Das Museum of Modern Art wartet unter seinem neuen Direktor Christophe Cherix mit einer berauschend schönen und erkenntnisreichen Ausstellung des großen kubanischen Malers der Moderne Wifredo Lam (1902-1982) auf. Sie ist noch bis zum 11. April 2026 zu sehen. Kunstkritiker und -historiker taten sich lange Zeit schwer Lams einzigartigen fabelhaften, enigmatisch aufgeladenen Bildwelten einzuordnen. Er galt als Surrealist, Kubist dann als lateinamerikanischer und als afro-asiatischer Künstler. Nun schlägt das MoMa neue Töne an, der Kurator für lateinamerikanische Kunst, Beverly Adams, präsentiert Lam als fabulös visuellen Dichter-Künstler, öffnet neue Wege, seine Bilder zu entschlüsseln.
„Wifredo Lam, When I don´t sleep, I dream“
In der großartigen, hervorragend strukturierten und ästhetisch brillant in Szene gesetzten, umfangreichen Ausstellung wird Lam allerdings als die große Neu-Entdeckung zelebriert. Dabei ist der Künstler als Person, sein Schaffen und seine Geschichte seit langem mit dem MoMa, dem Aushängeschild der modernen New Yorker Kunst-, Sammler- und Museumsgeschichte, verknüpft. Bereits Ende der 1930er Jahre kaufte das MoMa ein Bild Lams in Paris und zum Zeitpunkt der Schlacht von Stalingrad 1943 das ikonische Gemälde „La Jungla“ in Kuba an.
Und sensationell, was heute komplett vergessen ist, das enigmatische Gemälde fungierte als Eye-Opener des MoMa, wurde gezielt in der Eingangshalle an der Seite von Picassos berühmten Gemälde „Les Demoiselles d´Avignon“ platziert: mehr Relevanz und Wertschätzung gehen nun wirklich nicht. Doch was der lateinamerikanische Kunstkritiker Carlos Rincón in seinen Arbeiten über Lam vor Jahren ans Licht brachte, ist kein Thema für die Schau. Sie setzt als große Retrospektive – gezeigt werden 130 Werke der 1920-1970er Jahre – darauf, Lam einem breiten Publikum vorzustellen.
Der Ausstellungstitel “Wifredo Lam, When I don´t sleep, I dream“ ist Programm, was die New York Times in der Überschrift ihrer Besprechung „Part Artist, Part Poet and Entirely Inspiring“ erklärend aufgreift, um einen Zugang zu den intensiven halluzinatorischen Lam´schen Bildwelten zu liefern. Aufschlussreich erklärte Lam selbst seine Kunst in einem Interview: „Ich wurde immer als Maler der Pariser Schule, als surrealistischer Maler angesehen, aber nie als das repräsentiert, was ich wirklich in meiner Malerei mache, an was ich glaube, und in großem Umfang reflektiere, die Poesie der Afrikaner, die nach Kuba kamen, Poesie, die in ihren Liedern weiterhin den großen Schmerz verbirgt“. Mit dieser essenziellen kubanischen Lebenswelt kam Lam seit seiner Kindheit in engsten Kontakt durch seine spirituelle Gottesmutter, Ma´Antonica Wilson, die hohe Yoruba-Priesterin des afro-kubanischen Kults Santeria.
Kampf gegen Francos Truppen
Lams Eltern schickten ihn auf die Kunsthochschule in Havanna, als Stipendiat reiste er 1923 nach Spanien, malte Stillleben und Landschaften, aber auch das Bild „Sonne“ (1925): das Selbstportrait zeigt eine androgyne Figur in chinesischer Robe vor Pflanzen, einem Baum und einem Himmel mit Sonne im Hintergrund.
Seinen Lebensunterhalt verdiente er als Portraitmaler und mit Bühnenbildaufträgen. Im ausbrechenden spanischen Bürgerkrieg kämpft Lam in der Republikanischen Armee gegen Francos Truppen. Die Erlebnisse des Krieges stellt er in „La Guerra Civil“ (1937) einer blau-schwarzen Gouache auf Packpapier dar. 1938 flieht er zusammen mit seiner Frau, Helena Holzer, einer deutschen Chemikerin von Barcelona aus ins Pariser Exil. In Picasso und surrealistischen Dichter- und Künstlerkreisen findet er ein produktives Umfeld für seine Malerei. Mit dem Einmarsch deutscher Truppen flieht das Paar nach Marseille und von dort aus über den Atlantik auf dem Schiff, das der selbsternannte Papst des Surrealismus André Breton nimmt.
Allerdings reisen Lam-Holzer im Unterdeck, wie ein Foto der Ausstellung zeigt, und sie besitzen auch kein Einreisevisum für die USA. Ihre Reise endet in Kuba. In der Wiederbegegnung mit der Kultur seiner tropischen Heimatinsel – nach 18 Jahren – gerät Lam in einen Schaffensrausch. Er definiert sein Malen später als „Akt der Dekolonisierung.“
La Jungla – der große Wurf Lams
In Havanna malt Lam 1942-43 das monumentale Sinnbild Kubas und der Antillen, des Kulturraums, der Inbegriff der Zuckerwirtschaft auf der Basis von Sklavenhandel und -arbeit ist. „La Jungla“ thematisiert die Wiederbelebung der durch die Sklaverei zerstörten Yoruba-Kultur-Gemeinschaft, die sich über Generationen im Rahmen des spirituellen Santeria-Kults vollzog. Zu seinen Praktiken gehört die kulturelle Technik von Geistern, orixás besessen zu werden. Die zentrale Figurengruppe des Bildes (vor der grünen und Mango-gelben Dschungel-Zuckerrohrwand) repräsentiert keine Sklaven, sondern Yoruba-Gruppen, ihre Geschichte und widerständige Kultur. Einige der aufrechtstehenden Figuren tragen Masken, die Picassos afrikanischen Maskenbilder zitieren. Lam nimmt auch Bezug „auf Sandro Botticellis Götterdarstellungen in dem Gemälde ´Primavera` und Annibale Carraccis ´Herkules am Scheideweg` (Rincón).
Im Akt des Malens sucht Lam die Götterwelt der Yoruba und ihre orixás in Bewegung zu setzen, die Kräfte und Energien der Gemeinschaft zu mobilisieren. Das Bild lebt von der Ambivalenz zwischen der Geschichte tiefen Schmerzes über die Versklavung und der Gegenwärtigkeit des religiös-spirituellen Raums, in der Darstellung des mächtigen Yoruba-Pantheon und der Praktiken der Santeria.
Lams Versuche ein permanentes Visum für die USA zu erhalten, um dort zu leben und zu arbeiten, scheiterten an seiner Herkunft. Er galt als Chinese, seine Chancen auf der überlangen Liste chinesischer Einreiseanträge in die USA waren gleich Null. Europa, zuletzt Italien boten ihm die einzige Arbeitsperspektive insbesondere nach der Machtübernahme von Fidel Castro Ruz und dessen dezidiert rassistischer Politik.
Non-profit Art Spaces
Neben den Flaggschiffen der New Yorker Kunstwelt, dem Metropolitan-, Guggenheim- und Whitney-Museum mit ihren großartigen Sammlungen und grandiosen Ausstellungen, den hippen Galerien in Soho – heute geradezu mit Museen Status, was Größe der Schaufläche und Big-Names der Ausstellung internationalen Künstler betrifft – lohnt es sehr subkulturelle non-profit Kunsträume außerhalb Manhattans zu besuchen.
Zum Beispiel der in Mott Haven in der South-Bronx gelegene Bronx Art Space, den die New Yorker Künstlerin Linda Cunningham 2010 gründete. Hier finden junge, lokale unterrepräsentierte und aufstrebende Künstler und Kuratoren Förderung. Die gemeinnützige Galerie organisiert Gruppenausstellungen, Workshops, bietet u.a. der Latino-Community einen Ort für kreatives Miteinander.
Informationen:
Museum of Modern Art: www.moma.org
Bronx Art Space: www.bronxartspace.com
Fotos: Succession Wifredo Lam, ADAGP, Paris / ARS, New York 2025

