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Kavango-Zambezi: Alles im Fluss

Den Platz für ihre Caprivi Mutoya Lodge und ihr persönliches Paradies fanden Zane und Zina Swanepoel vor Jahren unter dem weit ausladenden Jackalberry-Baum, der heute die Holzterrasse des Hauptgebäudes überragt und Schatten spendet. Hier – an einem kleinen Nebenarm des Zambezi im einsamen Nordosten Namibias – herrscht Idylle pur. Im Sonnenuntergang gleitet das Kanu übers Wasser, vorbei an den wabenartigen Nestern der Webervögel.

Auf den Spuren kolonialen Größenwahns

So ruhig wie heute ging es hier – im sogenannten Caprivi-Strip – nicht immer zu. Früher prallten in dem rund 500 Kilometer langen und teils weniger als 50 Kilometer schmalen Landkorridor geopolitische Interessen aufeinander: Im Jahr 1890 fügte das damalige Deutsche Reich mit dem Helgoland-Sansibar-Deal den Landzipfel an seine südwestafrikanischen Kolonien und erreichte so den Zambezi. Die größenwahnsinnige Idee einer deutschen Landbrücke vom Atlantik bis zum indischen Ozean scheiterte, doch seitdem klebt der Caprivi-Strip auf der Karte wie ein falsch platziertes Puzzle-Stück an Namibia. Mitte der 1970er Jahre geriet der Landstrich wieder in die geopolitische Frontlinie, die hier zwischen dem pro-westlichen Südafrika und dem sozialistischen Angola verlief. Ein Erbe der damaligen militärischen Bedeutung ist das für afrikanische Verhältnisse hervorragende Straßennetz. 

Abendstimmung in der Caprivi Mutoya Lodge. Foto: Jochen Hägele
Abendstimmung in der Caprivi Mutoya Lodge. Foto: Jochen Hägele

Touristen verirren sich nicht so oft in diese abgelegene Gegend. Und gerade deshalb knüpfen die Menschen hier große Erwartungen an ein Projekt, dessen Potenzial enorm, dessen Name aber kaum bekannt ist. 2011 gründeten die fünf Staaten Angola, Botswana, Namibia, Sambia und Simbabwe die Kavango-Zambezi Transfrontier Conservation Area (kurz „Kavango-Zambezi“ oder „Kaza“). Ihre Vision: Den nachhaltigen Tourismus fördern, die Menschen unterstützen und freie Korridore für die großen Tierherden schaffen – und das über nationale Grenzen hinweg. 

So entstand das weltweit größte Tierschutzgebiet: Mit fast 520.000 Quadratkilometern umfasst Kavango-Zambezi insgesamt 36 Nationalparks und Reservate. Darunter sind die weltbekannten Victoriafälle in Sambia und Simbabwe und das Okavango-Delta in Botswana, aber auch faszinierende Parks abseits des Mainstreams wie der Makgadikgadi Pans Nationalpark mit seiner surrealen Landschaft mit ausgetrockneten Salzseen und Baobab-Bäumen. 

Lodge hoch in den Baumwipfeln 

Nur wenige Stunden westlich von Caprivi Mutoya – im Bwabwata Nationalpark auf einer Insel im Kwando River – hat Tinolla Rogers vor rund zehn Jahren ihre Nwamba Tented Lodge aufgeschlagen. Wobei aufgeschlagen ziemlich untertrieben ist. Als die Rogers feststellten, dass das kleine Wäldchen ein beliebter Rastplatz der Elefanten ist, verlegten sie ihre Lodge kurzerhand in die Höhe – und schafften so Baumhaus-Feeling der Luxusklasse. 

Das Hauptgebäude und die zehn überaus komfortabel ausgestatteten Unterkünfte sind durch Stege verbunden, unter denen in der Trockenzeit im Oktober und November oft Dutzende Elefanten einen Schattenplatz suchen. Kavango-Zambezi hält Tinolla für eine großartige Idee, erzählt sie beim Sundowner, während am Fluss die Elefanten ein Bad nehmen und die Affen durch die Bäume turnen. Zwar besuchen jedes Jahr rund 400.000 Touristen die Victoriafälle und viele von ihnen die angrenzenden Parks – doch Kavango-Zambezi hat so viel mehr zu bieten. 

Unterwegs mit dem Jeep: Elefanten passieren die Straße. Foto: Jochen Hägele
Unterwegs mit dem Jeep: Elefanten passieren die Straße. Foto: Jochen Hägele

Die großartigen Flusssysteme des Zambezi und des Okavango mit ihren zahlreichen Nebenflüssen bilden die Klammer für dieses einzigartige Ökosystem, in dem neue Wege für das Miteinander von Menschen und Tieren gesucht werden. Rund 300.000 Elefanten ziehen hier seit Jahrtausenden umher und scheren sich dabei wenig um Landesgrenzen, Straßen oder Siedlungen. Dass die Elefanten zuerst da waren, steht auch für die Einwohner von Dambwa South außer Zweifel. Ihre kleine Siedlung vor Livingstone in Sambia ist in den vergangenen 20 Jahren entstanden – ob legal oder nicht ist wohl nicht mehr zu klären, jedenfalls liegt sie genau auf der Route der Elefanten zu ihren Wasserstellen oberhalb der Victoriafälle. Immer wieder kam es in der Vergangenheit zu manchmal tödlichen Unfällen, etwa wenn Bewohner die Elefanten aus ihren Vorgärten zu vertreiben suchten. 

Neue Pfade für Menschen und Tiere

Dies ist das Einsatzgebiet der „Dambwa Warriors“, einer Initiative der Livingstone Conservation and Tourism Society (Cats). Rund um die Uhr stehen die Warrior bereit, wenn Bewohner Hilfe brauchen. Wie man sich so verhält, wenn einem dennoch ein Elefant in die Quere kommt? „Immer seine Komfortzone respektieren und wenn es doch ernst wird, dann in die Hände klatschen und Lärm machen“, rät Dambwa-Warrior James Zimba Jr. Vor allem aber helfen die Freiwilligen dabei, die Gärten elefantensicher zu machen: Etwa mit Reihen aus weißen, spitzen Steinen, die für die empfindlichen Elefantensohlen ein echtes Hindernis darstellen. 

Kurze Rast mit Blick auf ein Wasserloch mit Elefanten. Foto: Jochen Hägele
Kurze Rast mit Blick auf ein Wasserloch mit Elefanten. Foto: Jochen Hägele

Ums Zusammenleben von Menschen und Tieren geht es auch ein paar Kilometer weiter in Simbabwe, auf der anderen Seite der Victoriafälle. Hoch am Himmel ziehen weithin sichtbar die Geier ihre Kreise über dem Vulture-Culture-Restaurant, in dem Moses Marunya Garira jeden Tag punkt 13 Uhr den gefiederten Gästen das Mittagsmahl aus weißen Plastikeimern serviert: „Unser Restaurant ist vielleicht das einzige, in dem die Gäste selbst abwaschen“, meint Moses. 

Die Zahl der Geier ist im südlichen Afrika in den vergangenen Jahren dramatisch geschrumpft. Sie fressen von Wilderern vergiftetes Aas oder werden gezielt vergiftet, da die traditionelle Medizin ihnen Heilkräfte zuschreibt. Strommasten sind eine weitere tödliche Gefahr für die Vögel, die ihre einmal eingeschlagene Flugbahn nicht rasch korrigieren können. Initiativen wie das Geierrestaurant möchten einen Beitrag zu Aufklärung und zur Rettung der bedrohten Vögel leisten.

Reisen mit Grenzerfahrungen

Kavango-Zambezi ist die Vision einer nachhaltigen Koexistenz von Menschen und Tieren, der Tourismus ist dabei ein wichtiger Faktor. Es ist auch eine Welt im Aufbruch, wenn auch noch einige Hürden zu überwinden sind. Beim Grenzübertritt heißt es meist Fahrzeug und Führer wechseln. Dazu kommen Grenz-Rituale, deren Sinn sich nicht immer erschließt: Einmal heißt es beim Hygienecheck Hände waschen, das nächste Mal mit den Schuhen durch ein Desinfektionsbad waten, und dazu jede Menge Papiere ausfüllen. Deutsche Touristen brauchen für Sambia wie auch Botswana und Angola in der Regel kein Visum, in Simbabwe gibt es das Visum bei der Einreise, ebenso in Angola, wenn man denn einen Grenzposten findet. Namibia wiederum hat Anfang April wieder eine umfassende Visumspflicht eingeführt. Die Menschen im Caprivi-Strip sind davon nicht gerade begeistert. 

Unterwegs mit dem Guide durch den Nationalpark. Foto: Jochen Hägele
Unterwegs mit dem Guide durch den Nationalpark. Foto: Jochen Hägele

In einem Wahnsinnsprojekt ähnlich der deutschen Afrikapläne wollte der britische Tycoon Cecil Rhodes Anfang des 20. Jahrhunderts eine Zugstrecke von Kapstadt bis nach Kairo bauen. In Sichtweite der Victoriafälle sollte die Trasse über die 130 Meter tiefe Schlucht des Zambezi führen. Die Bauteile für die Victoria Falls Bridge wurden in England vorgefertigt und vor Ort montiert. Am Ende dann der Schock: Die beiden Brückenteile überlappten um 1,25 Inch – rund drei Zentimeter. 

Die ratlosen Ingenieure sollen sich daraufhin erst einmal ein paar Drinks in der Bar des nahegelegenen Victoria Falls Hotels genehmigt haben. Als sie am nächsten Morgen wiederkamen, passten die beiden Brückenteile perfekt – das Metall hatte sich in der Kälte der Nacht zusammengezogen. Manche großen Projekte brauchen eben Gelassenheit. 


Informationen:

www.uncoverkavangozambezi.com

Fotos: Jochen Hägele

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