Oberhalb Jerzu sind es breite Stiefelabsätze, etwa des Porcu de ludu (780 Meter), des Troiscu (849 Meter) oder des höchsten, des Punta Corongiu (1009 Meter). Diese Tacchi sind heute Ziel von Freeclimbern, die es gern auch zu den wie High Heels steil aufragenden superschmalen Tacchi aus hartem Dolomit-Sandstein zieht.
Auch Weinliebhaber bewundern sie, schauen aber auch eine Etage tiefer. Etwa beim Besuch der Weinberge der Antichi Poderi von Jerzu in über 800 Metern Höhe. Es sind die höchsten Weinberge der 1950 gegründeten Genossenschaft. Hierher zieht es auch gern Marcello Usala, Genossenschafts-Präsident seit 2010, und Gutsdirektor Franco Usai. Zufrieden blicken sie auf unzählige Weinberge in unberührter Natur und sind besonders stolz auf jeden neubepflanzten Hektar Wein, der auch die Zukunft für die Antichi Poderi, die uralten Weinbergbesitzungen der Familien von Jerzu signalisiert.
Gut auch, dass es Mediziner gibt wie Josto Miglior: Der Arzt aus Jerzu überzeugte 1950 gleich 18 Winzer, die Kooperative samt Cantina zu gründen. Die phänomenale Erfolgsgeschichte symbolisieren heute der hochaufragende Siloturm der Cantina am Ortseingang von Jerzu und der schicke Weinladen der Antichi Poderi mit önologischen Schätzen.
Maria Lai: fünf „S“ und ein besonderer Faden
Stolz erklärt hier Franco Usai, dass die Gesellschaft heute 430 Mitglieder hat und 500 Hektar Weinberge betreut. Fast jede Familie in Jerzu ist Mitglied – schon aus Traditionsgründen. Aber dazu gehören auch Weinberge in den Dörfern Ulassai, Osini, Gairo, Cardedu und Tertenia, in Höhen von 100 bis auf über 800 Meter.
Allen voran werden die Trauben der Cannonau, Vermentino und Monica Rebsorten geerntet, die verarbeitet und abgefüllt 1,6 Millionen Flaschen Wein ergeben. 15 Prozent gehen ins Ausland, 81 Prozent bleiben in Italien, satte vier Prozent verkauft der Laden, auch dank Maria Lai. Denn gut, dass es auch Künstler gibt!
Seit 2021 öffnet linkerhand des Weinladens der hochmoderne Kunstraum Spazio Cinquesse Maria Lai zu Ehren der großen sardischen Bildhauerin, Malerin und Performerin (1919 – 2013), die im Nachbardorf Ulassai geboren wurde und nahebei in Cardedu verstarb. In Ulassai ist ihr im alten Bahnhof ein Museum gewidmet, Skulpturen und Wandmalereien erinnern im Dorf dort an sie.
In Jerzu aber widmet man ihr jährlich eine thematische Ausstellung und dazu eine Weinedition, die von der internationalen Weinkritik schon 92 Punkte erhielt: Voran geht der „Cinquesse“ 2021, ein großartig harmonischer reiner Cannonau di Sardegna DOC Jerzu, dessen Trauben von 30 Jahre alten Rebstöcken stammen, sechs Monate in Tonneaux aus französischer Eiche und weitere sechs Monaten auf der Flasche reifte.
Kreiert haben diesen herrlichen Tropfen und alle Etiketten von Jerzu der Top-Önologe Franco Bernabei und Kellermeister Nicolò Miglior, Urenkel von Gründer Josto. Patin für den Namen war indes Maria Lai: „Cinquesse“ steht für jene fünf mit „S“ startenden Wörter, die sie jedem Wein wie jedem Menschen zuschrieb: Sasso (Stein), Solco (Furche), Sole (Sonne), Sure (Axt), Sale (Salz)!
Lai verfasste auch Fabeln: „Tenendo per mano l’ombra“ („Den Schatten an die Hand nehmen“) wurde zum Ausstellungsmotto 2025. Live erzählt sie im Video-Clip die märchenhafte Geschichte, live ist das von ihr gestaltete Textilbuch zur Fabel zu bewundern. Naheliegend, dass die Antichi Poderi den Weißwein der Edition, einen Vermentino di Sardegna DOC, zum „Filare“ titulierten. „Filare“ steht für „filo“ (Faden), aber auch die Anordnung der Rebstöcke in Reihen, verbindet so perfekt Weinbau und Lais Kunst.
Der QR-Code auf dem Etikett führt zudem zu einem Wiegenlied, das Maria Lai singt. Der „Filare“ reifte September bis Juni in 30-Hektoliter-Fässern aus französischer Eiche, weitere neun Monate auf der Flasche und ist ein Gedicht.
Degustation im Rifugio
Das Hotel Rifugio d`Ogliastra steht inmitten der Top-Kulisse der Tacchi und oberhalb der versteckt im Eichenwald stehenden Wallfahrtskapelle Sant`Antonio. Das Restaurant mit erstklassiger Traditionsküche ist perfekt für eine Degustation. Es locken Culurgiones (sardische Ravioli), wunderbares Spanferkel und zum Dessert honigsüße Seadas.
Gereicht wird das Ogliastra-Brot Pistoccu aus Hartweizenmehl, Wasser, Kartoffelflocken, Hefe und Salz. „Wir sind die Deutschen Sardiniens,“ lacht Franco Usai. Denn im Gebirge wächst kein Getreide. So wechselte man zu Kartoffeln.
Nach den zwei Maria-Lai-Weinen wäre die Hommage an den Gründer, der „Josto Miglior“ Cannonau di Sardegna Riserva an der Reihe. Er ist ein Aushängeschild von Jerzu. Josto Miglior ist zudem eine komplette Weinreihe mit den Etiketten „Chuerra“, „Marghía“, „Akratos“ und dem Vermentino „Le Stelle“ gewidmet. Doch die Antichi Poderi haben zwei neue Spitzen-Crus: Nur Trauben ausgewählter Parzellen werden zu den Spitzenweinen verarbeitet.
Fantastisch ist der „Baccu Is Baus“, ein Cannonau di Sardegna DOC Riserva Jerzu des Jahrgangs 2019, dessen Trauben an 40 Jahre alten Rebstöcken in einem ausgewählten Seitental mit Quelle in 500 Metern Höhe gediehen, ehe sie Mitte September von Hand geerntet wurden. Es folgten zwölf Monate Reifung in Barrique und Tonneaux aus Frankreich und weitere sechs Monate auf der Flasche. Dieser Rote (14 Prozent Alkohol) ist ein echter „full bodied red one“, steht für Sardiniens drei Jahrtausende alte Weinkultur.
Die ist für Jerzu sicher ab 1130 n. Chr. verbürgt, doch auch hier reicht sie weit in die Nuraghen-Zeit zurück. Das durch edle Eleganz überzeugende Pendant ist der „Baccu S`Alinu“ Cannonau di Sardegna DOC Riserva Jerzu 2019, dessen Trauben an 50 Jahre alten Rebstöcken wuchsen und der den gleichen Reifungsprozess durchlief. Er glänzt mit frischen Kirschnoten und ist perfekt ausbalanciert.
Weitere außergewöhnliche Jerzu-Weine für den täglichen Genuss sind der sehr gute Cannonau „Bantu“, der Cannonau-Rosé „Isara“ und der exzellente Vermentino „Telavè“. Hinzu kommt der „Camalda“ (Monica-Traube). Zudem firmieren Weine unter den Labels „Samuele Baccanti“ und „Telévras“. Eine Verbeugung verdienen an diesem Tag indes die Spitzenweine „Cinquesse“, „Filare“, „Baccu Is Baus“ und „Baccu S`Alinu“.
Informationen:
Antichi Poderi di Jerzu: www.jerzuantichipoderi.it
Onlinekauf: www.sardinienprodukte.at
Rifugio d`Ogliastra: www.hotelrifugiodogliastra.it
Fotos: Jürgen Sorges, Antichi Poderi di Jerzu

