Die kanadische Content Creatorin Molly Burke ist blind. Trotzdem oder gerade deshalb erlebt sie Reisen mit einer Intensität, die Sehenden oft entgeht. Gerade ist sie rund 700 Kilometer auf einem Spezial-Tandem von Deutschland quer durch die Niederlande gefahren. Es ist eine Reise über Freiheit, Vertrauen und die Frage, wie eine Welt aussehen könnte, die wirklich für alle gemacht ist.
Plötzlich wird es ganz still. Brendan Grant nimmt Tempo heraus, Molly Burke hört auf zu treten. Das Tandem rollt nur noch im Schritttempo weiter. Drei Kilometer pro Stunde vielleicht. Langsam genug, dass das Surren der Pedale verstummt und andere Geräusche hervortreten. „Ich konnte die Bewegungen von Schafen hören. Ich hörte ihre Füße. Ich konnte sogar hören, wie sie fraßen“, erzählt Molly später. Für einen Moment gibt es nur sie, die Geräusche und Gerüche der Landschaft. Und das Fahrrad, das beinahe lautlos an hindurchgleitet. Dann lacht Molly. „Ich konnte definitiv auch riechen, wenn sie gekackt hatten.“ So klingt eine Reise durch die Niederlande, wenn man sie nicht mit den Augen erlebt.
700 Kilometer für mehr Barrierefreiheit
Molly Burke ist 32 Jahre alt, Kanadierin, Autorin, Influencerin und eine der international bekanntesten Stimmen für Barrierefreiheit. Mehr als fünf Millionen Menschen folgen ihr über ihre Social-Media-Kanäle. Mit vier Jahren wurde bei ihr die progressive Augenkrankheit Retinitis pigmentosa diagnostiziert, mit 14 hatte sie den größten Teil ihres Sehvermögens verloren. Seit etwa 10 Jahren ist sie völlig erblindet.
Nun sitzt sie auf einem auf einem Pino-Tandem des deutschen Herstellers „Hase Bikes“ und fährt mit ihrem Verlobten Brendan von Waltrop in Deutschland bis nach Groningen im Norden der Niederlande: rund 700 Kilometer, elf Fahrtage, fünf Teams, vier sehbehinderte Fahrerinnen und Fahrer. Beim Pino sitzt der sogenannte „Rider“ vorne auf einem zurückgelehnten Sitz, während der „Pilot“ dahinter lenkt, bremst, schaltet und navigiert. Beide treten in die Pedale. Molly reist mit Riding Together, einer australischen Non-Profit-Organisation, die sich für inklusives Radfahren einsetzt und Menschen, die Unterstützung benötigen, mit geschulten Pilotinnen und Piloten zusammenbringt. Die Tour durch die Niederlande soll zeigen, wie inklusives Radfahren in der Praxis funktionieren kann, und neue Partnerschaften in Europa aufbauen.
Zum ersten Mal sitzt sie vorne
Dass Molly vorne sitzt, klingt zunächst wie ein technisches Detail. Für sie bedeutet es viel mehr. „Als blinder Mensch bin ich eigentlich immer hinten“, sagt sie. „Auf einem normalen Tandem sitze ich hinten. Auch im Alltag bin ich oft hinter jemandem. Ich gehe hinter meinem Blindenführhund, wenn er mich führt. Ich bin immer einen Schritt hinter allen.“ Auf dem Pino ist es umgekehrt. „Es ist wirklich cool, diese Erfahrung zu machen: tatsächlich einmal vorne zu sein.“ Hinzu kommt ein Gefühl, das sie auf einem klassischen Tandem vermisst: Unabhängigkeit. Die Pedale sind nicht starr miteinander gekoppelt. Molly kann aufhören zu treten, während Brendan weitermacht. Beide können unterschiedlich kräftig in die Pedale treten. „Es fühlt sich ein unabhängiger an. Ich liebe es“, sagt sie. Und dann ist da noch der Wind. Auf einem gewöhnlichen Tandem sitzt Molly hinter dem Rücken des Piloten, im Windschatten quasi. Auf dem Pino befindet sich nichts zwischen ihrem Gesicht und der Welt.
Brendan sitzt höher hinter ihr. Während er lenkt, erzählt er ihr, was vor ihnen auftaucht: eine Kuh auf einer Wiese, ein Vogel, Häuser, Menschen, Tiere am Wegesrand. „Es ist so auch akustisch leichter für mich, ihn zu hören“, erzählt Molly. „Er beschreibt mir alles, durch das wir gerade fahren. Und dadurch habe ich wirklich das Gefühl, dass ich sehen kann, was wir erleben.“ Dann formuliert sie einen Satz, der vielleicht am besten erklärt, was diese Reise für sie bedeutet: „Ich sehe die Welt durch seine Beschreibungen und durch seine Augen.“ Doch die Wahrnehmung funktioniert in beide Richtungen. Molly hört, riecht und spürt Dinge, die Brendan möglicherweise entgehen. „Ich höre einen Vogel und sage: Da ist ein Vogel. Und dann schaut er auf und sagt: Ja, da ist tatsächlich ein ganzer Schwarm.“ Für Molly ist das keine einseitige Hilfe, sondern eine gemeinsame Erfahrung. „Wir teilen das auf unsere eigene Weise“, sagt sie. „Es ist fast wie eine Symbiose.“
Foto: Gary Hackett/Riding Together

