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Capitolo Primo: Siziliens Seele auf dem Teller

In der Nähe des Capitolo Primo befindet sich das legendäre Tal der Tempel, dessen antike Bauten sowohl im Sonnenlicht als auch im stimmungsvollen Abendrot wie Mahnmale vergangener Zivilisationen wirken. Für Naturliebhaber wartet ganz in der Nähe das Naturschutzgebiet Torre Salsa, eine stille Küstenregion die mit ihren Dünen, Kalk- und Tonformationen sowie seinen naturbelassenen Stränden zu einer der ursprünglichsten Landschaften Siziliens gehört. Und in Eraclea Minoa verschmelzen phönizische, griechische und römische Spuren zu einem archäologischen Panorama, das nur zehn Minuten vom Relais entfernt liegt.

Ein Adelshaus mit Charakter

Das Relais Briuccia, einst der einzige Adelspalast des Ortes, wurde mit großer Sorgfalt restauriert. Die Fassade in Pompejanischrot ist ein Blickfang, der schon von außen leise Geschichten flüstert. Im Inneren eröffnen sich sieben individuelle Suiten, liebevoll ausgestattet mit Himmelbetten aus Schmiedeeisen, antiken Kommoden, kunstvollen Marmorböden und Holzbalken – Räume, die eher an private Rückzugsorte als an Hotelzimmer erinnern.

Im ehemaligen Innenhof des Palastes, nun ein lichtdurchfluteter, charmant gestalteter Wintergarten, schlägt das gastronomische Herz des Hauses: das Capitolo Primo.

Im Restaurant Capitolo Primo. Foto: Carola Faber
Im Restaurant Capitolo Primo. Foto: Carola Faber

Küchenchef Damiano Ferrara verbindet seine internationale Erfahrung mit den Aromen Siziliens. Er spricht von einer „Fusion aus Technik und Kultur“ – und genau das schmeckt man. Seine Küche lebt von frischen, sonnengereiften Zutaten und der Lust, Tradition neu zu interpretieren. Gemeinsam mit seiner Frau Adriana Baglio führt er ein kleines Refugium, das nicht nur bewirtet, sondern mit echter Herzlichkeit empfängt – ein Ort, an dem die Zeit langsamer läuft und die Sinne schneller wach werden.

Gerichte, die Geschichten erzählen

Damiano Ferraro, Chefkoch und Inhaber des Restaurants Capitolo Primo. Die Kochkunst von Damiano Ferraro ist ein Dialog – zwischen Meer und Land, zwischen Fantasie und handwerklicher Präzision, zwischen Erinnerungen und Entdeckerlust.

Ferraros Weg begann weit entfernt von den Stränden Siziliens. In der Schweiz – in Gstaad, Grindelwald, Genf und Zürich lernte er, was Disziplin und Technik bedeuten. In London, im legendären The Dorchester und im Le Gavroche der Brüder Roux, verfeinerte er seinen Anspruch an Perfektion. Nach seiner Rückkehr nach Italien führte ihn ein entscheidender Halt in die Antica Osteria del Ponte von Ezio Santin, ein Tempel der klassischen italienischen Küche und Träger von drei Michelin-Sternen. Ein Jahr lang tauchte Ferraro dort in eine gastronomische Welt ein, die ihm zeigte, wie Tradition zu höchster Kunst werden kann.

Küchenchef Damiano Ferraro und seine Frau Adriana Baglio. Foto: Carola Faber
Küchenchef Damiano Ferraro und seine Frau Adriana Baglio. Foto: Carola Faber

Heute lebt und arbeitet Ferraro wieder in seiner Heimat, im eleganten Relais Briuccia. Zwischen Küche und Speisesaal entsteht ein kulinarisches Labor, in dem sizilianische Produkte, jahrtausendealte Kulturtechniken und moderne Ideen aufeinandertreffen. Ferraro kocht nicht nur – er kuratiert Aromen, erzählt über Teller hinweg von Landschaften und Menschen, lässt Vergangenheit und Gegenwart miteinander tanzen.

Die Karte des Capitolo Primo ist ein Bekenntnis: zur mediterranen Küche, zur Opulenz Siziliens, zu ihren Farben, Düften und Kontrasten. Jeder Gang wirkt wie ein kleiner Auftakt, der zeigt, wie viel Kreativität in regionalen Zutaten steckt. Die Präsentation ist klar und präzise, der Geschmack balanciert, die Weine sorgfältig gewählt.

Tradition in neuer Form

Das Degustationsmenü im Capitolo Primo entfaltet sich wie eine sanfte Annäherung an die kulinarische Seele Siziliens. Gleich zu Beginn überrascht eine feine Millefeuille aus Gelbschwanzmakrele, kombiniert mit Mandeln, würzigem Feigenkompott und zartem Tintenfisch in bestem Olivenöl – ein erster Gruß aus Meer und Garten. Es folgt rosa gegarter Thunfisch, leicht von schwarzem Pfeffer umspielt, begleitet von einem frischen Tintenfischsalat und einer tiefen, salzigen Sardellenemulsion, die dem Teller elegante Intensität schenkt.

Kichererbsensuppe mit Zucchinistückchen. Foto: Capitolo Primo
Kichererbsensuppe mit Zucchinistückchen. Foto: Capitolo Primo

Mit den Spaghetti spezzati taucht man in die Tradition ein: eine kraftvolle Zackenbarschreduktion, verbunden mit Kartoffeln und Sellerie, sorgt für erdige Wärme. Dann richtet sich der Blick wieder aufs Meer: Krabben- und Seezungenkugeln in grüner Sauce, serviert auf einem luftigen Champignon-Cappuccino, verfeinert mit einem Hauch Salbei.

Zum Finale wird es duftig-süß: ein leichtes Ricotta-Soufflé mit Honig und Zimt, begleitet von einem Amaretto-Orangen-Semifreddo, bevor kleine Monachina-Gebäckstücke den Abend abrunden. Dazu passt das aromatische Hausbrot – schlicht, duftend und charaktervoll.

Dass das Restaurant im Michelin-Führer gelistet ist und zu Le Soste di Ulisse gehört, überrascht kaum. Ferraro gelingt etwas Seltenes: Er kocht nicht nur für den Gaumen, sondern auch für das Gedächtnis – und lässt jeden Gast ein Stück Sizilien mit nach Hause nehmen.


Informationen:

www.ristorantecapitoloprimo.it

Fotos: Carola Faber, Capitolo Primo

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