Südlich Budoni türmt sich oberhalb von Siniscóla der 1127 Meter aufragende Bergrücken des Monte Albo auf. In Endlos-Serpentinen geht es hier hinauf ins Bergdorf Sant`Anna und weiter an die Nordwestflanke des Berges, wo sich jahrtausendealte Entdeckungen, herrliche Panoramen und eine überraschenden Hightech-Perspektive auftun.
Zeit und einen guten fahrbaren Untersatz sollte man mitbringen, um sich ab Sant`Anna auf die schmale Bergstraße nach Bitti zu begeben. Kulinarisch lockt erst einmal nur die hochgelobte Locanda Ammentos unterhalb der Punta su Mutucrone (1050 Meter hoch), sonst nichts. Dafür läuten die Almglöckchen grasender Kühe am Straßenrand. Das Fleisch der rotbraunen gilt als Delikatesse.
Lula lebt – dank ET!
Ein Stopp lohnt am Panoramapunkt Janna Portelitos mit Blick hinüber zum Bergdorf Lodé. Das Grab eines verdienten Sarden samt modernem Stelen- Denkmal ist ein weiterer Hingucker. Dann taucht auf halbem Wege das Dörfchen Lula auf: 1250 Einwohner, bekannt für den 2001 wiederbelebten archaischen Karneval samt Masken gegen den bösen Blick und der zentralen Masken-Opferfigur des wie eine trauernde Witwe gekleideten „Battileddu“, dessen Ursprünge weit zurückreichen: Noch antike Quellen zitierten jene alten Sarden der Bronzezeit, die mit „sardonischem Lächeln“ in den Tod gingen.
Lula lebt von Viehzucht und Waldwirtschaft, bis 1997 kam noch die Ausbeute dreier Minen für Silber, Bleiglanz und Zinkblende hinzu. Eine, Sos Enathos, auch Sos Enattos genannt, ist nun ein beliebtes Museums-Schaubergwerk. Doch kündigt sich Gewaltiges an: Hier soll, geht es nach Italiens Regierung und den Wünschen des italienischen Quantenphysikers und Nobelpreisträgers 2021, Giorgio Parisi, schon bald in 250 Metern Tiefe einer der Arme des neuen Einstein-Teleskops entstehen: Dies Nonplusultra modernster Wissenschaft, ein Gravitationswellendetektor der dritten Generation, mit gesicherter Finanzierung von 1,3 Milliarden Euro, dürfte bei Realisierung Lula, die gesamte Bergwelt ringsum und die Provinzhauptstadt Nuoro völlig umkrempeln – ein in tausenden Inseljahren nie gesehenes Vorhaben!
Natürlich hat das Projekt zum „Big Bang“, dem Ursprung des Universums, einen Spitznamen: Es wird kurz „ET“ genannt. Das passt zumindest für die Lulesi. Denn mit Extraterrestrischem, Geheimnisvollem, Mysteriösem, Zauberei sind sie hier seit je vertraut.
San Francesco, Su Romanzesu
Nahe Sos Enattos ist die Wallfahrtskirche San Francesco Anfang Mai neun Tage Treff eines der größten Pilgerfeste Sardiniens. Oft in Werken der Nobelpreisträgerin Grazia Deledda beschrieben, zieht es Tausende an.
Kulinarischer Höhepunkt ist vor Ort die kräftigende Suppe „su filineddu“, eine Schafsbrühe mit Pecorino. Was demnächst unterirdisch bei „ET“ passiert, dürfte manchem jedoch eher wie Hexerei vorkommen. Dies war vor 3000 Jahren nicht anders, als Heerscharen von Sarden 13 Kilometer nördlich Bitti in das zur Bronzezeit größte Inselheiligtum, zur heutigen archäologische Stätte Su Romanzesu pilgerten.
Benannt nach Römern, die hier im 2./3. Jahrhundert n. Chr. patrouillierten, entwickelte sich der sieben Hektar große Komplex inmitten von Korkeichen ab dem 14. Jahrhundert v. Chr. um das Brunnenheiligtum Podd`Arvu (Poddi Arvu) mit imposanten Megaron-Tempeln, Steinhütten und fünf großen Versammlungsbauten zum Kultzentrum, bis es im 7./6. Jahrhundert v. Chr. verschwand. 1919 wiederentdeckt, wähnte man lokal an dem Ort nahe der Quellen des längsten sardischen Flusses rasch „Hexen“. Denn in einem Labyrinth-Bau wurden eine Pilgerflasche für heiliges Brunnenwasser und tausende bunte Fluss-Kieselsteine aus Quarz entdeckt: Votivgaben für den hier residierenden „Sacerdote-Stregone“, den Priester-Hexer.
Vom Brunnen führte ein Kanal zum von einem Amphitheater umrundeten Becken, wo sich das Wasser sammelte und zudem Recht gesprochen wurde. 200 Menschen finden hier Platz, wie heutige Kulturveranstaltungen zeigen. In einem dritten Tempel fanden sich zudem Reste einer Bernsteinkette von der Ostsee.
Wie das Leben in den bronzezeitlichen Dörfern aussah, zeigt dann die Turmanlage Nuraghe Loelle. Der nächste Ort, Buddusò, enttäuscht, weil auch Granitsteinbrüche das Ortsbild bestimmen. Aber im Museumspark versöhnen Holz- und Granitstatuen, die 1980 bis 2000 auf Bildhauer-Symposien entstanden. Zudem locken die Domus de Janas von Ludumu, Felsgräber der Jungsteinzeit (4000 – 3200 v. Chr.), lokal „Feenhäuser“ genannt. Zum Schmunzeln, dass die Cafeteria „Da Giovanna“ mit Marylin Monroe wirbt.
Nuraghendorf und Riesengrab
Ein perfektes Riesengrab aus der Spätsteinzeit ist zudem südlich Siniscóla die Tomba die Giganti S`Ena `e Thomes mit sechs Meter hoher Fassade und elf Meter langer Kammer. Nahebei öffnet mit Serra Orrios dann das größte Nuraghendorf Sardiniens: über 70 Steinhäuser, heiliger Bezirk und Tempel. Perfekt, dass hier ein Café bestens mit Speis und Trank versorgt.
Zwischen Seestern und Mastixbaum
Nach einer solchen Rundtour lockt dann das verdiente Mahl am Sandstrand, etwa im Ristorante Stella Marina in Budoni, das schon 1962 öffnete und hier den internationalen Tourismus mit auf die Beine stellte. Großartiger Service auf der weitläufigen überdachten Veranda, dazu eine phantastische Weinkarte und beste Küche, allen voran das in Salzkruste gebratene Rinderfilet, die Trüffelpasta, herzhafte Pizzen, Doraden- und Oktopus-Gerichte mit Polenta überzeugen.
Das Stella Marina bietet auch Übernachtungen an. Schöner ist es indes, ein Häuschen am Meer zu mieten. Etwa im Ortsteil Matta e Peru die Villa Lentischio, benannt nach dem zum Baum ausgewachsenen hundertjährigen Mastixbaum im Hof. Dies ist die perfekte Adresse und nur 100 m vom Strand – mit einem Clou: gleich drei ausgewachsene sardische Rundpanzer-Schildkröten zockeln hier über das Terrain und sorgen für Atmosphäre. Vorsicht also beim Ein- oder Ausparken, ehe es zu Einstein oder zum Beach geht.
Informationen:
Sardegna Turismo: www.sardegnaturismo.it/de
Su Romanzesu: www.romanzesu.sardegna.it/romanzesu.html
Nuraghe Loelle: www.sardegnaversounesco.org/de/der-nuraghe-loelle-in-budduso
Serra Orrios: www.ghivine.com/serraorrios.htm
S`Ena `e Thomes: www.sardegnaturismo.it/it/esplora/sena-e-thomes
Stella Marina: www.stellamarinabudoni.com/en
Fotos: Ellen Spielmann

