Der Tag beginnt früh in Marrakesch. Der Klang des Muezzins hallt durch die Gassen der Medina, der Altstadt der „Roten Stadt“ (Al Hamra). Denn so bezeichnen sie viele, da zahllose Mauern und Häuser der Stadt in den rötlichen Ockertönen gestaltet sind. Für andere ist es die „Perle des Südens“ – und irgendwie trifft auch diese Bezeichnung bestens auf Marrakesch zu, wenn auch der rote Lehm und Sandstein, aus dem die meisten Häuser erbaut wurden, den klangvollen Namen „Rote Stadt“ allgegenwärtig erscheinen lässt.
Klein, dunkel, verwinkelt
Tatsächlich ist es ein wunderbares Bild, wenn die Sonne am Morgen die ersten Strahlen auf die Häuser wirft, die Stadt erwacht und sich mit emsigen Händlern füllt und hie und da scheppernd die Rollos der Geschäfte nach oben gezogen werden. Die Medina ist unbestritten der schönste Ort um sich hinter traditionellen Mauern in einem der unzähligen Riads einzuquartieren und sich dem Treiben hinzugeben. Viele der kleinen Hotels, gelegen in den Gassen um den Djemaa el Fna, dem Marktplatz, welcher erst am Abend sein stimmungsvolles Gesicht zeigt, sind zumeist mit kleineren Zimmern ausgestattet und haben den ganz speziellen orientalischen Charme.
Zumeist sind die Riads fast düster anmutend, zumindest von außen. Im Inneren zeigt sich oft ein ganz anderes Bild. Das hektische Treiben der Gassen und Straßen Marrakeschs scheint wie ausgesperrt, die Mauern der Häuser verbergen eine ganz andere Welt. In vielen Riads, die in der Regel über zwei Etagen verteilt Zimmer zum Übernachten anbieten, befindet sich im unteren Bereich ein kleiner Pool. Heute meist Zierde, wurde dieser früher von den darin wohnenden Familien täglich genutzt um sich abzukühlen oder zu waschen. Zusätzlich liefert das Wasser gerade in den Sommermonaten noch etwas Feuchtigkeit, kühlt den Innenraum der nach oben meist offenen Riads.
35.000 Geschäfte
Die Gassen in der Medina sind, je nachdem wie weit man in sie eintaucht, klein, dunkel, verwinkelt und gleichen einem Labyrinth. Sich hier zu verirren fällt kaum schwer und gehört irgendwie dazu, zu der Stadt, die dann wieder wenige Meter weiter, fast wie aus verlassenen Gängen geboren, hunderte Menschen vor einem erscheinen lässt. Denn das ist das wahre Marrakesch: laut hupende Mopeds, die durch die menschengefüllten Straßen fahren, Eselskarren, die sich durch das Getümmel bewegen. Und je nachdem in welchem Bereich der Medina man sich gerade befindet, wechselt auch der Geruch um einen herum.
Schmiedeeiserne Kunst und das laute Hämmern auf das Metall einerseits, der Geruch von Stahl liegt in der Luft; Handtaschen und Jacken aus Leder, das gegerbte Material verströmt seine klassische Ausdünstung; Süßwarenhändler mit bunt-klebrigen Auslagen liefern das Aroma von Zucker und orientalischen Gewürzen: ein Gang durch die Souks ist auch ein Gang durch die verschiedensten Sinneserfahrungen. Es sollen vermeintlich 35.000 Geschäfte sein, die in der Medina meist bis Mitternacht ihre Ware feilbieten. Es ist ein Balanceakt, hier nicht alle paar Meter durch interessiertes Schauen auf die Produkte angesprochen zu werden, und verlockt zu sein, sich nicht doch alles genau anzuschauen.
Im südlichen Bereich der Medina geht es vorbei an Geschäften für Leinen und Stoffe, durch Gassen mit Läden für Keramikwaren und Geschirr, und immer wieder trifft man auf kleinere und größere Schmuckanbieter. Oftmals unter dem Label Berber-Kunst werden hier die unterschiedlichsten Schmuckstücke angeboten. Viel Gold, aber auch unendlich viel Silber liegt hier in den Auslagen. Einer dieser Händler ist Hassan, der hier mit seinem Vater einen vielleicht zehn Quadratmeter großen Laden betreibt.
Die Vitrinen sind voll mit Berberschmuck, es sind Ketten, Ringe und Armreife die hier um die Wette blitzen. Hassan ist vielleicht gerade Mal 20 Jahre alt, kennt das Geschäft des Verkaufens gut. Freundlich fragt er nach dem Namen, bietet seine Ware an, und, lässt man sich auf ein Gespräch ein, geht es dann weniger um den Verkauf von Schmuck als vielmehr um Konversation. Pacht müssen sein Vater und er hier nicht zahlen, das Geschäft gehört ihnen, erzählt er. Neben ihm liegt eine kleine Waage, er habe nichts zu verbergen, sei ehrlich und wiege vor den Kunden die Ware, um ihnen den eigentlichen Wert des Schmucks belegen zu können.
Tatsächlich ist es kein wirkliches Verhandeln, wenn es hier um den Kauf geht. Hassan scheint froh zu sein, wenn man nachfragt, sich auch jenseits der angebotenen Produkte für das Leben in der Medina und das teils chaotische Treiben interessiert. Wir verharren in dem kleinen Laden für vielleicht 20 Minuten, sitzen an einem kleinen Tisch und schauen uns das eine oder andere Schmuckstück an. Hassan erzählt von sich und seinem Vater, klärt auf über den Preis des Silbers oder über die Produktion der Schmuckstücke. Und würde man jetzt nichts kaufen, bliebe er gleichfreundlich, dies merkt man sofort.
Marktplatz Djemaa el Fna
Hassan ist nur einer von tausenden Verkäufern, die hier täglich in der Medina sitzen und hoffen, dass der eine oder andere Tourist in ihrem Laden landet um etwas zu kaufen. Der Konkurrenzkampf ist hier natürlich groß, dennoch ist er nett und freundlich – und unaufdringlich. Ohnehin ist der Gang durch die Souks geprägt von netten Erlebnissen, meist ist es hier wie überall woanders auch: So wie man sich verhält und auf die Menschen zugeht, so wird man auch behandelt oder respektiert.
Nur wenige Meter von Hassans Geschäft entfernt, zwei Gassen passierend und vorbei an ein oder zwei Restaurants, kommt man auf die eigentliche Attraktion Marrakeschs: auf den Marktplatz Djemaa el Fna. Tagsüber ein Betonplatz von riesigen Ausmaßen, verlassen und in der Sonne wartend auf den Abend, kommt mit der untergehenden Sonne das Leben auf den Platz, so wie an keinem anderen Ort Marrakeschs. Hunderte Händler mit Getränkeständen, kleinere Street-Food-Restaurants und Henna-Künstler machen den Platz dann zu einem wahrhaft orientalischen Wirrwarr der Eindrücke. Durchaus der eine oder andere Schlangenbeschwörer ist dabei, auch Geschichtenerzähler findet man hier.
Unweit vom großen Haupteingang wacht die Koutoubia-Moschee über allem, ist und bleibt mit 77 Metern Höhe laut königlichem Erlass das höchste Gebäude der Roten Stadt. Seit dem Jahr 1157 strömen an ihr täglich die Menschen vorbei, bewegen sich zu tausenden in Richtung Marktplatz, queren die Straße zum Djemaa el Fna, der im Übrigen von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt wurde, gefüllt mit Pferdekutschen, hupenden Autos und knatternden Mopeds schon eine Erfahrung für sich selbst ist.
Hier an der Moschee ist er verflogen, der Geruch der Fleischspieße, Gewürze und Süßwaren. Hier lebt die Stadt schnell, ganz unorientalisch und geschäftig. Denn auch das ist Marrakesch: eine Stadt der Moderne und einer Ausrichtung gen Westen. Und genau das ist es, was die Perle des Südens zu anziehend macht: Moderne trifft auf Geschichte, aber immer mit der Erhaltung des gewissen traditionellen Charms. Marrakesch: Rote Stadt mit zeitloser Schönheit…
Informationen:
Visit Marocco: www.visitmorocco.com/de
Fotos: Michael Schabacker












