Sie klopfen, sie hämmern, greifen in den Korb, ziehen Nüsse hervor, schlagen erneut darauf ein. Es ist eine Sisyphos Arbeit, die viele der Frauen im Südwesten Marokkos leisten. Nun, sicher, Königskinder sind sie nicht, wie einst Sisyphos. Aber fast erscheint es einer Strafe gleich, was die Frauen hier alltäglich ableisten.
Geerntet wird das Objekt der Begierde von der Arganie, einem Baum, der zwischen 30 und 100 Kilogramm der Früchte jährlich produziert. Tausende der Bäume stehen hier auf 800.000 Hektar westlich von Marokko, warten darauf, dass die Nüsse von den Feldern getragen werden. Und diese gelangen dann zu einer der vielen Frauenkooperativen, welche sich in den 1990er Jahren bildeten um ihren Mitgliedern eine höhere Unabhängig- und Selbständigkeit zu ermöglichen.
Und tatsächlich sind es dutzende Kooperativen, die, nimmt man die Straße von Marrakesch nach Essaouira, vereinzelt links oder rechts der N8, Mal in kleineren, Mal in größeren Gebäuden zu erblicken sind. Gerade hier, an der einzigen Straße zum Atlantik, passieren viele Touristen die Kooperativen. Zweifelsohne ein lohnendes Geschäft, sind doch die organisierten Touren, die von Marrakesch an die Küste führen oftmals auch von Stopps an einer der vielen Vereinigungen begleitet. Für viele eine willkommene Abwechslung, beträgt die Fahrtdauer doch wenigstens zweieinhalb Stunden von der „Roten Stadt“ bis nach Essaouira.
Größe von einem halben Zentimeter
Anstrengung? Abwechslung von der langen Fahrt? Darüber dürften die meisten Frauen der Kooperative nur leise schmunzeln. Denn was hier in der meist kargen Landschaft zwischen Oliven, Arganien und dem einen oder anderen kleinen Dorf in zumeist Heimarbeit oder in Hinterhöfen an anstrengender Tätigkeit erfolgt, dürfte auch Sisyphos mehr Schmerz als die Beförderung des Felsblocks den Berg hinauf kosten.
Sitzend, mit vorgestreckten Beinen, dazwischen einen Stein haltend, auf dem die von der oberen Schale entfernte Nuss liegt. Diese wird dann mit einem Stein oder kleinem Hammer aufgeschlagen, bis das erscheint, worauf es bei Marokkos „flüssigem Gold“ ankommt: der eigentliche Samen. Um die Dimension darzustellen: Der Samen dürfte eine Größe von einem halben Zentimeter haben und ist lediglich einen oder zwei Millimeter dick.
Ein Liter Arganöl
Nuss für Nuss wird so geknackt, alle paar Sekunden wandern dann die kleinen Samen in einen Bastkorb. Kaum vorstellbar, wie anstrengend diese Arbeit nicht nur für den Rücken, sondern auch für die Finger und Gelenke sein muss. Und um nur eine Idee vom Arbeitsaufwand zu haben: Gut zwölf Monate braucht eine Frau, um die oben erwähnten 30 bis 100 Kilogramm eines Baumes zu bearbeiten – und dabei entstehen lediglich ein bis drei Liter Arganöl.
Je nach Art und Größe der Kooperative werden die Samen entweder direkt zu Öl verarbeitet oder an ein Unternehmen mit einer Presse veräußert. Alles sehr zeitraubend, Grund genug, dass auch in diesem Handwerk traditionelle Bearbeitungsprozesse zumindest partiell von semi-industriellen mechanischen Prozessen und Pressen begleitet werden. Doch die Vielzahl der Frauen arbeitet noch heute unter diesen doch sehr anstrengenden Bedingungen – die meisten Prozesse zur Gewinnung des Arganöls erfolgen in Handarbeit.
Auf den Märkten in Essaouira und Marrakesch
Auch die Arbeit mit NGOs oder Regierungsprogrammen scheint nur teilweise Erfolge zu bringen. Denn schaut man auf die Bedeutung des Arganöls auf dem freien Markt, welcher durchaus hochpreisige Nummern aufruft, wird schnell klar, dass leider der Zwischenhandel wie in den meisten Gewerben kräftig mitverdient. Gerade kleinere Kooperativen, die eigentlich strenggenommen eher ein Familienunternehmen sein dürften, profitieren davon sicherlich am wenigstens.
Auf den Märkten in den angrenzenden Städten Essaouira und Marrakesch ist das Öl in hunderten Shops zu beziehen. Und auch hier wird natürlich mitverdient – alles ein gängiger Zyklus im Wirtschaftsgefüge, keine Frage. Die Touristen, die durch die Shops und großen Kooperativen ziehen, ahnen zumeist nichts von den Arbeitsprozessen und den Arbeitsbedingungen der Frauen. Wie auch, die wenigsten interessieren sich für die Machart, wichtig ist nur das finale Produkt.
Arganöl hat einen leicht nussigen Geruch
Und dies wird zu Zeiten des Internethandels vermehrt gefälscht. Arganöl über Billiganbieter oder auch die verschiedenen Online Händler zu beziehen, kann nicht selten zur Enttäuschung werden. Wer allerdings die Echtheit kontrollieren will, sollte neben dem Geruchstest – Arganöl hat einen leicht nussigen Geruch – auch einen sensitiven Test machen. Ein Tropfen auf dem Handrücken reicht, das Öl sollte hell und goldgelb sein und nicht schnell in die Haut einziehen.
Allerdings ist Arganöl nicht nur als Pflegeprodukt für Haut und Haar bekannt, nach Röstung der Nüsse wird daraus auch durchaus Speiseöl produziert. Dieses ist klassischerweise durch den Röstungsprozess etwas dunkler. Als Speiseöl zählt Arganöl in der Europäischen Union zu dem sogenannten Novel Food, also neuartigen Lebensmitteln. Als neuartig gelten nach „Artikel 3 Absatz 2 der Verordnung (EU) 2015/2283 Lebensmittel, die vor dem 15. Mai 1997 nicht in nennenswertem Umfang in der Europäischen Union für den menschlichen Verzehr verwendet wurden“.
Baum des Lebens
Um die hohe Qualität des Arganöls – ob als Speise- oder Pflegeöl – zu gewährleisten, durchläuft jede Nuss nicht nur oben bereits erwähnten Prozess, es erfolgt bereits bei der Ernte eine natürliche Selektion. In der Regel werden nur bereits von den Bäumen gefallene Nüsse verwendet um die Zweige und Äste nicht zu beschädigen. Da der Arganbaum (Argania spinosa) eine der ältesten Baumarten der Welt ist, wird er auch „Baum des Lebens“ genannt. Dabei wird der Baum beziehungsweise dessen Frucht nicht nur für die Produktion des Arganöls genutzt, die Nüsse sind auch Nahrung für Tiere, wie zum Beispiel Ziegen. Vereinzelt kann man im Südwesten daher durchaus Mal die eine oder andere Ziege in den Ästen sehen, welche so an die Nüsse gelangen.
Hinzu kommt, dass die Bäume auch einen natürlichen Wall gegen die Bodenerosion bilden. Durch ihre tiefen Wurzeln binden sie den Boden, die dichte Krone spendet Schatten und sorgt für ein gewisses Mikroklima. 1998 wurde von der UNESCO das Gebiet der Arganien zum Biosphärenreservat erklärt, um diese einzigartige Landschaft Marokkos zu schützen. Die Techniken zur Gewinnung des Arganöls sind Bestandteil des immateriellen Kulturerbes der Berberfrauen, die vom Sammeln, Trocknen, Entfernen des Fruchtfleischs und das Aufbrechens der Nüsse, bevor diese zu Öl verarbeitet werden, für alle Verarbeitungsschritte zuständig sind.
Omega-6 und Omega-9
Lohn ist das finale Produkt, dass in den Medinas von Essaouira und Marrakesch für wenige Euro zu erstehen ist. Meist abgefüllt in kleinen Plastikflaschen, liefert das Öl dennoch absolut anständig ab: Es ist reich an ungesättigten Fettsäuren wie Omega-6 und Omega-9, ist bekannt für seine pflegenden und entzündungshemmenden Eigenschaften. Außerdem enthält es natürliche Antioxidantien wie Vitamin E und Polyphenole, welche freie Radikale neutralisieren und der vorzeitigen Hautalterung vorbeugen können.
Informationen:
Visit Marocco: www.visitmorocco.com/de
Fotos: Michael Schabacker

