Staunend begutachten wir mit Gäste-Managerin Marianna Pinna am Rande der Weinberge einige frisch geschälte Korkeichen. Korkeichenwälder machen mit insgesamt 13 Hektar ein Gutteil des Weingutes aus und sorgen mit kleinen Teichen (drei Hektar) dafür, dass sich hier im Hochland hohe Biodiversität (Pflanzen, Insekten, Bienen) mit perfektem Mikroklima vereint. Nur alle elf Jahre geht es auf den Tenute Gregu den Korkeichen an die „Haut“. Und: Ausschließlich der untere Baumstamm wird behutsam entrindet. So erreichen Korkeichen mühelos 100 Jahre und erfüllen alle Voraussetzungen für eine ökologische Bewirtschaftung. Clou: „Geschälte“ Korkeichen speichern sogar mehr CO2 als intakte! Nur weibliche Korkeichen liefen die Basis für weiche, elastische Weinkorken, die männlichen sorgen für sonstige Korkprodukte. Eine externe Firma besorgt die Herstellung.
Nachhaltigkeit zählt!
Nachhaltigkeit wird hier großgeschrieben, vor allem für die Pflege der 30 Hektar Weinberge. Auf das Bio-Label verzichtet man, doch mit nur 90 bis 110 Milligramm Schwefel pro Liter Wein liegt man dennoch weit unterm Grenzwert für Bio-Zertifizierung. Dabei ist das Habitat nicht einfach. Das Terroir – der Untergrund besteht aus Granit – erfordert wie alles bei Gregu behutsames Vorgehen, u. a. auch die Wiederentdeckung traditioneller Weinbaumethoden der Gallura. Hilfreich sind die stets leicht wehende Brise in dieser Höhe, thermische Wetterlagen und der Morgentau, der die Reifung der Trauben verzögert und so hohe Qualität begünstigt. Zudem limitieren Wind und Tau den Einsatz von Chemie!
Testen „sa ruffiana“…
Behutsam geht es auch in der Cantina zu. Genutzt werden Tonneaux und Barrique der zweiten Passage – geliefert aus dem toskanischen Montalcino. Und beim Testen des Fassweins zählt Tradition: Genutzt wird nicht die Pipette, sondern die in der Gallura übliche Methode „sa ruffiana“, ein schlichtes Schilf- oder Zuckerrohr. „Schließlich,“ so Antioco Gregu, „ernten wir die Trauben nur, wenn uns der Wein informiert, dass er die richtigen Bedingungen hat.“ Dass die Weinlese in diesem Jahr schon Ende August startete, liegt dabei im Trend.
Toller Rosato, grandiose Weißweine
Die Degustation findet auf lichter, mit Sonnensegeln geschützter Anhöhe und weitem Panoramablick auf die Weinberge statt. Den Anfang macht ein frischer, eleganter Rosé, der „Sirè“, ein reiner Cannonau di Sardegna DOC Rosato 2024, der bei Idealtemperatur (10°C) wunderbar mundet und mit Farbe, Finesse und Aromen roter Früchte überzeugt. Seinen Namen verdankt er antiker Mythologie: Die Meerjungfrauen wurden still und traurig, als sich der Gesang des Orpheus, dem sie lauschten, entfernte. Sie begaben sich ins Meer, doch Jupiter, mitleidig, verwandelte sie in jene Schollen und Klippen, die bis heute die Gewässer um Sardinien beherrschen.
Es folgen die Aushängeschilder der Gallura, die legendären Vermentino-Weine. Dazu gibt es reifen Ziegen- und Schafskäse, Schinken, Pancetta und eine sagenhaft leckere Coppa. Nun, die Gregu sind Experten in Sachen „Salame“. Sie stammen aus der Barbagia, reüssierten mit Rinder-, Spanferkel- und Schafszucht, der Herstellung von Schafskäse und mit Wein, den sie an Nachbarn verkauften.
Wir beginnen mit dem „Rías“ Vermentino di Gallura DOCG 2024, einem jungen, frischen, authentischen Vermentino mit brillant gelber Farbe, der vier Monate in Stahl reifte. E ist perfekt zu Meeresfrüchten und als Aperitif! Ein wahres Wunder ist dann aber der herrliche „Selenu“ Vermentino di Gallura Superiore DOCG 2023, eine tiefe Verbeugung vor dem Tau: „Die Nacht verstrich und hinterließ einen Hauch von Frische auf den reifen Weintrauben, die zur Lese bereit waren, bereit, um bei Sonnenaufgang geerntet zu werden.“
Dies geschieht per Hand und in kleinen Kassetten. Am Ende entsteht ein Klasse-Wein mit Noten reifer Früchte und intensivem Bouquet, der perfekt zu Fisch, Pasta und frischem Käse passt. Der Tipp, insbesondere zur aufgetischten Küche der Gallura, etwa dem leckeren Pane Gattiau, der Insalata di fregola, einem Spätsommersalat mit Schafs-Ricotta-Creme, Basilikum und Tomate, der legendären „Mazza Frissa“ oder mit der „Crosta Smeralda“.
Das sensationelle Muss für jeden Weinliebhaber ist dann der „Pitraia“, ein unnachahmlicher Vermentino di Gallura Superiore DOCG 2022, der als Aushängeschild der neuen Monogram-Reihe von Gregu fungiert. Mit Aromen von Zeder und Zitrus, goldgelber Farbe, perfekter Ausbalancierung und Tiefe ist dieser raffinierte Weißwein nach 18 Monaten Bâtonnage ein Gedicht. Weniger als 3500 Flaschen wurden abgefüllt.
Rote Pracht
Den Reigen der Roten eröffnet der „Raighinas“ Cannonau di Sardegna DOC 2022 mit ausgewogenen Tanninen. In Stahl und sechs Monate in Tonneaux gereift, passt er gut zu Gegrilltem. Größeres Kaliber besitzt der „Animosu“, ein fein strukturierter Cannonau di Sardegna DOC 2021, der zwölf Monate in Barrique ruhte: ein couragierter Wein, der laut Raffaele Gregu, „das Geheimnis in seinen Flügeln trägt.“
Doch es folgen noch zwei grandiose Rote, die ebenfalls Gregus Monogram-Reihe zieren: Der „Cala Granis“ Isola Dei Nuraghi IGT Sardegna 2022 (14 Prozent Alkohol) ist ein reiner Carignano, der 18 Monate in Stahl reifte und eine Verbeugung vor dem Granit und der nahen Stadt Calangianus ist. Dieser komplexe Wein überzeugt durch Eleganz, Raffinesse, typische Aromen von roten Früchten und harmonisch perfekt Balance. Das Nonplusultra ist schließlich der „Grehos“ Colli del Limbara IGT 2019. Er ist die Quintessenz des Weingutes, ein Blend aus fünf Rebsorten, den autochthonen Cannonau, Carignano und Muristellu sowie Merlot und Syrah.
Voller Persönlichkeit, ist er das Schmuckstück der Weinkünstler von Gregu, gereift in Barrique der zweiten Passage und umwerfend im Geschmack. Wer dazu reifen Käse und die von Marianna Pinna höchstpersönlich zubereitete Käsecreme probiert, ist im Himmel. Tatsächlich verkocht Marianna den superedlen Weltklassewein „Grehos“ und rührt ihn über 24 Stunden mit Agar-Agar für ein einzigartiges Komposit. Perfekt!
Informationen:
Tenute Gregu: www.tenutegregu.com/en
Degustation: www.tenutegreguexperience.com
Fotos: Jürgen Sorges, Tenute Gregu

