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Auf den Spuren der Nobelpreisträgerin Grazia Deledda

Deleddas naturalistischen an französischer, italienischer vor allem aber russischer Literatur orientierten Erzählungen und Romane über die unmittelbare sardische Gegenwart – das harte Leben, das Elend, das Los der Frauen, archaisch, christlichen und paganen Glauben – basieren auf eigenen Erfahrungen und ihren ethnografischen folkloristischen Studien der Lebenswelt ihrer Heimat. Ihre Entscheidung zu schreiben und in die Öffentlichkeit zu treten sorgten für Skandale, aber auch für Beifall. 

Ein wichtiger Kritiker aus Sassari nennt sie „unsere George Sand“. Deledda wehrt sich gegen den permanenten Vorwurf der Nestbeschmutzung: „Ich beschreibe getreu unsere originellen und bizarren Bräuche: die herrlichen und unbekannten Landschaften, die Sitten, die Leidenschaften, die Menschen“. Literarisch entwirft sie ein Gegenbild zu den „wilden Szenen und blutigen Geschichten“, die bisher Sardinien als „Hort des Hasses und des Blutes“ zeigen. 

Auch verteidigt sie die sardischen Frauen gegen die Verunglimpfungen des großen Dante, der, um die sittenlosen Florentinerinnen zu rügen, sie mit den unkeuschen, wilden Frauen, Bewohnerinnen der „Barbágia“ (Ostteil Sardiniens) vergleicht. Frech bricht Deledda mit jeglichen Konventionen und reist als junge Frau allein in die Hauptstadt Cagliari, findet Aufnahme in Literatenkreisen. Skandalös spät heiratet sie dort 29-jährig einen Beamten aus Rom und verlässt 1900 Sardinien. Ihre Schreibstube in Rom richtet sie mit sardischen Originalmöbeln im Art Deco-Stil der Möbelmanufaktur „Brüder Clemente“ aus Sassari ein. 

Nuoros historisches Caffé Camboso ist nach dem Schriftsteller Salvatore Cambosu, einem Verwandten Deleddas, benannt. Historische Fotos von hier geborenen Künstlern Francesco Ciusa und Schriftstellern Salvatore Satta sowie Art Deco Mobiliar und Lampen dekorieren das geräumige Café, das heute auch als Bar fungiert. Bei den Nuoresi beliebt sind insbesondere das köstliche sardische Feingebäck, gefüllte Brioche oder „Pabassinas“, ein dolce auf der Basis von Mandeln, Nüssen und Sultaninen. 

Grazia Deledda als Bronze. Foto: Jürgen Sorges
Grazia Deledda als Bronze. Foto: Jürgen Sorges

Hommage Nuoros an Grazia Deledda

Auf der Piazza San Giovanni Ecke Corso Garibaldi findet sich eine interessante Deledda-Statue, die sie als junge Frau darstellt. Geschaffen hat sie der in Nuoro lebende Bildhauer Pietro Costa. Das Auftragswerk (Kosten: 18.000 Euro) entstand 2016 anlässlich des 90. Jubiläums der Verleihung des Literatur-Nobelpreises. Nach der Enthüllung der Statue kam es zu stürmischen Protesten. Mal entdeckten die Nuoresi in der Statue eine vermeintliche Ähnlichkeit mit „E.T.“, mal mit „Mir Bean“. Ein Bürger schrieb gar: „Sogar die Tauben streiken!“ Sozusagen wissend, dass sich angeblich keine Tauben auf der Statue niederlassen würden. 

2023 attackierte ein Bürger das Kunstwerk mit Farbspray. Mehr als eine Dekade zuvor ehrte Nuoro Deledda mit einem bemerkenswerten Mammutgroßwerk in der Altstadt. 2000 entwarf die italienische Künstlerin Maria Lai, eine Seelenverwandte Deleddas eines aus Stelen zu Ehren der Schriftstellerin. Die groß angelegte Installation trägt den enigmatischen Titel „Andando via“ („Auf dem Weg“). Sie wurde 2004 eingeweiht und steht nahe des Geburtshaus Deleddas und der „Kirche der Einsamkeit“, in der Deledda begraben liegt.

Eine „kleine“ Sardin ganz groß

Deleddas autobiografischer Roman „Cosima“ diente als Basis das Museo Deleddiano im Haus ihrer Kindheit einzurichten. Auch ihre ersten Bücher schrieb sie hier. Dank Schenkung von Manuskripten, Fotografien, Briefen, Dokumenten, persönlichen Erinnerungsstücken und Originalmobiliar der Erben und dank Artefakten und Material, die das Ethnografische Institut Sardinien im Lauf der Jahre sammelte, gelingt das schwierige Unterfangen Deleddas Leben und Werk in all seinen Brüchen darzustellen. 

Wandgemälde, welches Grazia Deledda darstellt. Foto: Jürgen Sorges
Wandgemälde, welches Grazia Deledda darstellt. Foto: Jürgen Sorges

Besucher erfahren im Rundgang über drei Stockwerke, den Hof und Garten wie eine typische Großgrundbesitzerfamilie im Sardinien der 2. Hälfte des 19 Jahrhunderts lebte. Allerdings setzte 1885 mit dem Tod des Vaters der Niedergang der Familie ein, die wertvollen Kupferkessel der Küche mussten sehr bald verkauft werden. Bereits mit 14 Jahren „kannte sie das Leben in seinen fatalen Erscheinungsformen“, schreibt Deledda. 

Ein Raum des Museums widmet sich komplett dem Nobel Preis: zu sehen sind die Urkunde, die Medaille, Foto- und Filmdokumente aus Stockholm einschließlich ihrer Dankesrede. Auf dem Rückweg von Stockholm nach Rom besuchte Deledda mit ihrem Mann Berlin. Durch die Fotos werden wir gewahr, was für eine kleine Person die großartige Sardin Deledda war. Zum 100-jährigen Jubiläum der Nobelpreisvergabe 2026 sind Veranstaltungen zu Ehren Deleddas im großen Innenhof mit den schattenspendenden jahrhundertealten Eichenbäumen und im Garten geplant. 

„Canne al vento“ – Deleddas Lieblingswerk

1913 legt Deledda ihren Roman „Schilf im Wind“ vor, der ausschlaggebend für die Nobelpreisvergabe war. Schauplatz des Romans um die Damen Pintor, drei verarmte adelige Schwestern und den Knecht Efix, ist Galtellì, ein altes Bergdorf 25 Kilometer nordöstlich von Nuoro. Die Ortschaft, im Roman Galte genannt, liegt sehr schön am Fuß des Monte Tuttavista, nah an den Ufern des Flusses Cedrino. Der Golf von Orosei ist nur 10 Kilometer entfernt. 

An der Hauptstraße, der Via Nazionale 52, steht das Haus der Damen Pintor (Casa delle Dame Pintor). Dort hat Grazia Deledda selbst einmal gewohnt. Der Roman erzählt, wie die drei Schwestern und der Knecht im heruntergekommenen ehemals großen Gutshof von ihrer Vergangenheit eingeholt werden. In das Geschehen, das im langsamen Rhythmus der Natur, Kulten und Festen von statten geht, brechen unwillkürlich Geister Verstorbener Ahnen ein, Kobolde und Heilige bringen die festgefügte Ordnung – Diesseits und Jenseits – Gut und Böse – durcheinander. Eine paradigmatische Figur ist der Knecht Efix, er steht im Roman für den heiligen Ephysius, den Stadtheiligen Cagliari. Efix durchläuft einen spirituellen Pilger- und Büßergang.

Im nachgestellten Arbeitszimmer der Autorin. Foto: Jürgen Sorges
Im nachgestellten Arbeitszimmer der Autorin. Foto: Jürgen Sorges

Galtellì ehrte Deledda 2021 zum 150. Geburtstag, am Ortseingang entstanden neue Murals, die Figuren und Szenen aus „Schilf im Wind“ zeigen. Ein weiteres Wandbild stellt den wundertätigen Christus dar, der in Deleddas Roman eine Schlüsselrolle spielt. Im Mittelalter war Galtellì Sitz der Diözese. Eine hölzerne spätgotische Skulptur des gekreuzigten Christus´ aus Pisa landete in Galtellì. Das Kreuz schmückt heute den Hauptaltar der Kirche SS. Crocifisso. Ab 1550 geschahen in Galtellì dank des Kreuzes mindestens sechs Wunder, die ab 1612 dokumentiert sind. Im Jahr 2000 beauftragte der Ort einen spanischen Künstler eine zehn Meter hohe Bronzestatue dieser Holzskulptur, die heute auf dem Hausberg von Galtellì, dem Monte Tuttavista steht.

In ganz Galtellì erinnern Keramiktafeln an den Hauswänden mit Zitaten aus „Schilf im Wind“ an Deledda, zum Beispiel an der der Casa Milese, die auch im Roman vorkommt. 1993 eröffnete der „Literaturpark Grazia Deledda“, es gibt Führungen man kann aber auch auf eigene Faust losgehen.

Wer weiter auf den Spuren Deleddas wandeln möchte, fährt nach Orgosolo  in das Zentrum des zerklüfteten Supramonte-Gebirges im Herzen der Barbagia. Im Ort finden sich mehrere Murals zu ihr, eines zitiert aus „Canne al Vento“ und zeigt das Schicksal einer armen Familie, die ihr Dorf verlässt: „ihm sagen, dass er immer so gelebt habe, am Rande meines Weges, halb zurückgelegt, halb noch vor mir, gingen sie zwischen den Steinen im ersten Licht der Morgendämmerung, ihre Häuser zurücklassend“.


Informationen:

Sardegna Turismo (Sardinien-Tourismus): www.sardegnaturismo.it/de

Stadt Nuoro: www.sardegnaturismo.it/de/orte/zentrum/nuoro

Museo Casa Natale Grazia Deledda: www.sardegnaturismo.it/de/entdecken/grazia-deledda

Dorf Orgosolo: www.sardegnaturismo.it/de/entdecken/orgosolo

Wandmalereien in Orgosolo: www.visitaorgosolo.it/servizi-visite/visita-audioguidata

Dorf Galtellì: www.sardegnaturismo.it/de/entdecken/galtelli

Literaturpark Grazia Deledda, Galtelli: www.parchiletterari.com/parchi/grazia-deledda/index.php

Fotos: Jürgen Sorges

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