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Tradition mit Weitblick – Weine der Gil Family Estates

Sein Sohn Juan Gil Guerrero und Enkel Juan Gil González führen die Bodega durch das 20. Jahrhundert, erweitern sie Schritt für Schritt und prägen den Stil, der Jumilla bis heute bekannt gemacht hat. Anfang der 2000er Jahre wagt die Familie schließlich den nächsten großen Schritt: Sie öffnet sich neuen Regionen, Böden und Ideen. Neben der ursprünglichen Bodega in Jumilla entstehen Partnerschaften mit Weingütern in ganz Spanien – von Montsant über Rueda bis Rías Baixas. Unter dem Dach der Gil Family Estates vereinen sich heute acht Weingüter, jedes mit eigener Identität, doch alle verbunden durch dieselbe Philosophie: Respekt vor der Natur, Handwerk ohne Eile und Weine, die ehrlich ihre Herkunft erzählen.

Das Herz der Familie schlägt weiterhin in Jumilla. Dort, in den kargen Hügeln Murcias, wachsen die Reben auf Höhen zwischen 700 und 850 Metern. Das Klima ist rau – heiße Tage, kalte Nächte, kaum Regen – und genau darin liegt die Stärke der Region. Heute führen Miguel und Ángel Gil Vera das Familienunternehmen in vierter Generation. Sie verbinden Tradition mit Innovation. Alte Reben, handgelesene Trauben und modernste Kellertechnik sorgen dafür, dass jede Flasche den Geist der Familie in sich trägt – einen Geist, der seit über einem Jahrhundert vom selben Gedanken bewegt wird: Wein zu machen, der Menschen verbindet und Landschaft schmeckbar macht.

Wo der Wein den Himmel berührt

Oben, im rauen Hinterland der katalanischen Mittelmeerküste, suchten Kartäuser-Mönche im 12. Jahrhundert nach einem Ort der Stille – und fanden ihn in den felsigen Bergen von Scala Dei. Hier gründeten sie ihr Priorat, abgeschieden vom Lärm der Welt, ganz dem Gebet und der Arbeit im Einklang mit der Natur gewidmet. Die Abgeschiedenheit wurde zur Tugend, der Boden zur Berufung. Mit Geduld und Beharrlichkeit legten die Mönche Weinberge an, die bis heute den Charakter der Region prägen.

Ihr Einfluss war so groß, dass der gesamte Landstrich noch immer ihren Namen trägt: Priorat. Eingebettet in diese karge, wilde Landschaft liegt auch die Appellation D.O. Montsant – der „Heilige Berg“, der wie ein schützender Arm über die Reben wacht.

Das Erwachen des Priorat

Noch vor wenigen Jahrzehnten galt das Priorat als vergessenes Stück Land im Schatten Barcelonas. Zwischen schroffen Terrassen und staubigen Olivenhainen entstanden einst schwere, alkoholstarke Rotweine, die kaum jemand ernst nahm – Weine zum Verschnitt, nicht zum Genießen. Dann kam 1989. Eine kleine Gruppe Idealisten – unter ihnen René Barbier und Álvaro Palacios – stellte alles auf den Kopf. Sie suchten nicht nach Masse, sondern nach Ausdruck: nach Mineralität, Tiefe, Spannung. Was sie kreierten, veränderte Spaniens Weinwelt.

Plötzlich sprach man vom Priorat, von seinen Schieferböden, von Weinen, die nach Sonne, Stein und Stille schmeckten. Die Welt war begeistert – und Winzer aus aller Herren Länder folgten dem Ruf. Heute zählen Priorat-Weine wie Palacios’ L’Ermita zu den begehrtesten Spaniens.

Verschiedene Weine des Weinguts. Foto: Carola Faber
Verschiedene Weine des Weinguts. Foto: Carola Faber

Im Schatten dieses Erfolgs blühte auch die Nachbarregion Montsant auf, die das Priorat wie einen schützenden Ring umgibt. Hier entstehen unter ähnlichen Bedingungen – heißen Tagen, kühlen Nächten, 2800 Sonnenstunden im Jahr – ebenso charaktervolle Rotweine. Ihre Basis: uralte Garnacha-Reben, die in der Kargheit der Berge tief wurzeln und Weine hervorbringen, die zugleich kraftvoll und lebendig sind. Ein Beweis dafür, dass große Weine nicht im Luxus, sondern aus Leidenschaft geboren werden.

Das Terroir als Schicksal

Was das Montsant vom Priorat trennt, liegt unter den Füßen: der Boden. Im Montsant trifft man auf eine faszinierende Vielfalt – Lehm, Kalk, Schiefer, Granit, Sand. Diese Mischung bringt Weine hervor, die ausgewogen und zugänglich sind. Im Priorat hingegen wächst der Wein eher auf purem Stein: dem brüchigen Schiefer Licorella. Hier kämpfen die Reben ums Überleben, wurzeln tief in kargen Spalten. Das Ergebnis sind kraftvolle, mineralische Weine – konzentriert, präzise, unverwechselbar.

Fünf Stimmen aus Katalonien

Zwei Regionen, zwei Charaktere, ein gemeinsames Ziel: Authentizität im Glas. Bei einem Tasting der Gil Family Estates führen María Dugnol, Exportmanagerin, sowie die Önologin Silvia Puig (Llicorella Vins, Priorat) durch eine spannende Verkostung mit den Weinen Blau, Can Blau, Mas de Can Blau sowie Clar del Bosc und Minairó.

Fünf Weine, zwei Regionen, ein gemeinsamer Herzschlag: das Terroir Kataloniens. Jeder dieser Weine erzählt seine eigene Geschichte – vom jungen Aufbruch bis zur zeitlosen Tiefe. Der Blau aus Montsant eröffnet die Reihe frisch und lebendig. Aromen von Kirsche, Pfeffer und ein Hauch Mineralität verleihen ihm Leichtigkeit, während seine Struktur Spannung und Eleganz wahrt. Unkompliziert, aber niemals banal – ein Wein, der Freude macht und dennoch Anspruch hat.

Etwas konzentrierter präsentiert sich der Can Blau. Reife Früchte, feine Würze und mediterrane Kräuter verbinden sich zu einem vielschichtigen Rotwein, der das Wesen des Montsant in sich trägt: kraftvoll, sinnlich und mit einem würzigen Nachhall, der lange nachklingt.

Beim Mas de Can Blau erreicht das Montsant seine majestätische Dimension. Tief rubinrot, opulent und doch harmonisch entfaltet er Schicht für Schicht Aromen von reifer Frucht, Röstaromen und warmen Gewürzen. Kraft und Eleganz verschmelzen hier zu einem bleibenden Eindruck – ein Wein, der erzählt, statt zu beeindrucken.

Mas de Can Blau. Foto: Carola Faber
Mas de Can Blau. Foto: Carola Faber

Mit dem Minairó wird das Priorat betreten – eine Region, die für ihre steinige Seele berühmt ist. Der Wein zeigt sich fruchtbetont und fein strukturiert: Brombeere, Kirsche und Kräuter tanzen am Gaumen, sanfte Tannine und ein Hauch Anis verleihen Tiefe. Ein junger Priorat, charmant und ausgewogen zugleich.

Krönender Abschluss ist der Clar del Bosc. Ein Wein von majestätischer Ruhe, geprägt von Fenchel, Lakritz und dunkler Frucht. Seine Konzentration, Mineralität und Eleganz spiegeln die Essenz des Priorat wider – ein Wein, der zeigt, warum diese Region Legenden gebiert.


Informationen:

www.gilfamily.es/en

Fotos: Carola Faber

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