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Am Fuße des Feuerbergs

Gelbe Felder, über die zerlumpte Hirten ihre Schafherden treiben. Ockerfarbene Villen, deren Besitzer mit verrosteten Flinten auf Besucher schießen. Schwarz gekleidete Witwen, die mit gesenkten Häuptern in Trauerprozessionen über ausgedörrte Trampelpfade trotten, während Blasmusiker melancholische Märsche spielen: Im Film „Der Pate“ von Francis Ford Coppola ist Sizilien eine trockene Insel mit einer Gesellschaft, in der das Recht des Stärkeren gilt. 

Einer der bekanntesten Drehorte dieser Trilogie ist das mittelalterliche Dorf Savoca. Dort trifft Michael Corleone den Vater seiner Braut Apollonia. In der Bar Vitelli hält er um ihre Hand an. Im „Castello degli Schiavi“, dem Schloss der Sklaven bei Fiumefreddo, explodiert nach der Hochzeit das Auto, in dem die Schönheit zufällig sitzt. Vieles in dieser Familiensaga ist natürlich reine Fiktion, aber einen Don Ciccio, der im Film Michaels Großvater Antonio Andolini aus dem Ort Corleone erschießt, gab es tatsächlich. Er hieß Francesco Messina Denaro, kam 1928 in Castelvetrano zur Welt und gehörte zur Cosa Nostra.

Zwischen Bergdörfern und Zitronenhainen

Wer den Film kennt, der 1973 mit drei Oscars und fünf Golden Globes ausgezeichnet wurde und zum ersten Mal nach Sizilien kommt, den überrascht, wie üppig die mediterrane Flora ist. So karg wie in „Der Pate“ sieht es bis zum Hochsommer nirgends aus. Zwischen März und Mai ist die 25.700 Quadratkilometer große Insel herrlich grün, vor allem im Nordosten. Überall duftet es nach Jasmin. Der Lavendel beginnt zu blühen. Dottergelbe Wildblumen wachsen auf den Wiesen. Auf schroffen Steilhängen thronen terracottafarbene Dörfer, die alle einen ganz eigenen Charakter haben. Neben den Landstraßen, die sich durch Karst- und Hügellandschaften schlängeln, erstrecken sich Zitronenhaine.

Landschaft auf Sizilien. Foto: Alfio Garozzo
Landschaft auf Sizilien. Foto: Alfio Garozzo

Die Araber brachten die Zitrusfrüchte im 9. Jahrhundert auf die Insel. Hauptanbaugebiete sind die Provinzen Catania, Syrakus und Messina, wo Bauern überwiegend die Sorte „Feminello Siracusano“ kultivieren. Die Ernte findet zwischen Oktober und Mai statt. Zitronenaroma verwenden Sizilianer für viele Lebensmittel. Es steckt in den Mandelkeksen, die Italiener „pasta di mandorle“ nennen, im Likör Limoncello, aber auch in verschiedenen Sorten buttergelber Pasta, die Einheimische in überteuerten Touristenläden feilbieten. 

Berühmte Orte, etwa Taormina, sind überlaufen. Ausflüge nach Noto, das sich seinen beschaulichen Charme bewahrt hat oder nach Catania lohnen sich aber. Wer mehrstündige Autofahrten nicht scheut, sollte abgelegene Dörfer wie Enna ansteuern, in einen Käseladen gehen und dort ein Stück „Ragusano“ kaufen oder „Provola dei Nebrodi“ probieren, einen Quark mit grüner Zitrone oder Gewürzen. Allzu spät am Morgen sollte man sich aber nicht auf den Weg machen. Zwischen 13 und 17 Uhr haben in den Bergdörfern alle Geschäfte geschlossen. Nicht einmal Katzen streunen dann durch die Gassen.   

Geformt aus schwarzer Erde: Das Monaci delle Terre Nere

Das „Monaci delle Terre Nere“ ist ein Mitglied der Vereinigung Relais & Châteaux und liegt bei Zafferana Etnea, 28 Kilometer nördlich von Catania, am Osthang des Ätna. Das hauseigene Restaurant „Locanda Nerello“ setzt auf Slow Food und bietet seinen Gästen moderne Variationen der traditionellen sizilianischen Küche. Der Chef hält sich an den Grundsatz „weniger ist mehr“ und verwendet ausschließlich saisonale Produkte aus nahegelegenen Höfen. Anleihen macht er bei den sizilianischen „Nonnas“, wie Großmütter in der italienischen Sprache heißen. In alten Rezepten werden Speisen oft mit wilden Pflanzen und Kräutern verfeinert, beispielsweise mit Fenchel, aus dem Italiener Pesto herstellen, aber auch mit Borretsch, Mangold, Kapern oder Zichorie. Typische „Primi piatti“, also erste Gänge nach den Antipasti, sind „Pasta alla Norma“ mit Auberginen, Tomaten und Basilikum oder „Pasta con le sarde“, das sind Spaghetti mit Sardinen. In der „Locanda Nerello“ steht eine Artischocke im Menü, die so intensiv schmeckt wie man es nur von einem erstklassigen ökologischen Anbau kennt. Zum Nachtisch gibt es Granita mit Zitronengeschmack, ein halbgefrorenes Sorbet, das traditionell mit einem warmen Brioche serviert wird. 

Hauptgebäude des Monaci delle Terre Nere. Foto: Monaci delle Terre Nere
Hauptgebäude des Monaci delle Terre Nere. Foto: Monaci delle Terre Nere

Mönche bauten Terrassen aus Lava

Die Geschichte des 5-Sterne-Hauses ist spannend. Im 17. Jahrhundert schenkte der Erzbischof von Catania das Land den Unbeschuhten, so nannten sich Augustinermönche von Valverde. Sie formten am Fuße des Feuerbergs Terrassen aus Lavastein und legten Weinberge darin an. Guido Coffa, der Gründer des „Monaci de Terre Nere“, wuchs auf Sizilien auf. 2007 entdeckte er eine verlassene Villa, kaufte das Anwesen, restaurierte es und bildete sich in der Landwirtschaft weiter. Coffa wurde Wein- und Olivenölsommelier und machte aus einem Agriturismo mit sechs Zimmern ein Weingut, das er gemeinsam mit seiner Frau Federica und den drei Töchtern Luce, Alma und Marina führt. 

„Das Monaci delle Terre Nere“ ist weniger ein Hotel, eher eine Bio-Farm. Das Haupthaus und die Suiten beziehungsweise Pool-Villen sind eingebettet in 25 Hektar voller Reben, Oliven- und Zitronenbäume, teilweise mit einem fantastischen Weitblick auf das Ionische Meer. Alle Unterkünfte befinden sich in historischen Ställen, Bauernhäusern oder Landhäusern. Sie liegen in hübschen Gärten mit altem Baumbestand. Die Suiten verfügen über luftige große Wohnflächen und sind mit natürlichen Materialien eingerichtet. Eine hat Wände aus Lavastein, in einer anderen liegt ein Klumpen Magma als kunstvolle Skulptur. Warmes Kastanienholz, kombiniert mit antiken Stücken, Kunstwerken und Design-Sofas verleihen jedem Raum eine individuelle Note. In einer Pool-Villa vom Typ „Elegante“ ist ein Whirlpool im Boden eingelassen. In den noch kühlen Frühlingsnächten kann man von hier aus, vor einem lodernden Kamin, durch bodentiefe Fenster bis zum Meer schauen. 

Ätna-Äpfel als Delikatesse

Die „Convivum Bar“ mit ihren meterhohen Gewölbedecken wurde als eine der besten Hotelbars Siziliens ausgezeichnet. Barmanager Paolo Sanna erntet Früchte und Kräuter vom Grundstück und mixt sie mit Biolikören und Hochprozentigem zu Drinks, in denen sich die mineralische Substanz des Ätna wiederspiegelt. Auch eine besondere Apfelsorte wächst auf dem Grundstück, alle Gäste finden die roten Früchte in einer Schale in ihren Wohnzimmern. 

Ausblick aus einem Zimmer auf die Region. Foto: Monaci delle Terre Nere
Ausblick aus einem Zimmer auf die Region. Foto: Monaci delle Terre Nere

Die vergangene Wintersaison auf Sizilien war ungewöhnlich niederschlagsreich. Durch einen Zyklon namens Harry fiel im Januar extrem viel Schnee, in diesem Frühjahr ist der 3403 Meter hohe Vulkan darum von einer dicken weißen Schneedecke überzogen. Sie glänzt wie Zuckerguss in der Sonne. Wer mit der Seilbahn nach oben fährt oder den Ätna zu Fuß erklimmt, der wandert noch Ende April 2026 zwischen meterhohen Schneewänden entlang. 

Bis nach Syrakus sind es vom „Monaci delle Terre Nere“ aus etwa 120 Kilometer, dennoch ist ein Abstecher in diese Stadt ein Muss. In der Antike war sie die mächtigste Polis Siziliens und das kulturelle Zentrum. Marcus Tullius Cicero beschrieb sie als „die größte und schönste aller griechischen Städte“. 2005 nahm die UNESCO Syrakus zusammen mit der Nekropole von Pantalica in das Weltkulturerbe auf. Die meisten Sehenswürdigkeiten von Syrakus sind zu Fuß sehr gut erreichbar. Der zentral gelegene archäologische Park von Neapolis umfasst das römische Amphitheater, das „Teatro Greco“ und die „Orecchio di Dionisio“, eine Kalksteinhöhle, die wie ein Ohr geformt ist. Im „Museo Archeologico Regionale Paolo Orsi“ sind Terrakotta-Artefakte, römische Porträts und in weißen Marmor gemeißelte Szenen aus dem Alten Testament ausgestellt.

Auch eine Tour auf dem Wasser um die Insel Ortigia ist zu empfehlen. Die Kapitäne der Motorboote tragen Adidas-Trainingsanzüge in der blauen Farbe der „Azurri“, wie die italienische Fußballnationalmannschaft genannt wird, und machen Stimmung mit „Mamma Maria“ von „Ricchi e Poveri“, deren Popsongs ungefähr so alt sind wie der Film „Der Pate“. Auf der Rückfahrt zum Hotel läuft im italienischen „Radio Margherita“ statt Nino Rotas düsterer Filmmusik das beschwingte „Canzone Estiva“ von Annalisa. Mag sein, dass es die Mafia heute noch gibt. Von einer Reise nach Sizilien nimmt man aber vor allem die Düfte der Insel mit nach Hause – leider auch den Geruch von brennendem Müll. In Erinnerung bleiben die Ausblicke auf Buchten im Norden. Die Cafés mit Cannoli in den Bergen. Und die Energie des Ätna, der im Moment friedlich schlummert. 


Informationen:

www.monacidelleterrenere.it

Fotos: Alfio Garozzo, Monaci delle Terre Nere

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