Foodie

Wo Genuss Haltung hat

Heute führen Tochter Gloria und ihr Ehemann Maurice Weißenow das Haus mit derselben Leidenschaft weiter. Man spürt sie sofort, diese herzliche Selbstverständlichkeit, mit der Gäste empfangen werden. Hier geht es nicht um Effekte, sondern um Substanz – um Aromen, die nachklingen, um Abende, die in Erinnerung bleiben.

Die Wurzeln im Piemont sind bis heute präsent, etwa im ganzjährigen Angebot erlesener Trüffel. Die täglich wechselnde Karte folgt dem Rhythmus der Saison, verarbeitet bevorzugt regionale Produkte und überrascht doch immer wieder mit neuen Akzenten. Fisch und Fleisch werden mit Bedacht komponiert, jedes Gericht versteht sich als Einladung zum Entdecken.

Weinkultur mit Tiefe

Über 300 Positionen umfasst die Weinkarte – eine Liebeserklärung an Italien, Frankreich, Deutschland und die Neue Welt. Raritäten lagern neben spannenden Neuentdeckungen im sorgfältig geführten Keller.

Gloria und ihr Ehemann Maurice Weißenow. Foto: Carola Faber
Gloria und ihr Ehemann Maurice Weißenow. Foto: Carola Faber

An der Bar, dem Herzstück des Hauses, funkeln Gläser im Kerzenschein. In einem stilvollen Ambiente, zwischen zeitgenössischer Kunst, frischen Blumen und Kerzenschein, entsteht eine Atmosphäre, die Genuss und Geborgenheit vereint – ein Klassiker, der sich treu bleibt und doch immer wieder neu erfindet.

Mit einem Kir Royal beginnt der Abend – perlend, elegant, mit jener feinen Cassis-Süße, die wie ein Versprechen auf der Zunge liegt. Ein Auftakt, der die Sinne weckt und den Blick nach Süden lenkt. Denn was folgt, ist eine Küche, die mediterrane Leichtigkeit mit piemontesischer Tiefe verbindet, saisonal gedacht, regional verwurzelt und im besten Sinne zeitgemäß. Hier wird nicht inszeniert, hier wird erzählt – von Produkten, von Jahreszeiten, von Hingabe.

Der erste Gruß aus der Küche spielt mit Kontrasten: Blumenkohl, Erdnuss und Kimchi. Sanfte Cremigkeit trifft auf nussige Wärme, ein Hauch Fermentation sorgt für Spannung. Ein kleines Amuse-Bouche, das überrascht und neugierig macht. Es folgt Vitello Tonnato – klassisch in der Idee, präzise in der Ausführung. Zartes Kalbfleisch, eine fein austarierte Thunfischcreme, Kapern als salziger Akzent. Ein Gericht mit stiller Größe.

Amuse: Blumenkohl, Erdnuss und Kimchi. Foto: Carola Faber
Amuse: Blumenkohl, Erdnuss und Kimchi. Foto: Carola Faber

Ein weiteres Amuse verbindet Süßkartoffel mit fermentiertem Gemüse, Ziegenkäse und leuchtendem Schnittlauchöl. Süße, Säure und Frische verschmelzen zu einer Komposition, die spielerisch wirkt und doch klar geführt ist.

Dann der Pulpo: gebraten, außen knusprig, innen saftig. Süß-sauer akzentuiert, begleitet von Pinienkernen, Balsamico, Ur-Tomate, Olive und Kapern . Mediterrane Aromen greifen ineinander wie Zahnräder – nichts dominiert, alles trägt. Man schmeckt Sonne, Salz und eine selbstbewusste Reduktion auf das Wesentliche.

Piemont trifft Jahreszeit

Ein weiteres Herzstück des Menüs ist Reis aus dem Piemont mit luftigem Tomatenschaum, sorgfältig gewürzt, gemixt, passiert, reduziert. Joghurt mit schwarzem Knoblauch bringt Tiefe, gebackene Erbse und Erbsencrumble setzen knusprige Kontrapunkte. Cremigkeit und Crunch, Frische und Umami – ein fein austariertes Spiel der Texturen.

Reis aus dem Piemont mit luftigem Tomatenschaum, gebackener Erbse und Erbsencrumble. Foto: Carola Faber
Reis aus dem Piemont mit luftigem Tomatenschaum, gebackener Erbse und Erbsencrumble. Foto: Carola Faber

Begleitet wird dieser Gang vom 2024er Pinot Grigio von Jermann. Der Wein, unter der DOC Friuli geführt, wird direkt nach der Lese gepresst und im Stahltank vergoren, sechs Monate auf der Feinhefe ausgebaut – alles im Zeichen der Frische. Im Glas leuchtet er zitronengelb mit einem Hauch Kupfer. 

Die Nase zeigt Honigmelone, Mini-Ananas, gelbe Pflaume, Mostbirne und weiße Blüten, dazu eine feine Kalkstein-Mineralik. Am Gaumen überrascht er mit bitter-herber Eleganz: Bitter Lemon, Zitronenabrieb, grüne Pflaume, weißer Pfirsich und dezente italienische Kräuter.

Loup de Mer, Garnele, dazu eine intensive Krabbensauce – schon der erste Duft erzählt vom Meer. Der Wolfsbarsch saftig gegart, in Beurre blanc, veredelt mit einem Hauch Misobutter, die ihm Tiefe und eine fast schwebende Umami-Note verleiht. Die Garnele bringt Süße, die Krabbensauce konzentrierte Salzigkeit. Dazu Blumenkohl, zart und doch präsent, und Hasselback-Kartoffeln, außen knusprig, innen weich – ein Spiel aus Textur und Temperament. Ein feiner Gorgonzola-Espuma setzt einen cremig-würzigen Akzent, überraschend, aber stimmig.

Loup de Mer mit Garnele. Foto: Carola Faber
Loup de Mer mit Garnele. Foto: Carola Faber

Das Gericht harmoniert mit einem 2024 Langhe Arneis von Cordero di Montezemolo. Gewachsen auf den Hügeln rund um Alba, zeigt er in der Nase weiße Blüten, Zitrus und einen Hauch Exotik. Am Gaumen frisch, mit knackiger Säure und lebendiger Mineralität – ein eleganter Kontrapunkt zur buttrigen Fülle des Fisches. Ein Dialog zwischen Meer und piemontesischer Finesse.

Prickelndes Finale

Zum Finale wird es leuchtend, klar, fast puristisch: Ein Orangensorbet mit einer Spur winterlicher Gewürze, von intensiver Frische, mit jener feinen Bitternote, die an frisch abgeriebene Zeste erinnert. Keine vordergründige Süße, sondern Spannung – Sonne, Säure, ein Hauch herbe Eleganz. Die Textur ist seidig, kompakt, kühl und präzise gearbeitet.

Dann der große Moment: Das Sorbet wird angegossen mit der Collection 246 von Louis Roederer. Die Perlage trifft auf das Eis, beginnt leise zu knistern, löst es sanft an. Plötzlich öffnet sich das Aromenspiel. Zitrusfrische verbindet sich mit Noten von gelbem Apfel, etwas Brioche und einer feinen mineralischen Tiefe.

Das Hindenburg Klassik. Foto: Carola Faber
Das Hindenburg Klassik. Foto: Carola Faber

Was zunächst wie ein Kontrast wirkt, wird zur Harmonie: Die Orange betont die Frische des Champagners, der Champagner schenkt dem Sorbet Struktur und Länge. Ein Dessert, das nicht beschwert, sondern beflügelt – klar, elegant und mit einem prickelnden Nachhall, der bleibt.


Informationen:

www.hindenburgklassik.de

Fotos: Carola Faber

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