Travel

Sabbioneta: ländliches lombardisches Leben

Namentlich leitet sich Sabbioneta vom lateinischen „sabulum“, italienisch „sabbia“ ab, was „sandiger Ort“ bedeutet. An die Stelle der alten Römersiedlung an der antiken Königsroute Viteliana und später mittelalterlichen Festung ließ Herzog Vespasiano Gonzaga die Idealstadt der Renaissance ab 1554 erbauen. Die Bauzeit erstreckte sich über fünfunddreißig Jahre. Seit 2008 gehört Sabbioneta, die „Novella Roma“, zum UNESCO-Welterbe. Kurioserweise basiert der Stadtgrundriss auf einem irregulären Sechseck wie architektonische Recherchen ergaben. 2007 entdeckte der deutsche Architekt und Universitätsprofessor Jan Pieper von der RWTH Aachen, dass Vespasiano Gonzaga die Hauptachse der neuen Stadt nach antiker römisch-kaiserzeitlicher Methode festlegte und sie auf den Sonnenaufgang an seinem Geburtstag festlegte. 

Um in die außergewöhnliche geschichtsträchtige und legendenumwobene Atmosphäre Sabbionetas einzutauchen und die Highlights der Renaissancestadt zu erkunden, sollte man mindestens zwei Tage bzw. Nächte verweilen. Neben den Charakteristiken der Spät-Renaissancestadt lassen sich viele stilistische Elemente des Manierismus entdecken. Ein drei Kilometer umfassender Stadtwall, vier Bastionen und zwei befestigte Stadttore beschützten Sabbioneta. Das Hauptgebäude ist der Palazzo Ducale, das älteste Bauwerk erstreckt sich über vier Stockwerke und besticht durch seine elegante Fassade mit einem überdachten Säulengang aus fünf Arkaden. Leider brannte der „Salone dei Cavalli“ Repräsentations- Empfangsraum im Grundgeschoss mit lebensgroßen Wandgemälden der für den Adelsstatus wichtigen Zucht- und Reitpferde im 19. Jahrhundert aus. 

Ein drei Kilometer umfassender Stadtwall beschützte Sabbioneta. Foto: Ellen Spielmann
Ein drei Kilometer umfassender Stadtwall beschützte Sabbioneta. Foto: Ellen Spielmann

Heute liefern lebensgroße Reiterfiguren auf Pferden in voller Montur ein eindrucksvolles Bild vom adligen Habitus und Leben im Palast. Im vierten Stock über dem Dach befinden sich die Mezzanine, wo Vespasiano Gonzaga 1591 starb. Als herzogliche Privatvilla diente der Palazzo del Giardino, der auch als Casino bezeichnet wurde. Errichtet nach Vespasiano Gonzagas Rückkehr aus Spanien 1579, wo er als Berater des spanischen Königs Phillipps II diente, bringt der doppelgeschossige Palast mit Parkanlage seinen Geschmack, Vorliebe für klassische Antike – Statuen im Erdgeschoss – und humanistische Ideale – ikonografische Ausstattung orientiert sich am literarischen Höhenkamm – am besten zum Ausdruck. 

Selbstverständlich durfte im Renaissanceensemble das moderne Antikentheater nicht fehlen. Der venezianische Architekt, Vincenzo Scarmozzi, Schüler des berühmten Architekten der Renaissance Andrea Palladio, entwarf eine korinthische Loggia, die als Theater für ein großes Publikum funktionierte. Die Kybele-Büste (griechisch-römische Kultfigur) in einer der Nischen repräsentiert den göttlichen Schutz der Stadt, aber sie symbolisiert Sabbionetas Geschichte auch direkt in einem für den Manierismus typischen intellektuellen Spiel. Denn hinter den Stadtmauern ereignete sich Tragisches: Die erste Herzogsgattin starb unter mysteriösen Umständen, sie wurde wegen vermeintlicher Untreue zusammen mit ihrem Liebhaber getötet.

Der „große Korridor am Schloßplatz“ mit 26 Torbögen. Foto: Ellen Spielmann
Der „große Korridor am Schloßplatz“ mit 26 Torbögen. Foto: Ellen Spielmann

Wer heute eine Aufführung im Teatro all`Antica, auch Teatro Olimpico genannt, erlebt, tritt eine Zeitreise an und ist dank Publikum und Laienschauspielern ganz im hier und jetzt. Zwischen 1583 und 1586 entstand der „große Korridor am Schloßplatz“ mit 26 Torbögen auf einer Länge von 97 Metern und damit die dritt längste Galerie Italiens nach den Uffizien in Florenz und dem Vatikan. In der mit Fresken ausgemalten Galerie der antiken Kunst stellte der Herzog seine wertvolle archäologische Sammlung aus, die 50 Statuen, 160 Büsten und 80 Flach-Reliefs aus der klassischen Periode umfassen. Heute sind Teile der Sammlung in Museen Mantuas zu sehen. 

Religiöse Bauten und ein Ritterorden

Durch ihre Größe und Struktur beeindruckt die an der Piazza Ducale gelegene Stadtkirche Santa Maria Assunta. Für ihren Bau ließ Vespiano Gonzaga 1562 ein bestehendes Gebäude abreißen. Die religiös-ästhetische Aura der Kirche strahlt auf die Besucher der Cafes am Platz aus. Ein großer Kontrast besteht zwischen der schlichten Außen- und glamourösen Innenansicht der bedeutenden Kirche Heilige gekrönte Jungfrau. In ihren Mauern befindet sich das Mausoleum des Herzogs. Er wurde hier mit dem Ordensabzeichen des Ritterordens vom goldenen Vlies, ein an einer roten Kordel hängendes goldenes Widderfell begraben. Diese Auszeichnung erhielt er 1585 von Philipp II für seine langen loyalen Dienste am spanischen Hof, zu einem Zeitpunkt als der Herzog bereits schwer erkrankt war (in Folge von Syphilis). 

Bei der Graböffnung in Sabbioneta wurde der Goldanhänger gefunden. Foto: Ellen Spielmann
Bei der Graböffnung in Sabbioneta wurde der Goldanhänger gefunden. Foto: Ellen Spielmann

Die Insignie und das Symbol des Ritterordens, der 1430 von Phillip II von Burgund gegründet worden war, greift auf die griechische Legende der Argonauten zurück. Die Heroen begaben sich unter Führung Jasons auf die abenteuerliche Reise nach Kolchis auf der Suche nach dem goldenen Vlies. Das Schafsfell repräsentiert Unschuld und das Gold Spiritualität. Bei der Graböffnung in Sabbioneta wurde der 2,5 mal 2,5 Zentimeter große, einige Gramm wiegende Goldanhänger gefunden. Moderne Analysemethoden bestätigen die Authentizität, das Gold stammt aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und die Goldschmiedetechnik war typisch für diese Zeit. 

Schöne Repliken des güldenen Lammfelles sind ein beliebtes Souvenir Sabbionetas.  Lohnend ist der Besuch der Synagoge nahe des Palazzo Ducale, sie wurde 1824, auf einer älteren von 1567 errichtet und zeugt von frühem jüdischen Gemeindeleben in Sabbioneta. Mit dem Tod des Herzogs, der keine männlichen Erben hatte, begann langsam uns stetig der Untergang, die Stadt wurde zum Zankapfel, verfiel und erwachte erst im 20. Jahrhundert aus dem Dornröschenschlaf und wurde restauriert.

Osteria Borgo Ventidue

Zum Abendessen empfiehlt sich in die in einer ruhigen Gasse gelegene Osteria Borgo Ventidue zu gehen, wo im ersten Stock in sehr angenehmer unprätentiöser Atmosphäre (Wein- und Prosecco-Kühlschränke sind Teil des Dekors) köstliche lombardisch-venezianische Speisen aufgetischt werden. Frischste Zutaten und lokale Produkte sind das Markenzeichen des Hauses. Klassisch ist die „Tagliere del Borgo“: 24 Monate gereifter Parmaschinken, gekochte Schweineschulter aus lokaler Produktion, Salami aus Mantua und frisch gebackene Focaccia. Bei der „Tagliere Vittoria“ kommen noch Coppa Piacentina und Pancetta (Speck) mit schwarzem Pfeffer hinzu. 

Tartar vom Rind. Foto: Ellen Spielmann
Tartar vom Rind. Foto: Ellen Spielmann

Unter der handgemachten Pasta ragen die Bigoli, eine dicke lange Nudelsorte, die durch die spezielle Presse, den Bigolaro, geformt werden hervor. Sehr lecker in zarter Sardinensauce, die mit duftendem Knoblauchöl und frisch gehackter Petersilie verfeinert ist. Mein Lieblingshauptgericht des Hauses ist die „Tagliata di Fassona Piemontese“ (Rinderrasse aus dem Piemont). Sie wird in vier Varianten serviert: klassisch oder mit Parmesansplittern und Rucola on top; mit cremigem Gorgonzola und Walnüssen; mit Steinpilzen und Parmesan. 

Oder darf es ein fulminanter Wildschweinbraten mit Polenta sein? Oder ein Tartar vom Rind (mit separat servierten Kapern und karamellisierte roten Zwiebeln)? Aus der Karte ausgelesener Weine wähle ich den Lugana Cà Maiol Prestige, er bleibt auch am zweiten Abend mein Favorit.


Informationen:

Sabbioneta: www.visitsabbioneta.it/en

UNESCO Welterbe Sabbioneta-Mantua: www.mantovasabbioneta-unesco.it

Osteria Borgo Ventidue in Sabbioneta: www.osteriaborgoventidue.it

Pasticceria/Gelateria Atena in Sabbioneta: www.pasticceriaatena.it

B&B Toson d`Oro in Sabbioneta: www.tosondorobnb.com

Fotos: Ellen Spielmann

Teilen: