Lifestyle

HULLIS München – Kulinarik und Varieté im selben Rhythmus

Es ist einer dieser Abende im Münchner Restaurant Acquarello, an denen man eigentlich längst hätte gehen wollen – und aus guten Gründen aber bleibt. Der Rotwein ist zu gut, die italienischen Köstlichkeiten geben den Takt vor, die Gedanken beginnen zu fliegen. Drei Freunde sitzen am Tisch: Richard Matthes, Zeltbauer und Gestalter besonderer Räume. Daniello, Comedian und Clown im Cirque du Soleil, bürgerlich Sven Pawlitschko, mit Instinkt für Dramaturgie. Und Mario Gamba, Küchenchef des Hauses, vielfach ausgezeichnet, seit dem Jahr 2000 mit einem Michelin-Stern geadelt.

Man lacht, erzählt, verwirft Ideen. Die Gespräche werden freier, die Gedanken wilder. Und dann kippt der Abend. Richard Matthes lehnt sich zurück und stellt diese eine Frage, halb ernst, halb mit einem Augenzwinkern: Warum machen wir eigentlich nicht eine Dinnershow, so wie wir sie uns immer erträumt haben?

Für einen Moment ist es still. Nicht aus Verlegenheit, sondern weil plötzlich alles da ist.

Kulinarik braucht Bühne: Zeltbauer Richard Matthes (links), Spitzenkoch Mario Gamba Mi und Comedian Sven Pawlitschko (künstlerischer Leiter; rechts) – drei Persönlichkeiten, ein Erlebnis. Foto: HULLIS
Kulinarik braucht Bühne: Zeltbauer Richard Matthes (links), Spitzenkoch Mario Gamba Mi und Comedian Sven Pawlitschko (künstlerischer Leiter; rechts) – drei Persönlichkeiten, ein Erlebnis. Foto: HULLIS

Aus diesem Moment wächst HULLIS. Eine Dinnershow, die Visionen in Wirklichkeit verwandelt, mit ausgezeichneter Kulinarik und Magie. In München ist sie noch bis Mitte Februar zu erleben, danach kehrt sie im Oktober 2026 zurück. Das Spiegelzelt bleibt – als Ort für Abende, die sich nicht an Termine halten und gerade deshalb in Erinnerung bleiben.

Vorhang auf für HULLIS

Wenn sich die schweren roten Samtvorhänge öffnen, passiert etwas mit dem Raum – und mit den Menschen darin. Der Blick verliert sich in einem Spiegelzelt ohne Brüche, ohne störende Stangen, offen und überraschend weit. Es wirkt weniger wie ein Veranstaltungsort als wie ein großes, warmes Wohnzimmer, in dem man sofort ankommen möchte. Das Zelt ist eine bewusste Verbeugung vor den Goldenen Zwanzigerjahren – jener Epoche, in der Unterhaltung mehr war als Ablenkung, in der sie Haltung hatte und Genuss eine Bühne. Richard Matthes hat diesen Raum zum Herzstück von HULLIS gemacht. Hier begegnen sich Artistik, Comedy, Musik und Kulinarik nicht zufällig, sondern wie alte Bekannte, die einander Raum lassen und sich doch gegenseitig tragen. Das Licht ist weich, Stimmen werden leiser, Erwartungen dichter. 

Die Hullis Liveband: fünf Musiker, eine Sängerin, pure Live-Energie. Foto: Birgit Werner
Die Hullis Liveband: fünf Musiker, eine Sängerin, pure Live-Energie. Foto: Birgit Werner

Zunächst ist es die Musik, die den Ton angibt. Die HULLIS-Band spielt leise auf. Ihre Klänge liegen wie ein feiner Teppich unter den Gesprächen und geben dem Abend einen Rhythmus, ohne ihn festzulegen. Parallel dazu beginnt die Show, fast unmerklich. Man sitzt noch am Tisch, vielleicht mitten im Gespräch, als sich der Raum verändert. 

Hoch oben bewegt sich etwas, weiter vorne entsteht eine kleine Szene. Man schaut hin, ohne sich bewusst dafür entschieden zu haben. Was man sieht, zieht einen hinein. Körper, die mit der Schwerkraft spielen, ruhig und präzise. Wenn das preisegekrönte Crossed-Wheel-Duo 2Zeno aus Kanada unter dem Zeltdach seine Kreise zieht, scheint der Raum den Atem anzuhalten. 

Atemberaubende Akrobatik im Crossed Wheel: Duo 2Zeno lässt die Schwerkraft vergessen. Foto: Andreas Bienert
Atemberaubende Akrobatik im Crossed Wheel: Duo 2Zeno lässt die Schwerkraft vergessen. Foto: Andreas Bienert

Oder das Trio Konjowochu, drei junge Artistinnen aus Äthiopien, mit Kraft und Kontrolle beeindruckt, mit Bewegungen, die ebenso diszipliniert wie poetisch wirken. 

Dann sind das Momente, in denen man kurz innehält, weil man den eigenen Augen nicht ganz traut. Magie passiert beiläufig, Humor setzt genau dort an, wo man ihn nicht erwartet. Im Laufe des Abends treten rund 30 internationale Künstler auf, getragen von einer Live-Band, die den Raum zusammenhält, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.

Wenn der Chef de Cuisine aus Bella Italia kulinarisches Chaos stiftet, gerät selbst Bruno, der rheinländische Kartoffelschäler, aus dem Konzept. Foto: Andreas Bienert
Wenn der Chef de Cuisine aus Bella Italia kulinarisches Chaos stiftet, gerät selbst Bruno, der rheinländische Kartoffelschäler, aus dem Konzept. Foto: Andreas Bienert

Dazwischen tauchen Figuren wie der Koch Camilo oder Conférencière Anna Lyse auf. Sie schaffen Nähe, ohne Klamauk, mit Humor, der verbindet, statt zu überzeichnen. Auch hier gilt, was für den ganzen Abend gilt: Es geht nicht um Effekte, sondern um Zusammenspiel und Magie. 

Kulinarik als tragende Struktur

Im Zentrum dieser Dinnershow steht die Küche – und sie ist alles andere als still. Hinter dem Samt, verborgen vor den Blicken der Gäste, arbeitet sie auf Hochtouren. Hier wird konzentriert geschwitzt, getaktet, abgeschmeckt, angerichtet. Mario Gamba hat das Menü so entwickelt, dass es den Abend trägt, ohne sich je in den Vordergrund zu spielen. Doch diese Zurückhaltung ist hart erarbeitet. „Ein Teller ist für mich kein Schaustück“, sagt er, „sondern Grammatik: Er gibt Struktur und transportiert Gefühle.“

Rosenblüten-Couscous mit geräuchertem Saibling und einer Schnittlauch-Minze-Creme. Foto: Michael Tinnefeld / HULLIS
Rosenblüten-Couscous mit geräuchertem Saibling und einer Schnittlauch-Minze-Creme. Foto: Michael Tinnefeld / HULLIS

Und während draußen Applaus aufbrandet und die Show ihren Rhythmus findet, schlägt drinnen das kulinarische Herz schneller. Jeder Gang muss im richtigen Moment bereit sein, synchron mit dem Geschehen auf der Bühne. Manchmal bedeutet das Hitze, Tempo, Adrenalin. Die Chefköche stehen dicht an dicht, die Luft ist warm, die Abläufe präzise – ein choreografierter Kraftakt, damit das Essen zur Dramaturgie des Abends passt.

Was auf dem Teller landet, wirkt mühelos, fast poetisch. Die Aromen wecken Erinnerungen, berühren Emotionen und funktionieren generationenübergreifend – keine Selbstverständlichkeit, wenn Abend für Abend drei Generationen unter dem Zeltdach zusammenkommen. Der Anspruch ist hoch: einen gemeinsamen Nenner zu finden, ohne Feinheit, Tiefe oder Qualität preiszugeben.

Gegrilltes Zanderfilet mit Kartoffelpüree, jungem Gemüse und Dill-Beurre-Blanc. Foto: HULLIS
Gegrilltes Zanderfilet mit Kartoffelpüree, jungem Gemüse und Dill-Beurre-Blanc. Foto: HULLIS

Diese Magie entsteht aus Präzisionsarbeit. Disziplin, Organisation und exaktes Timing bestimmen den Takt hinter den Kulissen – vom sorgfältigen Einkauf hochwertiger Produkte bis zu dem Augenblick, in dem der Teller den Tisch erreicht. 

Man sitzt im Spiegelzelt, kostet, hört, schaut – und spürt plötzlich, wie alles zusammenkommt. Die Hitze der Küche, der Zauber der Bühne, das Leuchten im Raum. Hier wird nicht einfach serviert. Hier wird ein Abend inszeniert, mit Hingabe, mit Leidenschaft – und mit jener stillen Magie, die nur entsteht, wenn Menschen bereit sind, für den perfekten Moment alles zu geben.


Informationen:

HULLIS: www.hullis.de

Acquarello: www.acquarello.com

Fotos: Birgit Werner, Andreas Bienert, HULLIS, Michael Tinnefeld

Teilen: