2026 wird nun schon die 55. Ernte eingefahren, doch die Geschichte von Riecine reicht viel weiter, bis ins zwölfte Jahrhundert zurück. Damals kultivierten und bewirtschafteten Mönche der weiter oberhalb gelegenen, nicht minder berühmten Badia di Coltibuono das Land. Doch es sollte ein Engländer sein, der diesem Weingut neues Leben einhauchte: der Publizist John Dunkley.
Nach 25 Jahren eifrigster Arbeit in London sehnte er sich nach seiner Pensionierung, einem Leben in Italien und verliebte sich in diese kleine, noch unbekannte Perle der Toskana. Mit Gattin Palmina erwarb er vom Kloster anderthalb Hektar. Gemeinsam bauten sie die alte Landvilla wieder auf, kümmerten sich um die alten Rebstöcken und pflanzten neue, „in der einen Hand eine Weinrebe, in er anderen ein Wein-Lehrbuch“. Mit Erfolg: 1975 kam ihr erster Chianti Classico auf den Markt. Nach dem Tode der beiden Gründer ging das spektakulär gelegene Anwesen 1998 an die Familie Baumann aus New York, die den Weg von John und Palmina bis 2011 weiter fortsetzte. Und auch Lana Frank und ihre Familie folgten dann der Philosophie von John und Palmina: den typischen Stil der Weine des Gutes zu schützen!
Neuer Chef: Alessandro Campatelli
Mit der Erweiterung der Cantina 2013 von 400 auf 1100 Quadratmeter Fläche und einer kompletten Renovierung setzte sich die Erfolgsstory fort. Nicht zuletzt durch die Anschaffung von zwölf neuen Zementtanks. Im Juli 2015 wurde dann der noch junge Alessandro Camatelli neuer Direktor von Riecine, 2016 zudem verantwortlicher Chefönologe. Und sah und sieht sich auch er – schon 2016 für seien Weine hochgelobt – in der großen Tradition von John und Palmina.
Der Produktionsstil hat sich auf Riecine nicht geändert, auch nicht, seit Alessandro im Juli 2024 dann das Landgut sogar erwarb. Schon 2021 hatte Alessandro den renommierten Premio Gambelli für den besten Önologen unter 40 Jahren erhalten. Dies hat natürlich seinen Hintergrund: Alessandro, 1984 im nahen Poggibonsi geboren und in Certaldo aufgewachsen, studierte erst Ingenieurwesen in Siena, um dann Önologie in Pisa zu studieren und 2010 zu promovieren. Nach einem Aufenthalt in Kalifornien kehrte er in die Toskana zurück und machte erste praktische Erfahrungen unter anderem auf der renommierten Tenuta di Trinoro im Val d`Orcia beim legendären Andrea Franchetti.
Nun wird Alessandro selbst gefeiert, verzichtet indes nicht auf die alljährliche Beratung eines noch berühmteren Superstars der italienischen Weinszene: Carlo Ferrini! Und keine Frage: Heraus kommen dann solche außerordentlichen Spitzenweine wie der hochelegante „Chianti Classico DOCG Gran Selezione Vigna Gittori“ etwa des Jahrgangs 2021, ein reiner Sangiovese, von dem 4500 Flaschen in den Handel gelangten. Er erhielt bis zu 96 Punkte von der internationalen Weinkritik!
15 Hektar für Topweine
Heute werden auf Riecine 15 Hektar Weinberge streng parzelliert ausschließlich biologisch bewirtschaftet, vorzugsweisen mit Sangiovese-, Merlot- und Trebbiano-Reben. Jährlich werden 80 000 Flaschen abgefüllt, von denen 75 Prozent in den Export gehen – vorzugsweise nach Großbritannien, Deutschland, Japan und in die USA. Das gesamte Landgut umfasst 42 Hektar. Und vom 1971 erworbenen Ursprungs-Weinberg von John und Palmina, er liegt in 480 Metern Höhe in Südostlage, stammen seit 2010 exklusiv die Trauben für den exzellenten „Riecine di Riecine Toscana Rosso IGT“. Dieser reine Sangiovese (14,5 % Alkoholgehalt!) erhielt schon 94 Punkte.
Ende Dezember 2024 wurden indes nur 3540 Flaschen abgefüllt. Unterhalb liegt der Weinberg „Vigna Traborri“, wo Sangiovese und Merlot für den „TreSette Merlot Toscana IGT“ von Riecine gedeihen. Hinzu kommen die Weinberge „Alberello“, „Teodoro“ und „Carlo“. Der Weinberg Carlo ist der einzige, auf dem neben Sangiovese auch Mammolo-Rebstöcke stehen. Die wirklichen Terrassenkulturen auf Riecine sind indes die Weinberge Bosco, Gittori, Vertine und San Martino al Vento.
Kunst in der Cantina
Und natürlich kommt auf Riecine auch die Verbindung zwischen Mensch, Natur und Kunst nicht zu kurz. Den Anfang machte der Streetart-Künstler ZED1 mit der Ausgestaltung der Cantina-Wände. Es folgten internationale Künstler wie Jaume Plensa, Andrius Petkus, Marco Tirelli, Yamamoto Kansai und Masayoshi Sukita, die mit ihren Arbeiten einen Besuch auf Riecine zum einzigartigen Erlebnis werden lassen. Und natürlich kann man hier nun auch in gleich zwei modernen Cottages übernachten.
Weitere Weine – und „La Goia“
Natürlich produziert Riecine auch Weißweine, z. B. seit 2020 den Bianco di Riecine IGT Toscana, einen reinen Trebbiano, von dem 2022 nur 1200 Flaschen abgefüllt wurden. Für den 2021er Jahrgang vergab James Suckling 94 Punkte. Eine Verbeugung vor Gründergattin Palmina ist dann der Rosato Toscana IGT „Palmina“, der seit 2014 produziert wird (2021 und 2022 je 91 Punkte von James Suckling). Natürlich gibt es auch den Riecine Chianti Classico DOCG, der in der Regel mit 92 Punkten bewertet wird.
Riecines Chianti Classico Riserva DOCG erreicht da hingegen schon lockere 93 und 94 Punkte. Ein Top-Favorit ist Riecines schon seit 1982 hergestellter supereleganter „La Goia“ („Die Freude“) Rosso Toscana IGT aus 80 Prozent Sangiovese und 20 Prozent Merlot – mein erklärter Favorit und regelmäßig mit 94 und 95 Punkten ausgezeichnet. Und schließlich ist mit Riecines „TreSette“ Rosso Toscana IGT auch ein reiner Merlot auf dem Markt. Riecine – längst mehr als ein Geheimtipp!
Information:
Societa Agricola Riecine: www.riecine.it
Fotos: Riecine

