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Eine Begegnung mit der „Venus von Çatalhöyük“

Erst seit 2012 steht Çatalhöyük, die teilweise freigelegte Siedlung aus der Jungsteinzeit auf der Liste des UNESCO Welterbes. Hier im auch als Çatal Höyük, Çatal Hüyük oder Chatal-Hayouk bekannten Gelände lebten vor 8000 Jahren bereits mehrere tausend Einwohner. Eine Sensation, denn lange Zeit glaubte die Forschung nur an die Existenz kleiner nomadischer Gruppen, die nach dem Höhepunkt der letzten Eiszeit im Zuge der langsamen Erwärmung der Erde und der Entstehung fruchtbarer Regionen, als Sammler und Jäger unterwegs waren. 

Çatalhöyük bildet eine Erhebung in Gabelform in der Landschaft der Hochebene (das Türkische Çatal bedeutet Gabel und Hüyük Hügel). Entdeckt wurde die Siedlung in den späten 1950er Jahren von dem britischen Archäologe James Mellaart, der zwischen 1961 und 1965 eine Fläche im Südwesten des Hügels ausgrub. Er legte die Reste von über 160 Häusern frei, fand viele verschieden Artefakte darunter die besagte Venusfigur und andere Frauenstatuetten. 

Mellaart begründete die Erforschung Çatalhöyük, stellte wichtige Hypothesen auf. Er war aber auch eine schillernde Figur im archäologischen Business, musste 1965 seine Ausgrabungen im Zuge eines Fälschungsvorwurfs von Ausgrabungsobjekten, mit denen er handelte, einstellen. Für Jahrzehnte lagen die archäologischen Arbeiten in Çatalhöyük so gut wie brach.

Erst 1993 ging es weiter, im Rahmen eines internationalen Forschungsprojektes an dem auch Deutschland beteiligt war, unter der Leitung des Anthropologen Ian Hodder (Universität Cambridge, später Stanford University). Mit einem neuen Ansatz aus der Ur- und Frühgeschichtsforschung wurden zunächst von 1993 bis 1995 Oberflächenuntersuchungen durchgeführt. Dann grub das Team weiter, untersuchte zwischen 1996 bis 2002 einzelne Häuser, um Ablagerungsprozesse und damit die historischen Entwicklungen zu verstehen.

Die berühmte archäologische Ausgrabungsstätte Çatalhöyük. Foto: Ellen Spielmann
Die berühmte archäologische Ausgrabungsstätte Çatalhöyük. Foto: Ellen Spielmann

Schließlich gelang es zwischen 2003 und 2012, den Aufbau der Siedlung und die Sozialstruktur der Bewohner im Detail zu untersuchen, was zu bedeutenden Erkenntnissen zu verschiedenen Themen wie Umwelt, Geschlechterverhältnisse, Familiendynamik, Mythologie und Alltag führte. Heute lässt sich mit Bestimmtheit sagen, dass Çatalhöyük vor 9.000 Jahren als kleine Siedlung gegründet wurde. Im Laufe der Zeit wuchs es zu einer großen Siedlung mit 3.000 bis 8.000 Einwohnern heran und nutzte dabei die Möglichkeiten, die die Umgebung bot. In dieser Hinsicht ist Çatalhöyük eine Siedlung, die den frühen Zivilisationsprozess, den Übergang der Welt der nomadisch lebenden Jäger-Sammler zur Sesshaftigkeit, Ackerbau und Viehzucht beispielhaft repräsentiert.

Vitrinen, Digitales und archäologisches Graben

Die Umgebung von Çatalhöyük ist reich an Ressourcen, darunter der Çarşamba-Bach, der am Fuße des Hügels fließt, heute aber ausgetrocknet ist. Zudem stellten Geologen reichliche Obsidian-Vorkommen fest, ein wichtiger Rohstoff für die Werkzeugherstellung jener Zeit. Çatalhöyük steht für das keramische Neolithikum in Anatolien, bereits im siebten und sechsten Jahrtausend vor Christus wurden hier Tongefäße zum Aufbewahren von Lebensmittel und zu Kochen hergestellt. 

Diese Basisinformationen und eine Zeitschiene, die vor Augen führt, dass wir es mit einer Zivilisation zu tun haben, die lange vor Stonehenge und dem Bau der Pyramiden existierte, eröffnen den Parcours im Museum. Es eröffnete Ende 2023 und bringt in einer guten Mischung aus digitalen Präsentationen und altbewährten Schaukästen, Nachbauten, Modellen Wissen über die Verhältnisse und das Alltagsleben in Çatalhöyük nah.

Wandmalerei: Stier- und Hirschjagd, Geier, Leopardenfiguren und Handabdrücke sind dargestellt. Foto: Ellen Spielmann
Wandmalerei: Stier- und Hirschjagd, Geier, Leopardenfiguren und Handabdrücke sind dargestellt. Foto: Ellen Spielmann

Eines der charakteristischen Merkmale von Çatalhöyük ist seine einzigartige Architektur. Die Lehmziegelhäuser, die für das Museum nachgebaut wurden, bestehen aus einem zentralen Raum und zwei bis drei umgebenden Räumen. Der Zugang zu den Häusern erfolgt über Holztreppen durch eine Öffnung im Dach, vor allem, um sich vor wilden Tieren zu schützen. 

Der zentrale Raum, in dem sich die Feuerstelle befindet, dient als Mittelpunkt des Hauses und des täglichen Lebens. Die umliegenden Räume werden typischerweise als Keller, zum Aufbewahren der Vorräte genutzt. Im Innern der Häuser sehen wir Kunstwerke darunter Bilder, Reliefs und Skulpturen, die das Universum der damaligen Menschen abbilden und die Glaubensvorstellungen der Gesellschaft zeigen. 

Viele der Wände sind mit Paneelen verziert, die Szenen der Stier- und Hirschjagd, Geier, Leopardenfiguren, Handabdrücke und geometrische Muster darstellen. Rinderschädel und -hörner, die von Auerochsen stammten, wurden mit Lehm überzogen und an Wänden oder Bänken befestigt. Zähne, Schädel und Knochen von Wildschweinen, Füchsen, Geiern usw. wurden in die Wände eingelassen. Es werden nicht nur Jagdtiere dargestellt, die meisten Tiere sind gefährlich und aggressiv in Szene gesetzt.

Die Bewohner von Çatalhöyük bestatteten ihre Toten direkt unter ihren Häusern. Die Ergebnisse früherer Studien an erblichen anatomischen Merkmalen der Skelette lieferten eine Überraschung: Die meisten Bestatteten eines Hauses waren nicht miteinander verwandt, so dass sich Gemeinschaft nicht primär über Verwandtschaft konstituierten. Über Jahrhunderte wurden die Häuser in Çatalhöyük immer auf den Mauerstümpfen der Vorgänger erbaut, insgesamt lassen sich dreizehn Schichten ausmachen.

Die Bewohner von Çatalhöyük bestatteten ihre Toten direkt unter ihren Häusern. Foto: Ellen Spielmann
Die Bewohner von Çatalhöyük bestatteten ihre Toten direkt unter ihren Häusern. Foto: Ellen Spielmann

Venus von Çatalhöyük: Vorläuferin der Göttin Kybele?

Ohne Zweifel ist die Vitrine mit der Venusfigur ein Höhepunkt im Museumparcours: „Die sitzende Frau von Çatalhöyük“ ist eine aus gebranntem Ton gefertigte weibliche Akt-Figur, die auf einem Thron zwischen Armlehnen mit Raubkatzenköpfen sitzt. Sie ist 17 Zentimeter lang, elf Zentimeter breit, zwölf Zentimeter hoch und wiegt ein Kilogramm. Allgemein wird angenommen, dass sie eine korpulente und fruchtbare Muttergöttin darstellt, die gerade gebärt, während sie auf ihrem Thron sitzt. Löwin, Leopard oder Panther als Motiv weisen sie als Herrin der Tiere aus. 

Die Statuette, eine von mehreren ikonografisch ähnlichen, die hier gefunden wurden, ähnelt anderen korpulenten prähistorischen Göttinnen-Figuren. Somit ist die Göttin von Çatalhöyük eine markante neolithische Terrakottafigur (anthropomorphe Figuren sind an neolithischen Fundstätten häufig anzutreffen). Wer sie geschaffen hat, bleibt unbekannt, aber sie wurde um 6000 v. Chr. fertiggestellt. 

Als Mellaart die Figur 1961 ausgrub fehlten der Kopf und die Handstütze der rechten Seite, beides wurde durch moderne Nachbildungen ersetzt. Das Original befindet sich nicht am Fundort, sondern wurde in das Museum für Anatolische Zivilisationen in Ankara. In Çatalhöyük sehen wir also nur eine Replik. Mellaart behauptete, die Figur stelle eine Fruchtbarkeitsgöttin dar, die vom Volk von Çatalhöyük verehrt wurde. 

Anhand der Venus, weiteren Frauenstatuetten und anderen Indikatoren war sich der Forscher über die zentrale Bedeutung von Frauen in der Siedlung im Klaren und er kannte die seit der Antike diskutierte These über matriarchalische Gesellschaften. Mellaart brachte die Göttin von Çatalhöyük in Verbindung mit dem Kult um die große phrygische Natur-Göttin Kybele. 

Die deutsche Archäologin Eva Rosenstock, die an den Ausgrabungen beteiligt war, erklärte 2025 in der Zeitschrift Science, dass „weibliche Bestattete reicher mit Beigaben versehen sind“, das könne „auf höheren Status von Frauen“ hinweisen. Jüngste Forschungen kommen zu dem Schluss, dass sich der soziale Status von Männern und Frauen in der Siedlung nicht wesentlich unterschied. Vielleicht kann man in Anlehnung an aktuelle archäologische Erkenntnisse und Debatte den Fall Çatalhöyük als ein gemeinschaftlich entworfenes und gelebtes Projekt bezeichnen. So verfährt die aktuelle Berliner archäologische Ausstellung „Gebaute Gemeinschaft“, die Statuen, Bauten und das Leben vor 12.000 Jahren in Göbeklitepe, Taş Tepeler im Südosten der Türkei zeigt und entschlüsselt.

 

Informationen: 

Konya: www.konya.goturkiye.com

Novotel Konya: www.novotelkonya.guestreservation.com

Çatalhöyük (Archäologische Ausgrabung und Museum): www.catalhoyuk.com

Fotos: Ellen Spielmann

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