Foodie

Die Osteria dei Vespri als Bühne für Geschmackskultur

Hinter dem Herd der Osteria dei Vespri steht Alberto Rizzo, ein Koch, der seine kulinarische Identität zwischen zwei Welten fand: den Wurzeln der Familie im Norden Italiens und der unverwechselbaren Geschmackslandschaft Siziliens. Der Weg dorthin begann unspektakulär – in der Küche seiner Großmutter aus Cremona, einer Frau, die ihre Rezepte mit Intuition weitergab. Von ihr lernte er, wie zarte Teige entstehen, wie Schmorgerichte Geduld brauchen und warum der Duft eines frisch gebackenen Desserts mehr erzählt als jedes Wort.

Diese frühen Erlebnisse verschmolzen später mit den kräftigen Aromen Palermos, der Heimat seines Vaters, einem stolzen „Palermitano DOC“ aus der Vucciria. Dass Alberto und sein Bruder Andrea schon früh mit in Restaurants genommen wurden, klingt heute wie eine Anekdote, war aber vermutlich der Grundstein jener Leidenschaft, die beide zu ihren Berufen führte.

Essen ist ein Symposium

Rizzos Küche ist von Klarheit geprägt. Die lombardisch-emilianische Tradition trifft dabei auf sizilianische Produkte und internationale Impulse seiner vielen Reisen. Für ihn ist Essen ein soziales Ereignis, ein Moment des Teilens. Sein Credo: Offenheit für das Beste aus aller Welt – ohne einer uniformen Globalisierung des Geschmacks zu verfallen. „Der Tisch ist ein Ort der Begegnung“, sagt er. „Essen ist ein Symposium.“

Pastry Chef Gianmaria Pacuvio. Foto: Carola Faber
Pastry Chef Gianmaria Pacuvio. Foto: Carola Faber

Passend dazu präsentiert sich der Weinkeller der Osteria, untergebracht in den ehemaligen Stallungen des Palazzo Gangi – jener historisch aufgeladenen Kulisse, die durch Viscontis „Der Leopard“ weltberühmt wurde. Zwischen den alten Mauern lagern heute mehr als 650 Etiketten, kuratiert von Alberto und seinem Bruder Andrea. Der Fokus liegt traditionell auf Sizilien, doch der Blick geht weit darüber hinaus: Italienische Klassiker, französische Ikonen, sorgfältig ausgewählte Tropfen aus Übersee. Jede Flasche wurde probiert, diskutiert, ausgewählt.

So wird der Besuch in der Osteria dei Vespri nicht nur zum Essen, sondern zu einem Dialog – zwischen Regionen, Generationen, Kulturen. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum man diesen Ort am Ende weniger verlässt, als dass man ihn weiterträgt.

Die Kunst des Genusses 

Zu den kontrastreichen und gleichzeitig harmonischen Amuse-Bouche serviert Melissa Basan mit sicherem Gespür für feine Weine einen Milazzo Metodo Classico Brut – einen sizilianischen Schaumwein, der zeigt, wie Eleganz und Terroir zusammenfinden. Die Cuvée aus Inzolia und Chardonnay stammt von der biozertifizierten Azienda Milazzo in Campobello di Licata. In der Nase grüner Apfel und Zitrus, am Gaumen frisch, voll und lang. Mindestens 24 Monate Hefelager verleihen ihm jene feine Perlage und Komplexität, die den Auftakt des Menüs glänzend begleiten.

Blue Fish Ceviche. Foto: Carola Faber
Blue Fish Ceviche. Foto: Carola Faber

Die Vorspeise setzt ein kraftvolles Zeichen: Blue-Fish-Ceviche trifft auf süße Wassermelone, zarten Mais und einen Hauch Seeigel – eine Komposition, die Meer, Sonne und Textur spielerisch vereint. Dazu passt der Alta Mora Etna Bianco 2023, dessen Carricante-Trauben auf vulkanischem Boden wachsen. Frische Zitrusnoten, feine Mineralität und ein Hauch Jasmin spiegeln die Spannung des Gerichts wider und geben ihm einen präzisen, eleganten Rahmen.

Kontraste, Harmonie und präzise Begleitung

Zwei Gänge, zwei Charaktere: Zuerst kommen zarte Lilla-Kartoffel-Gnocchetti auf den Teller, begleitet von knackigen Zuckerschoten, süßem Kaisergranat und einem Hauch Majoran. Ein Gericht, das auf subtile Weise Tiefe zeigt – erdig, maritim, fein aromatisch. Danach folgt die Calamarata, kräftiger im Ausdruck: ’Nduja-Schärfe trifft auf Aubergine, Ragusano DOP, luftigen Basilikumschaum und wilden Fenchel – ein Zusammenspiel aus Schmelz, Feuer und Kräuterfrische.

Beide Gerichte finden im Natyr Petit Verdot 2019 von Baglio di Pianetto einen Partner mit Persönlichkeit. Der biologische Wein, spontan vergoren und ohne zugesetzten Schwefel, reift 24 Monate auf einheimischen Hefen. Im Glas zeigt er ein klares Rubinrot, in der Nase rote Früchte und am Gaumen eine harmonische Intensität mit weichen Tanninen. Ein Wein, der genug Kraft besitzt, um die würzigen und maritimen Noten der Gerichte aufzunehmen, und zugleich die elegante Balance wahrt, die die Küche begleitet.

Lilla Kartoffel Gnocchetti. Foto: Carola Faber
Lilla Kartoffel Gnocchetti. Foto: Carola Faber

Der erste Hauptgang zeigt pure Opulenz: Kalbsfilet in doppelter Marinade, begleitet von geräucherter Tomate, schwarzem Schweine-Guanciale und einer knusprigen Waffel aus sizilianischem Pecorino DOP, verfeinert mit frischem Oregano. Kraft und Eleganz treffen sich hier auf engem Raum. Der zweite Gang schlägt nicht minder beeindruckende Töne an: Gegrillter Lauch in tiefem braunem Gemüsefond, dazu Gemüse und Majoran – ein Gericht, das mit reduzierter Klarheit überzeugt.

Dazu passt der Etna Rosso Riserva “Vecchie Viti Monte Gorna” 2017 der Cantine Nicosia, 24 Monate in Barriques gereift und weitere 12 Monate in der Flasche veredelt. Im Glas zeigt er rubinrote Tiefe mit granatroten Reflexen, in der Nase Zitrusnoten, balsamische Frische, süße Gewürze, Tabak und Vanille. Am Gaumen vollmundig, weich in den Tanninen, lang und präzise – ein Wein, der beiden Gerichten Struktur, Wärme und eine kraftvolle, doch elegante Begleitung schenkt.

Süße Höhepunkte und Petit Fours 

Das Menü leitet zart über in die Süße: Das Predessert kombiniert sanftes Kaki-Püree mit frischem Ingwer, dunkler Schokolade mit Fleur de Sel, eingekochtem Traubenmost und einem Hauch Thymian – ein kleiner, aromatischer Zwischenton zwischen Frische und Tiefe. Die Nachspeise setzt dann ein luftiges Finale: eine Baiser-Wolke, Lemon-Crème-Anglaise-Schaum, Pistazien-Praliné und ein Sorbet aus schwarzen Maulbeeren – verspielt, duftend und texturreich.

Kaki-Püree, frischer Ingwer, Zartbitterschokolade. Foto: Carola Faber
Kaki-Püree, frischer Ingwer, Zartbitterschokolade. Foto: Carola Faber

Dazu der Ben Ryé 2019 von Donnafugata, ein Passito von der Insel Pantelleria, berühmt für seine Komplexität. In der Nase Aprikose, Pfirsich, getrocknete Feigen, Honig und ein Hauch Kräuterwürze; mineralische Akzente sorgen für Spannung. Am Gaumen zeigt er sich tief, weich und zugleich frisch – ein süßer Wein mit Charakter, der beide Desserts elegant einfängt, ohne sie zu übertönen.

Ein Trio kleiner Köstlichkeiten beschließt das Gourmeterlebnis: Pistazien-Macaron, duftender Bignè und ein kleiner Schokoladentrüffel, jeder für sich ein eigener Akzent. Gemeinsam bilden sie den leisen, doch nachhaltigen Schlusspunkt eines Menüs, das bis zum letzten Bissen zeigt, wie kunstvoll Genuss inszeniert sein kann.


Informationen:

www.osteriadeivespri.it

Fotos: Carola Faber

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