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Leeds, Punk, Gothic und der Kunststudent vom Dorf

Dunkel, Puls, stickige Luft. And the devil in a black dress watches over, klingt es stampfend aus den Boxen. Grünes Licht, fast strahlig, aus schwarzer Sonne. Wiedererkennungswert gegeben. My guardian angel walks away, Assoziation in Düsterness. Andrew Eldritch vertritt sie, die These des gefallenen Engels, überschwappend auf weitere Generationen.

Spartanisch erscheint das Licht, der Nacht gleich, oder des Abends; With the sunlight died and the night above me, Bilder weiterer Ruhe, dem Tode nah. Nun, philosophisch oder nicht, Phrase oder Gedicht. Ganz sicher ist man sich final ja nie. Interpretationen lassen Raum, füllen mit Zeitgeist und ziehen sich als schwarzes Band durch das Leben. 

My guardian angel. Foto: Michael Schabacker
My guardian angel. Foto: Michael Schabacker

So gegeben in der starken Monotonie der 1980er Jahre, unbestritten. Und Zeitgeist ist eben nicht an Landesgrenzen gebunden, wartet nicht vor Systemen und Trends. Leeds war der Ausgang, war der Ursprung. War der Weg für die schwarze Phase der Musik, hat Lebensgefühl geschaffen – und gleichzeitig abgeschafft.

Leeds ist ausgebrannte Autos und Ödnees

Schmal und kantig steht Eldritch auf der Bühne – nun, zumindest in Zeiten der New Romantic Welle. Denn auch sein Lebensspiegel hat sich der Zerrung hingegeben, heute nur noch als parodierte Floskel erkennbar. Zumindest optisch, den Zeitgeist immer bewahrend.

Und da spielt es auch keine Rolle, dass alles was Aussage und sehnsuchtsvolles Blicken gen Himmel einst war – es ist halt eben immer noch die Wahrheit. Seine Wahrheit – und die Wahrheit seiner, nun ja, Jünger. Und die gab es zu Hauf, auch als Leeds und Eldritch mit Gary Marx noch En Vogue waren. War es das wirklich? Irgendwie war Leeds doch immer die Stadt, in der wenig los war, die Arbeitslosigkeit die gleiche Prozentzahl hatte wie ein anständiger Likör und wo hie und da ausgebrannte Autos an den Straßen standen; oder wo auch Tonnen lodernde Flammen beherbergten.

Blicke. Foto: Michael Schabacker
Blicke. Foto: Michael Schabacker

Hier kam er also her, der Sound, der irgendwie Punk war ohne Sex Pistols, wo Gothic ohne Nosferatu und Death Rock ohne Lou Reed geboren wurde. Und diese Welle der Trauer und Ödness schwappte einmal über den Atlantik, überflutete die Ost- und Westküste der Vereinigten Staaten und prallte in die Ohrmuscheln des jungen Kunststudenten, der gerade durch die Otis College of Art and Design schlenderte.

66 und 64

Heute ärmellose Shirts, die Schwarze Sonne strahlt düster den linken Schulter- und Armbereich aus, der Blick gesenkt. Vielleicht nachdenklich, vielleicht… Hauptsache schwarz. Shirt als auch Haare. Das Gesicht wirkt müder, Kunststudent und Eldritch. Parallel. Der eine singt noch immer, wenn es denn als Gesang jemals galt. Vielleicht Sprechgesang mit einer gehörigen Menge Kompression.

Der Kunststudent war da noch suchend. Eldritch schon lange findend. Findend, weil seine Musik, sein Stil, die ikonistische Laszivität längst als Lebensmotto inhaliert sein Weg war. Ein Weg, den sie beide begingen, schon damals. Und sie trafen sich wieder, Jahre später. Eldritch pustet seine 66. Kerze auf der Torte aus, der Kunststudent von damals pustet nur 64 Mal. Es bleibt nicht viel zu erklären, geht man durch die Räumlichkeiten des Palais Galliera. Zumindest noch bis zum 4. Januar 2026. Denn dann ist sie vorbei, die Schwarze Show des Kunststudenten aus Porterville, Kalifornien. Es bedarf wenig Interpretation, weil so einfach, so durchsichtig, so undurchsichtig. Schwarz ist keine Farbe, Weiß aber auch nicht. Aber auch dazwischen gibt es Stehversuche. 

Stehversuche. Foto: Michael Schabacker
Stehversuche. Foto: Michael Schabacker

Wer möchte, wer gerade in der Nähe ist, wer gezielt sehen will, wie das Damals in das Heute rutscht: Richard „Rick“ Saturnino Owens, also nennen wir ihn Mal Rick Owens, Gründer der Modemarke „Rick Owens“, lässt den „Temple of Love“ nochmal neu aufbauen. Für sich, für Sie, für alle Interessierten. Und natürlich: immer den Blick nach oben. Denn auf Augenhöhe funktioniert ein Tempel nicht, er bleibt etwas zum Emporschauen. Nicht in Los Angeles, und schon gar nicht in Leeds; aber in Paris. Aber nur noch kurz. Und dann: And the temple of love, is falling down…


Informationen:

Palais Galliera: www.palaisgalliera.paris.fr/en

Temple of Love: www.palaisgalliera.paris.fr/en/exhibitions/rick-owens-temple-love

Fotos: Michael Schabacker

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