Irgendwann wurde ihr diese Arbeit jedoch zu eintönig. Sie wollte etwas machen, das stärker mit ihrer Leidenschaft verbunden ist. Denn sie segelt seit ihrer Kindheit. Irgendwann fragte sie sich deshalb: Warum nicht mit etwas arbeiten, das sie wirklich liebt? So wechselte sie den Beruf und wurde Kapitänin…
KULINARIKER: Und wie sind Sie schließlich auf die historischen Schiffe gekommen?
Annette Hansell: Ich habe 2017 hier mit der Ausbildung als Jungmann angefangen. Mich hat besonders gereizt, mit kleineren Schiffen zu arbeiten und in engeren Gewässern zu manövrieren. Außerdem faszinieren mich alte Schiffe. Die Diana, die Wilhelm Tham und die Juno sind für mich weit mehr als Transportmittel. Sie haben eine Geschichte und einen großen kulturellen Wert.
Auch der Göta-Kanal selbst ist etwas ganz Besonderes. Er gehört für mich zum kulturellen Erbe Schwedens. Deshalb habe ich mich Schritt für Schritt weiterentwickelt und schließlich das Patent als Kapitänin erworben. Wobei es für mich nie ausschließlich darum ging, Kapitänin zu werden. Das Entscheidende war, mit Schiffen auf dem Wasser arbeiten zu können. Das ist es, was ich wirklich liebe.
Macht es einen Unterschied, ob eine Frau oder ein Mann am Steuer steht?
Das hängt wahrscheinlich sehr davon ab, wo man arbeitet. Bei uns an Bord herrscht eine ausgesprochen flache Hierarchie. Natürlich ist der Kapitän für die Entscheidungen verantwortlich, und seine beziehungsweise ihre Anweisungen müssen befolgt werden. Aber letztlich arbeiten wir als Team zusammen.
Deshalb glaube ich nicht, dass es hier einen großen Unterschied macht, ob ich eine Frau bin oder ein Mann. Zumindest auf unseren Schiffen habe ich das nie als Problem empfunden. Vielleicht ist die Situation auf großen Seeschiffen noch einmal eine andere.
Wo sind Sie aufgewachsen?
Ich komme aus dem Süden Schwedens, aus Skåne. Heute lebe ich allerdings auf Vikbolandet bei Norrköping. Das ist die Halbinsel, an der wir in der letzten Nacht unserer Reise vorbeifahren werden. Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen. Meine Eltern hatten ein Segelboot und haben mich schon früh mit dem Segeln vertraut gemacht. Das Wasser und das Segeln gehörten für mich also eigentlich schon immer zum Leben.
Gibt es einen Abschnitt des Göta-Kanals, den Sie besonders mögen?
Ja. Wahrscheinlich genau den Abschnitt, den wir heute noch befahren werden: den Bergkanal, Spetsnäs und die Schleuse von Forsvik. Ich mag diese Strecke besonders, wenn es leicht regnet. Dann werden die Farben intensiver und die Landschaft bekommt eine ganz besondere Atmosphäre. Heute könnte es deshalb besonders schön werden.
Vor Forsvik gibt es einen schmaleren Kanalabschnitt, der durch den Wald führt. Dort wirkt alles sehr ruhig und idyllisch. Fast ein wenig magisch.
Warum liegt Ihnen die Juno so am Herzen?
Ich fahre die Juno einfach sehr gerne. Aber ich mag auch die Wilhelm Tham und die Diana. Die Diana war tatsächlich mein erstes Schiff. Ich bin zunächst die meiste Zeit auf ihr gefahren. Irgendwann sollte ich zur Juno kommen – und inzwischen ist sie mir sehr ans Herz gewachsen. Sie stellt mich auch immer wieder vor neue Herausforderungen. Sie ist das älteste Schiff. Über die Jahre waren so viele Menschen an Bord. Man spürt einfach, dass die Juno etwas erlebt hat.
Gehören die Nachtfahrten zu den Herausforderungen?
Ich mag das Fahren während der Nacht. Dann fühlt es sich für mich besonders ursprünglich und echt an. Die Diana fährt nachts in einen Hafen und bleibt dort. Auf der Juno geht die Reise aber weiter. Das macht für mich einen großen Teil ihres besonderen Charakters aus.
Wie gehen Sie mit dem ungewöhnlichen Rhythmus an Bord um? Erst arbeiten, dann ein paar Stunden schlafen und wieder aufstehen?
Manchmal ist das natürlich anstrengend. Es kommt darauf an. An manchen Tagen kann ich leichter schlafen, an anderen ist es schwieriger. Aber insgesamt funktioniert es gut. Wenn ich mehr Zeit zum Schlafen habe, nutze ich sie natürlich. Die meiste Zeit bekomme ich tatsächlich genügend Schlaf.
Wie war es letzte Nacht?
Ich war auf der Brücke und bin gefahren. Wir haben um halb vier Uhr morgens gewechselt.
Wie lange waren Sie am Steuer?
Von halb elf Uhr abends bis halb vier Uhr morgens. Ich bin über den Vätternsee gefahren und anschließend weiter.
Wo schlafen Sie?
Direkt hinter der Brücke.
Ist es dort nicht ziemlich laut? Sie bekommen doch sicher mit, was auf der Brücke passiert.
Manchmal schon. Aber normalerweise ist es nicht besonders laut. Die Crew weiß, dass ich dort schlafe, und nimmt Rücksicht. Manchmal klopft es allerdings und es heißt: „Wir brauchen Hilfe.“ (lacht)
Wie lange dauert Ihre Saison auf dem Göta-Kanal? Und was machen Sie in der übrigen Zeit?
Ich beginne hier im Mai und arbeite bis August. Danach fahre ich kleinere Schiffe im Schärengarten in der Region, in der ich wohne. Dort transportiere ich Menschen, die auf den Inseln leben. Man kann es sich ein bisschen wie einen Bus auf dem Wasser vorstellen. Es gibt kleine Fähren, die zwischen den Inseln verkehren und die Bewohner direkt zu ihren Häusern bringen.
Auch diese Arbeit gefällt mir sehr. Eigentlich ist gerade die Kombination perfekt für mich: Im Sommer fahre ich auf dem Göta-Kanal, den Rest des Jahres bin ich im Schärengarten unterwegs.
Wie sieht Ihr Leben aus, wenn Sie nicht am Steuer stehen?
Ich bin verheiratet und habe keine Kinder. Wir haben allerdings zwei Hunde.
Ich war immer sehr beschäftigt und habe das Thema Kinder irgendwie verpasst. Meine drei Schwestern haben dafür umso mehr Kinder. Da ist die Familie auch ohne meine eigenen Kinder ziemlich groß.
Foto: Carola Faber

