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Göta Kanal: Eine Reise im Takt der Schleusen

Beim ersten Betreten der Juno liegt auf dem Oberdeck bereits der Duft frisch gebackener Zimtschnecken in der Luft. Dazu Kaffee, freundliche Gesichter und eine traditionelle schwedische Fika. So werden die Gäste an Bord begrüßt. Ein unkomplizierter Moment – und doch einer, der sofort das Gefühl vermittelt: Für die kommenden Tage darf die Welt ein wenig langsamer werden.

Die Juno von 1874 ist dabei nicht irgendein Schiff. Sie ist ein Stück lebendige maritime Geschichte und das weltweit älteste noch fahrende Passagierschiff. In den Sommermonaten pendelt sie zwischen Göteborg und Stockholm und zieht dabei nicht nur die Blicke der Passagiere auf sich. Auch Menschen am Ufer bleiben stehen, winken, fotografieren oder schauen dem historischen Schiff einfach hinterher. Die Juno hat etwas, das sich schwer in Zahlen fassen lässt: Charakter.

Für vier Tage wird sie zum Zuhause. Zugegeben, die Kabinen sind extrem klein. Doch gerade diese Enge macht ihren Charme aus. Messingarmaturen glänzen im warmen Licht, Teakholz vermittelt eine angenehm nostalgische Atmosphäre und selbst das Waschbecken ist eine kleine technische Besonderheit: Es lässt sich platzsparend aufklappen. Viel Komfort braucht es hier nicht. Schließlich spielt sich das Leben ohnehin draußen ab – an Deck, im Speisesaal, an den Schleusen und in der Landschaft.

Die Juno ist das weltweit älteste noch fahrende Passagierschiff. Foto: Carola Faber
Die Juno ist das weltweit älteste noch fahrende Passagierschiff. Foto: Carola Faber

Wenn das Schiff zum Reisebegleiter wird

Die Juno gleitet nicht einfach durch Schweden – sie erzählt unterwegs ihre eigene Geschichte. Holzfender schützen das Schiff, wenn es anlegt oder sich vorsichtig in eine Schleuse schiebt. Die Manöver sind Teil des täglichen Reiseerlebnisses. Man schaut zu, wie die Besatzung routiniert Leinen führt, Wasserstände sich verändern und das Schiff Zentimeter für Zentimeter seinen Weg nimmt.

Und manchmal wird es überraschend persönlich. An einer Schleuse wird das Schiff von einer religiösen Gemeinschaft empfangen, die die Juno mit Blumen sowie Gesang begrüßt und das Schiff segnet. Ein Moment, der aus dem üblichen touristischen Programm herausfällt und gerade deshalb im Gedächtnis bleibt.

Überhaupt sind es die kleinen Begegnungen, die diese Reise prägen. Während die Juno ihren Weg durch die Wasserwege nimmt, verändert sich die Landschaft ständig. Der Kanal führt stellenweise durch beinahe urwaldartig dichtes Grün. Bäume neigen sich über das Wasser, Seerosen liegen in kleinen Buchten, und manchmal scheint die Zivilisation weit entfernt. Später geht es über die Ostsee und durch die Schären. Felsen, kleine Inseln, Leuchttürme und verstreute Häuser ziehen vorbei. Der Göta-Kanal ist ein Meisterwerk der Ingenieurskunst. Insgesamt 58 Schleusen gehören zu der historischen Wasserstraße. Doch an Bord erlebt man diese technische Leistung nicht als abstraktes Bauprojekt, sondern ganz unmittelbar. Jede Schleuse verändert den Rhythmus der Reise.

Während die Juno ihren Weg durch die Wasserwege nimmt, verändert sich die Landschaft ständig. Foto: Carola Faber
Während die Juno ihren Weg durch die Wasserwege nimmt, verändert sich die Landschaft ständig. Foto: Carola Faber

Und manchmal erinnert das Wasser daran, dass auch ein historisches Schiff seine Grenzen hat. Bei niedrigem Wasserstand kann es vorkommen, dass die Juno mit ihrem Tiefgang von 2,90 Metern vorsichtig aufsetzt. Kein Drama, eher eine weitere kleine Episode einer Reise, bei der längst nicht alles nach Fahrplan funktionieren muss.

Zwischen Schleusen, Schlössern und stillen Landschaften

Während die Juno langsam ihren Weg durch Schweden nimmt, reihen sich die Sehenswürdigkeiten beinahe wie Perlen aneinander. Doch die eigentliche Attraktion bleibt oft die Landschaft selbst. Rote Holzhäuser, Felder, Wälder, alte Höfe und Herrenhäuser liegen am Ufer. Dann wieder öffnet sich der Blick auf einen der großen schwedischen Seen.

Bei Lilla Edet wartet eine der ältesten Schleusenanlagen des Landes. Die heutige Schleuse stammt aus dem Jahr 1916, ihre Vorgängerin wurde bereits 1607 eingeweiht. In Trollhättan erzählt das Kanalmuseum von der Geschichte dieser außergewöhnlichen Wasserstraße. Besonders eindrucksvoll ist die historische Schleusentreppe, die einen Höhenunterschied von 32 Metern überwindet.

Eindrucksvoll ist die historische Schleusentreppe, die einen Höhenunterschied von 32 Metern überwindet. Foto: Carola Faber
Eindrucksvoll ist die historische Schleusentreppe, die einen Höhenunterschied von 32 Metern überwindet. Foto: Carola Faber

Später liegt der Vänern vor uns, Schwedens größter See. Von Bord aus wirkt er fast wie ein Binnenmeer. Auf einer Landzunge erhebt sich Schloss Läckö, dessen Geschichte bis ins Mittelalter zurückreicht. Die ehemalige Bischofsburg wurde im 17. Jahrhundert zu einem prächtigen Barockschloss umgestaltet.

Auch Mariestad beeindruckt mit seinen gut erhaltenen Holzhäusern. In Sjötorp beginnt oder endet der Göta-Kanal. Das dortige Kanalmuseum erinnert an die Geschichte des Kanals und an die Menschen, die ihn einst bauten. Doch nach einem Ausflug ist man froh, wieder auf die Juno zurückzukehren. Sie wirkt mit ihren Holzdecks, den historischen Details und dem vertrauten Klang der Maschine bald tatsächlich wie ein schwimmendes Zuhause.

Fika, feine Küche und das Leben an Bord

Eine Reise auf der Juno besteht natürlich nicht nur aus Landschaft. Essen gehört zu den Momenten, die den Tagesrhythmus bestimmen. Frühstück, Fika, Mittag- und Abendessen strukturieren die Tage, ohne sie zu verplanen.

Stilvoll werden die Mahlzeiten an Tischen mit weißen Tischtüchern und Stoffservietten serviert. Nichts wirkt überinszeniert. Und gerade darin liegt der Reiz. Die Köchin Janna Olson zaubert auf engstem Raum unter Deck Gerichte, die vorwiegend mit regionalen Zutaten zubereitet werden. Die Küche ist köstlich und passt zur Reise: unkompliziert, sorgfältig und mit einem deutlichen Bezug zu Schweden.

Stilvoll werden die Mahlzeiten an Tischen mit weißen Tischtüchern serviert. Foto: Carola Faber
Stilvoll werden die Mahlzeiten an Tischen mit weißen Tischtüchern serviert. Foto: Carola Faber

Man sitzt zusammen, erzählt von den Erlebnissen des Tages. „Es ist eigenartig. Irgendetwas muss passiert sein“, stellt eine Passagierin leise lächelnd fest. „Entschleunigung. Die Stimmung wird immer harmonischer.“ Draußen zieht wieder eine Landschaft vorbei, die sich kaum spektakulär ankündigt und doch immer wieder kleine Überraschungen bereithält. „Wir haben übrigens eine offene Brücke. Man kann bei uns gerne jederzeit reinschauen“, fordert Kapitänin Annette Hansell auf. 

Die Crew trägt wesentlich dazu bei. Sie arbeitet professionell, aufmerksam und gleichzeitig angenehm unaufdringlich. Man merkt schnell, dass hier jeder Handgriff sitzt. Und dennoch entsteht keine distanzierte Hotelatmosphäre. Eher das Gegenteil: Nach kurzer Zeit kennt man die Gesichter, weiß, wer für welchen Handgriff zuständig ist, und fühlt sich ein wenig wie Teil einer kleinen Gemeinschaft.

Vielleicht lässt sich die Stimmung an Bord tatsächlich mit den drei Worten der Mannschaftsphilosophie zusammenfassen: Happy Ship, Happy Crew, Happy Passengers.

Vom Vättern nach Vadstena

Nach Forsvik, mit seiner historischen Schleuse und den Zeugnissen der schwedischen Industriegeschichte, führt die Route weiter zum Vättern. Der zweitgrößte See Schwedens ist ungewöhnlich tief und für sein klares Wasser bekannt. Die Weite des Sees bildet einen starken Kontrast zu den schmalen Kanälen, durch die sich die Juno zuvor bewegt hat.

Nach kurzer Zeit kennt man die Gesichter der Crew. Foto: Carola Faber
Nach kurzer Zeit kennt man die Gesichter der Crew. Foto: Carola Faber

In Vadstena wartet ein Höhepunkt der Reise. Die kleine Stadt entwickelte sich im Mittelalter rund um das Kloster der Heiligen Birgitta zu einem bedeutenden geistlichen Zentrum. Die Klosterkirche wurde 1430 eingeweiht, Schloss Vadstena entstand unter Gustav Vasa.

Es sind Orte wie dieser, die deutlich machen, dass eine Fahrt auf dem Göta-Kanal weit mehr ist als eine nostalgische Schiffsreise. Geschichte, Landschaft und Kultur sind ständig präsent. Mal in Form eines Klosters, mal als Schleuse, Museum oder Festung – und manchmal einfach als altes Holzhaus am Wasser.

In Motala wiederum wird die Verbindung zwischen Kanal und Industrialisierung sichtbar. Die Stadt wurde von Baltzar von Platen geplant, hier entstand 1822 die Motala Werkstad. Ein Besuch im Motormuseum mit seinen historischen Fahrzeugen, Radios, Spielsachen und Kuriositäten führt anschließend in eine ganz andere Welt.

Weiter geht es über den Boren nach Borensberg und schließlich zu den Schleusen von Berg. 15 Schleusen gehören zu diesem beeindruckenden System, das insgesamt einen Höhenunterschied von 40 Metern überwindet.

Abendstimmung an Board der Juno. Foto: Carola Faber
Abendstimmung an Board der Juno. Foto: Carola Faber

Wenn Stockholm näher kommt

Je weiter die Reise nach Osten führt, desto deutlicher verändert sich das Landschaftsbild. In Söderköping laden kleine Gassen und Eiscafés zu einem Spaziergang ein. Bei Mem endet der eigentliche Göta-Kanal. Hier wurde die Wasserstraße am 26. September 1832 feierlich eröffnet. Doch für die Juno ist die Reise noch nicht vorbei.

Über die Ostsee geht es durch die Schären und weiter Richtung Stockholm. Bei Stegeborg liegen die Ruinen einer mittelalterlichen Burg auf einer kleinen Insel in der Bucht Slätbaken. Dann führt der Weg über Södertälje in den Mälarsee.

Birka, die historische Wikingerstadt auf Björkö, und Schloss Drottningholm gehören zu den kulturellen Höhepunkten dieser letzten Etappe. Birka gilt als erste Stadt Schwedens und war einst ein bedeutender Handelsplatz. Drottningholm wiederum zählt zu den besterhaltenen königlichen Schlössern des Landes und ist heute Wohnsitz des schwedischen Königspaares.

Dann kommt Stockholm langsam näher. Die Juno passiert die Hammarby-Schleuse und nimmt Kurs auf die Altstadt.

Boote in der historischen Wikingerstadt auf Björkö. Foto: Carola Faber
Boote in der historischen Wikingerstadt auf Björkö. Foto: Carola Faber

Vier Tage sind vergangen. Vier Tage, in denen das Schiff mehr als ein Transportmittel war. Es war Restaurant, Aussichtspunkt, Hotel, Wohnzimmer und Reisebegleiter zugleich.

Und vielleicht ist genau das das Geheimnis der Juno. Ihr größter Luxus ist Zeit. Zeit für eine Fika, für eine Zimtschnecke auf dem Oberdeck, für ein Gespräch mit der Crew, mit den Reisenden, für das Beobachten eines Schleusenmanövers. Zeit, um einem Schloss am Ufer nachzusehen oder den Menschen zuzuwinken, die stehen bleiben, wenn die alte Juno vorbeifährt.

Am Ende bleibt deshalb weniger eine Liste besuchter Orte als ein Gefühl. Das Gefühl, für einige Tage Teil einer kleinen, schwimmenden Welt gewesen zu sein. Und eine Reise, die lange nachwirkt.


Informationen:

www.gotacanal.se/de

Fotos: Carola Faber

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