bekannt war, aber schon damals als „Wein für besondere Gelegenheiten“ wie Taufen, Hochzeiten oder Weihnachten galt und zu Haselnusskuchen gereicht wurde, aber im Piemont selbst: Nicht nur in Turin ist der Ruchè aus Castagnole Monferrato längst zum Kultwein aufgestiegen und wird von Begeisterten auch liebevoll „kleiner Barolo“ oder „Barolo aus Monferrato“ genannt!

Ikone unter allen Ruchè-Weinen

Luca Ferraris war an dieser Entwicklung nicht ganz unbeteiligt – und von Anfang an dabei. Auch, indem er 2009 eine neue Cantina für sein Weingut bauen ließ. Die Alte hingegen, im Ortskern von Castagnole Monferrato, machte die Familie zum „Bauernmuseum“ des Ruchè. Es ist eine tiefe Verbeugung vor und Hommage an Großvater Martino und zeigt viel historisches Ackergerät, lädt zum Weinkauf und zur Degustation einer Vielzahl von Ferraris-Weinen ein. Clou ist dann aber das „Infernot“ genannte, in den Tuffstein-Fels gehauene Gangsystem der alten Cantina. Diese Untergrund-„Kathedrale“ ist die Attraktion, mal abgesehen natürlich von den grandiosen Weinen, mit denen Ferraris aufwartet.

Und da Luca Ferraris 2016 sogar die Ehre zu Teil wurde, de „Vigna del Parroco“, den Weinberg des Pfarrers erwerben zu dürfen, befindet sich heute unter diesen Ferraris-Weinen auch die weltweite Ikone unter allen Ruchè-Weinen – Ferraris Vigna del Parroco Ruchè di Castagnole Monferrato DOCG. Für den besonderen Status dieses Weins sorgte indes ein anderer: Es war der Landpfarrer und Wiederentdecker der uralten Rebsorte Ruchè: Don Giacomo Cauda! Der 1927 nahebei in Cisterna d`Asti geborene Cauda gelangte in den 1960er Jahren als Priester nach Castagnole Monferrato. Er war seit frühester Kindheit mit dem Weinbau vertraut.

Die Ferraris Familie. Foto: Azienda Ferraris Agricola
Die Ferraris Familie. Foto: Azienda Ferraris Agricola

Da passte es perfekt, dass Don Cauda als „Mitgift der Pfarrei“ einige fast aufgegebene Reihen Rebstöcke mit Grignolino, Barbera und Ruchè erhielt und dies umgehend rettete. Seine erste Ernte fiel noch mager aus, er füllte 28 Flaschen ab. Doch nur der Inhalt einer einzigen schmeckte ihm tatsächlich. Dies war eine Flasche Ruchè, der er einen perfekten Körper und eine Balance einzigartiger Aromen, Buketts und Duftnoten attestierte. Moderat getrunken, befand Don Giacomo, befreie der Ruchè den Geist und öffne den Verstand.

Dom Pérignon des Monferrato

Don Giacomo kaufte Land, heute ist der Weinberg des Pfarrers zwei Hektar groß und pflanzte Rebstöcke dieser vergessenen Rebsorte Ruchè. Dieser von ihm vollzogenen Wiederbelebung der alten Tradition folgten dann viele Winzer ringsum. Später, als Don Giacomo Cauda längst zum „Dom Pérignon des Monferrato“ gekürt war, wurde schmunzelnd kolportiert, der gute Don Giacomo sei öfter im Weinberg als in der Kirche anzutreffen gewesen. Don Giacomo dazu: „Der Herr möge mir verzeihen, dass ich manchmal mein Amt vernachlässigt habe, um mich mit Leib und Seele dem Weinberg zu widmen. Nach der Messe rannte ich gewöhnlich heraus um mich umzukleiden und auf meinen Traktor zu kommen. Aber ich weiß, Gott wird mir vergeben, weil ich mit dem Geld, das mit dem Wein verdient wurde, die Pfarrgemeinde aufbaute und das Pfarrhaus renovierte.“

Kein Wunder daher, dass Ferraris Ruchè di Castagnole Monferrato DOCG 2019 „Vigna del Parroco“ (15 % Alk.) eine Wucht ist und auf dem Etikett mit der Jahreszahl 1964 wirbt. Es ist das Jahr, in dem Don Giacomo Cauda, der Geistliche mit dem grünen Händchen für Weinbau und Landwirtschaft, diesen Weinberg anlegte. Der Wein reift 12 Monate auf dem Fass. 15.300 Flaschen werden abgefüllt. Luca Ferraris führt heute dieses Pionierwerk fort, setzt rigoros auf Nachhaltigkeit nach dem Motto: „Schützen wir unsere Erde mit nachhaltiger Landwirtschaft!“

Ferraris Ruchè Riserva Opera Prima. Foto: Jürgen Sorges
Ferraris Ruchè Riserva Opera Prima. Foto: Jürgen Sorges

Und die Resultate können sich sehen lassen. Längst haben seine Topweine die magische 90-Punkte-Schwelle mühelos bis auf 93 Punkte überwunden. Dafür gesorgt haben vor allem der „Vigna del Parroco“ und der Nonplusultra-Ruchè aus dem Hause Ferraris: Der „Opera Prima“ Ruchè Castagnole Monferrato DOCG Riserva. Erstmals schuf ihn Luca Ferraris 2007. Und dieser einzigartige Wein trägt auf dem Etikett natürlich die Widmung an Großvater Martino, den Gutsgründer. Heute werden ca. 22.000 Flaschen aufgelegt. Die Trauben stammen ausschließlich von Ferraris bestem, mit Lehm- und Tuffböden ausgezeichneten Weinberg Bricco della Gioia (285 m ü. d. M.). Der „Opera Prima“ (das „erste Werk“), das Juwel des Gutes reift 24 bis 36 Monate in französischer Eiche (500-l-Fässer) und dann ein Jahr in der Flasche, ehe er die Bezeichnung Riserva erhält und auf den Markt darf.

Und der 2017er Jahrgang überzeugt mit Aromen von reifen Früchten, Vanille, Gewürzen und Lakritz, von reifer Himbeere und Kirsche. Er ist perfekt ausbalanciert, besitzt feine Tannine und ist in jedem privaten Weinkeller eine Zierde. Ganz nebenbei lagert er traditionell auch im „Infernot“, dem historischen, heute vor allem musealen alten Tuffsteinkeller der Ferraris. Und er ist der perfekte Ruchè zu Trüffeln, Wild und reifem Käse.

Im Riapertura Museo. Foto: Azienda Ferraris Agricola
Im Riapertura Museo. Foto: Azienda Ferraris Agricola

Ferraris legt noch drei weitere Ruchè auf: Neben dem Sant`Eufemia und dem Castelletto di Montemagno Riserva ist dies der „Clásic“. Und dieser Ruchè Castagnole Monferrato DOCG 2020 „Clásic“ ist der aktuell meistverkaufte aus dem Hause Ferraris. Vom Gambero Rosso erhielt er die höchste Auszeichnung, die berühmten „drei Gläser“. Und auch hier greift das Ferraris-Credo zur Nachhaltigkeit: Die Verschlusskapsel der Weinflasche ist aus der Sammlung von Plastikabfall entstanden, die Flasche ist aus wiederverwertetem Glas, der Korken natürlich biologisch und zertifiziert.

Schließlich schmückt das Nachhaltigkeitssiegel SQNPI (Sistema di Qualita Nazionale Protezione Integrata) samt Biene alle Weine des Hauses, zu denen auch drei Barbera-Weine und zwei Viognier-Weißweine zählen. Zum Portfolio gehören zudem der Dessertwein „Il Giaj“ und der Grappa „Luna“.


Informationen:

Azienda Ferraris Agricola, www.ferrarisagricola.com, www.vignadelparroco.com

Fotos: Azienda Ferraris Agricola, Jürgen Sorges