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Wroclaw (Teil 2): Auf der Spur der Gnome

Blickt man in Richtung eines zackig aufragenden, einem Gotteshaus ähnelnden neuen Gebäudes, das indes nur ein Parkhaus ist und im Volksmund daher „Zur heiligen Limousine“ genannt wird, steht da erst einmal der „Van Gogh“-Zwerg. Er erinnert an den in Wroclaw produzierten und 2017 edierten erfolgreichen Animationsfilm „Loving Vincent“ von Dorota Kobiela und Hugh Welchman. Und nur Schritte weiter fordert eine Zwergin mit dem Schild „Votes for Women“ die Frauenrechte ein und erinnert an den Kampf ums Frauenwalrecht.

Auf Wroclaws altem Salzmarkt, auf dem heute rund um die Uhr Blumenverkäufer ihre Waren anbieten, steht sogar eine skandierende Zwergin, die eine Kladde mit der Aufschrift „Konstitucja RP“ hochhält und an die Verfassung erinnert. Weniger politisch ist dann der „Bankomatki“, ein Zwerg, der tagein tagaus vergeblich Geld aus einem imaginären Geldautoamten am Rynek, Wroclaws Marktplatz, zieht. Das Gebäude baute 1930/31 Heinrich Rump. Auch heute ist es noch Sitz einer Bank.

Und auf dem Markt selbst, in Höhe Neuem Rathaus, spielt nun auch ein Zwerg Gitarre. Dargestellt ist der Bluesgitarrist Leszek Cichoński: 1957 in Wroclaw geboren, gründete er 2003 das „Thanks-Jimi-Festival“. In jedem Jahr am 1. Mai sollten sich Fans von Jimi Hendrix mit ihren Gitarren auf dem Markt einfinden, um seinen Superhit „Hey Joe“ erklingen zu lassen. Waren es am 1. Mai 2003 nur 588 Gitarrenfans, die kamen, so versammelten sich am 1.5.2019 unfassbare 7423 Gitarrenfans.

Dargestellt: Bluesgitarrist Leszek Cichoński. Foto: Jürgen Sorges

Am 1.5.2020 gelang dann die Sensation. Die aufgrund Corona Online durchgeführte Veranstaltung zog 7998 spielende Gitarristen an – ein Guinness-Online-Weltrekord für Gitarren! Überhaupt verdient der Rynek mit seinen zig Attraktionen vor allem rund ums Alte Rathaus ein längeres Verweilen. Wichtigste Treffpunkte sind z. B. das Denkmal für den polnischen Komödienautor Graf Alexander Fredro, das 1956 aus Lemberg (Lwiw) hierher gelangte, sowie der Nachbau des alten, mittelalterlichen Pranger. Bei der strafenden Figur auf dem Pranger soll sich der Künstler selbst dargestellt haben.

Einmalig sind die wiederaufgebauten und restaurierten Patrizierhäuser und historischen Warenhäuser am Platz, etwa das Haus zum Goldenen Anker auf der Naschmarkt-Seite. Unbedingt muss man zur Nordwestecke des Rings. Denn dort steht zwar nicht der Schneewittchen-, doch immerhin der Hänsel-und-Gretel-Torbogen. Benannt ist er nach den zwei Altaristenhäusern zur Linken und Rechten. Diese wurden nach dem zweiten Weltkrieg eher spöttisch „Jas i Malgosia“, „Hänsel und Gretel“ genannt.

Und dabei bleib es bis heute. Nahe dem Torbogen steht dann ein weiterer Bronzezwerg: „WrocLovek“ spaziert ein Herz in der Rechten haltend frohgemut seines Weges. Mit „WrocLove“ wirbt übrigens auch die lokale Tourismusbehörde. Das erleichtert vielen Besuchern die Aussprache des Stadtnamens. Durch den Torbogen geht es auf den Hof der Elisabethkirche, einen Prachtbau aus der Zeit der Backsteingotik mit herrlichen neuen Kirchenfenstern. Hier am Hof, exakt hinter dem Hänselhaus (ul. Świętej Elżbiety 1 / 2), befindet sich auch der Aus- bzw. Einstieg zum Zwergenreich.

Feuerwehrzwerge. Foto: Jürgen Sorges
Feuerwehrzwerge. Foto: Jürgen Sorges

In Kniehöhe befindet sich ein aus dem Boden ragendes Halbrund mit Holztürchen und Metallarmierung, auf dessen rechter Flanke gemütlich ein dösender Wächterzwerg sitzt. Nahebei halten auch zwei Feuerwehrzwerge die Wacht. Überhaupt sind die Zwerge im ganzen Stadtgebiet zu finden. Sie alle tragen individuelle Namen, die sich teils auch aus ihrer Tätigkeit herleiten lassen. Denn Wroclaws Zwerge sind fleißig!

Und ganz so versteckt sind die Zwerge in der Oderstadt der 130 Brücken auch nicht. Das Tourismusbüro hält Broschüren und Informationsmaterial samt Karten zum Thema „Breslauer Zwerge“ bereit, eine interaktive Karte zeigt online die Standorte der meisten Zwerge an, eine kostenlose App für jedermann hilft bei der Spurensuche ( www.wroclaw.pl/de/go-zwerge-von-wroclaw-kostenlose-app ). Zur vergnüglichen, natürlich auch fotografischen „Zwergenjagd“ laden Stadtführungen, zum Thema werden sogar spezielle Führungen auch für Kinder angeboten. „Breslauer Zwerge“ sind sozusagen zum touristischen Markenzeichen von Wroclaw avanciert und werben in aller Welt.

Zwei dieser Exemplare stehen nun auch schon in der Partnerstadt Dresden, einer der bis zu 30 cm großen Wichte seit 2020 auch in Berlin: im Stadtteil Friedenau, am Breslauer Platz. Und das Beispiel macht Schule. Nach dem Breslauer Vorbild wurden in Nordhausen nun schon 21 „Treppenkäfer“ aufgestellt. Natürlich finden sich auch auf Wroclaws Dominsel, der Ostrów Tumski, Zwerge, etwa den Lampenputzerzwerg „Gazus“. Denn hier auf der Insel, die man auch „Kleiner Vatikan“ nennt und die die Keimzelle der Stadt bildet, werden allabendlich von städtischen Angestellten noch wie in alten Zeiten die Gaslaternen zum Erleuchten gebracht.

Stadtrundgang. Foto: Jürgen Sorges

Wichtigstes Ziel ist natürlich Wroclaws Dom am Kathedralenplatz, die Erzkathedrale des Hl. Johannes des Täufers (Mo – Sa 10.00 – 17.30, So 14.00 – 17.30). Das als „Mutter aller schlesischen Kirchen“ bezeichnete Gotteshaus wurde schon 1951 wieder aufgebaut. Kostbarste Skulpturen und Gemälde zieren das Innere mit 21 Kapellen. Aber natürlich ist auch das Bischofspalais von Interesse. Hier soll ein Teil des Solidarnosc-Vermögens sicher vor den gierigen Schergen der Miliz versteckt worden sein.

Und im Erzbischöflichen Museum wird sogar jenes Buch aufbewahrt, in dem erstmals ein erster Satz in polnischer Sprache auftaucht. Es ist das Buch von Henryków (Liber fundationis claustri Sancte Marie Virginis in Heinrichau) aus dem 13./14. Jahrhundert. Kulinarisch spannender ist dann das „Klößetor“ am Kathedralenplatz 15 (plac Katedralny 15). Und tatsächlich befindet sich oben auf dem Torbogen ein etwas runzlig wirkender „Kloß“, der eher einer kleinen missratenen Kugel ähnelt. Denn die Legende will es, dass einem Bauern die Frau verstarb, die hervorragende Köchin war und besonders leckere schlesische Klöße zubereitete. Eines Tages erschien sie ihm im Traum und versprach ihm einen Zaubertopf voller Klöße, der stets gefüllt bleibe, solange er einen im Topf ließe. Doch der Appetit des Bauern war stärker. Allerdings sprang ihm der letzte Kloß vom Löffel und landete zu Stein geworden auf dem Torbogen.

Ganz ohne Zaubertopf, doch mit zauberhaften Gerichten geht es dann zurück am Rynek im Restaurant „Pod Fredra“ zu. Und Klöße und Piroggen hat es auch satt. Dies Restaurant „Zum Fredro” öffnet gleich hinter dem Denkmal für den Komödienautor aus Lemberg. Zur Rechten erhebt sich der mächtige Turm des Alten Rathauses, zur Linken schließt sich der Bau des neuen Rathauses an. Am Eingang kann man alle 15 Minuten den etwas scheppernden Klang der Viertelstundenglocke hören. Runder ist da schon der Klang der Stundenglocke.

Und auch wenn eine Tafel zur Rechten des Eingangs in etwas ungelenkem Englisch „Polish Cousine“, also eine „polnische Cousine“ verspricht, darf man sich auf wunderbar herzhafte traditionelle polnische Küche (Polish cuisine) freuen. Im rustikalen Ambiente mit separierten Logen aus Eichenholz und vielen historischem Musikinstrumenten an den Wänden werden grandiose Platten aufgetischt, zu denen sich dann eine ebenfalls reichhaltige Auswahl an Bieren, Weinen und natürlich auch Wodka gesellt. Ausgezeichnet ist der der Marke „Chopin“. Zu erwarten sind Leckerbissen vom Grill, sogar Fleischspezialitäten aus eigener Räucherei.

Und natürlich erwartet uns die Zurek, die klassische polnische, im Brot servierte saure Mehlsuppe mit Ei und Weißwurst – einfach lecker. Zuvor aber biegen sich die Vorspeisenplatten unter der Last. Ein Festessen, eher für Riesen als für Zwerge. Serviert werden altpolnischer Schinken mit roten Rüben, geräuchertes Landfleisch mit scharfem Meerrettich, Landwurst nach altpolnischer Rezeptur, mit Pilzen gefüllte Fleischpastete mit Moosbeeren, eingelegter Hering mit Gurken, Paprika und Steinpilzen, Sauergurken vom Fass, Brot und Schmalz. Und als ob dies alles nicht schon ausgehungerte Fußballmannschaften samt Auswechselspielern sättigen würde, folgt nach der Zurek noch der Clou.

Zu Beilagen wie Bratkartoffeln mit Speck, Kartoffelklößen und vier verschiedenen Salaten darf man unter in Sahne gedämpftem Kaninchen nach altpolnischer Art mit Knoblauch und Pfefferkraut, gebratener Ente mit Äpfeln und Moosbeeren, Rindsrouladen mit Speck und Gurken in traditioneller Sauce, in Jägersauce gebratenem Schweinskamm nach Hausrezept und gebratenem Dorsch, serviert mit Spinat, Rucola, Feldsalat, Sonnenblumenkernen und Rapsöl wählen. Und natürlich dürfen auch altpolnische Bigos und Piroggen nicht fehlen. Wer nach diesem Festschmaus keinen Wodka benötigt, ist selbst schuld. Wir nehmen gleich zwei!


Information:

Polnisches Fremdenverkehrsamt, www.polen.travel

Visit Wroclaw (Breslau): https://visitwroclaw.eu/de

Übernachten:

Hotel Monopol, https://monopolwroclaw.hotel.com.pl/hotel-monopol-wroclaw

Essen und Trinken:

Rest. Pod Fredra, www.podfredra.pl

Attraktion:

„Barbara“ Strefa Kultury (Kulturzone Wroclaw/Culture Zone Wrocław), http://strefakultury.pl/en/homepage/#

Fotos: Jürgen Sorges

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