Natürlich ist auch das Ortseingangsschild von Nuoro wie in ganz Sardinien zweisprachig gestaltet. Zum heute offiziellen italienischen „Nuoro“ gesellt sich das mindestens genauso übliche sardische „Nùgoro“. Findige Forscher wollten in der Bezeichnung das antike Wort „Nugor“ für „Haus“, „Licht“, „Feuer“ entdecken. Wahrscheinlicher ist indes, dass sich der Stadtname von frühsardischen „nur“ ableitet, wie es auch im Wort für Nuraghe, der Bezeichnung für die Bauten der frühen Blütezeit Sardiniens vom 1800 bis 600 vor Christus vorhanden ist.
Umzingelt und eingebettet in die ringsum aufragende Hügellandschaft liegt Nuoro in etwa 550 Metern Höhe über dem Meeresspiegel. Höchste Erhebung ist der Hausberg Monte Ortobene (955 Meter), sieben Kilometer vom Zentrum entfernt. Auf ihm thront seit 1901 die zwei Tonnen schwere, sieben Meter hohe Bronzestatue Christus des Erlösers. Der Zeh am Fuß glänzt durch Abrieb der Gläubigen sogar golden!
Aranzata und Filindeu, Caffe Tettamanzi
Nuoro im Sommer ist angenehm – Top-Höchsttemperaturen fehlen. Im Winter kann es aber auch richtig kalt werden., 2004 gab es gar 57 Tage mit Glatteis! Dann wären die steilen Straßen der Altstadt sowieso nicht befahrbar gewesen.
Also parkt man besser an der Hauptpiazza Vittorio Emanuele II nahe der Hauptader durch das Centro Storico, den Corso Garibaldi. Dort findet man an der Hausnummer 71 auch das zweite historische Café von Nuoro, das Caffé Tettamanzi von 1875. Hier verkehrte Grazia Deledda bis 1899, hier war bis 1910 der Stammsitz von Sebastiano Satta, bekannt als Pipieddu, Poet, Schriftsteller, Jurist und Journalist, der Nuoro als Sardiniens Athen mitbegründete. Sein Neffe Sebastiano Satta, 1975 verstorben, Schriftsteller und Jurist, würdigt es ebenso in seinem Werk „Il giorno del giudizio“ („Der Tag des Gerichts“).
Der Roman spielt ausschließlich in Nuoro, enthält viele Bezüge zu bekannten Persönlichkeiten der Stadt und wurde daher wohlweislich erst nach Sebastianos Tod posthum veröffentlicht. Goutiert haben dürften im Tettamanzi die Gäste auch eine Spezialität aus Nuoro: die Aranzata. Dieses Süßgebäck aus kandierten Orangenstreifen, Honig und Mandeln erfand der Nuorese Battista Guiso im Jahr 1900! Heute zählt es zu den besten dolce aus Sardinien und wird auch in exklusiven Editionen hergestellt und verkauft. Nuoros zweite Spezialität sind hingegen hauchdünne Nudeln, die „filindeu“, italienisch „fili di Dio“, die „Fäden Gottes“. Sie bereichern Suppen.
MAN, Museo della Ceramica, Piazza Su Connotu
Favorit auch für die anderen Geistes- und Künstlergrößen des sardischen Athen bleibt aber Nuoros Caffé Cambosu. Denn dazu zählen auch der Fotograf und Maler Antonio Ballero, der Bildhauer Francesco Ciusa, der Maler Giovanni Ciusa Romagna oder die Schriftstellerin Maria Giacobbe.
Noch am unteren Abschnitt des Corso Garibaldi öffnet das MAN, das 1999 gegründete Museo d’arte della Provincia di Nuoro, ausschließlich der zeitgenössischen Kunst gewidmet. Es zeigt spektakuläre Sonderausstellungen und in der Dauerausstellung zu moderner sardischer Kunst Werke etwa von Edina Altara, Antonio Ballero, Giuseppe Biasi, Francesco Ciusa, Mario Delitala, Carmelo Floris, Maria Lai, Mauro Manca, Costantino Nivola, Giovanni Antonio Pintori, Salvatore Fancello oder Giovanni Pintori.
Historisch hatten es die Römer hier schwer. Das zeigt auch ein Blick ins nationale archäologische Museum von Nuoro, wo die Ortsgeschichte Nuoros und der Barbagia schon 4000 vor Christus mit gleich fünf Domus de Janas, Feenhäusern und einer großen Nuraghensiedlung startet. Erst einmal verbündeten sich die örtlichen dem Stierkult huldigenden sardischen Clans hier mit den Puniern gegen die frechen Römer, bis diese ein Exempel statuierten und die Lage ruhiger wurde. Später tauchten einige Nuoresen aber doch im römischen Militärdienst auf und dienten in der Provinz Mauretania.
Weiter oberhalb in der Altstadt öffnet sich dem Flaneur die die Piazza Su Connotu. Sie erinnert an das wohl berühmteste Ereignis der Stadtgeschichte, die Rivolta de Su Connotu! Es geschah am 26. April 1868. Die Revolte führte eine große Menschenmasse zum Katasteramt der Stadt, wo sämtliche Akten und Dokumente zu Grundbesitzerwerbungen in Flammen aufgingen. Ihr Schlachtruf war damals „Torrare a su Connotu“, italienisch „Tornare al conosciuto“, „Zum Bekannten zurückkehren“! Hintergrund: 1820 wurde auf königlichen Befehl das in allen Orten vorhandene Gemeineigentum abgeschafft und durch Privatbesitz ersetzt. Zahlreiche Familien verloren ihre Ernährungsgrundlage und verarmten. Forscher meinen heute, dass das Aufkommen des Banditentums in der Barbagia auf eben dieses Gesetz von 1820 zurückführbar ist.
An der Nummer 8 öffnet in der von Architekt Antonello Cuccu perfekt umgebauten Casa Chironi seit 2023 das nagelneue sardische Keramikmuseum. Auf zwei Etagen wird die sardische Keramikkunst des 20. Jahrhunderts lebendig – meisterlich! Hier beeindrucken vor allem die Werke von Francesco Ciusa und sardische Traditionsvasen – einmalig.
Piazza Sebastiano Satta, Montiblu
Man kann die Kathedrale Santa Maria della Neve und weitere Kirchen besichtigen, Theater besuchen, Jazz oder dem Klang des alten sardischen Gesangs „a tenore“ huldigen und vieles mehr. Nie versäumen sollte man indes den Besuch des größten Platzes von Nuoro, der Piazza Sebastiano Satta. Sie erhielt ihren Namen erst 1967, zuvor war sie die Piazza Plebiscito. Geehrt wird hier Sebastiano Satta durch eine fulminante Platzgestaltung des sardischen Bildhauers Costantino Nivola. Der war schon damals eine Berühmtheit, unterrichtete an der Columbia University in New York, in Harvard und Berkeley.
Für das neue Design zu Ehren von Satta wählte Nivola ein minimalistisches Design: kleine Bronzestatuetten, die an Bronzen der Nuraghenzeit erinnern, versteckt in unbehauenen Granitklötzen vom Monte Ortobene. Umwerfend! Zudem öffnet an der Piazza das Montiblu: An der Fassade werden Bergsteiger mit Elchgesichtern und Fotokamera verballhornt, innen entpuppt sich das Montiblu als Bar, Café und Ristorante im ersten Stock, als Kleider-Boutique, Antiquitätenladen und Concept Store.
Man darf auf dem restaurierten Ledersofa im Eingangsbereich Platz nehmen, die neue Winterwoll-Kollektion und historisches Mobiliar bewundern und phantastisches Essen zu vernünftigen Preisen genießen. Unschlagbar sind der Krabbencocktail oder der Carpaccio vom Rinderfilet, serviert auf feinster Auberginencreme. Buon appetito!
Informationen:
Sardegna Turismo (Sardinien-Tourismus): www.sardegnaturismo.it/de
Museo della Ceramica, Nuoro: www.distrettoculturaledelnuorese.it
Museo MAN, Nuoro: www.museoman.it/en
Museo Archeologico Nazionale, Nuoro: www.musei.sardegna.beniculturali.it
Fotos: Ellen Spielmann

