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Cantina Viva: Friauls Weinbau zwischen Tradition und Aufbruch

Die Ursprünge des Unternehmens reichen bis 1874 zurück. Heute führt Annalisa Zorzettig den Betrieb mit dem Anspruch, die Eigenheiten der friulanischen Weinlandschaft zu bewahren und zugleich neue Wege zu erschließen. Rebsorten wie Friulano, Schiopettino, Pignolo und Picolit stehen exemplarisch für die Vielfalt der Region. Mit der Cantina Viva erhält diese Philosophie nun einen architektonischen und inhaltlichen Mittelpunkt.

„Die Cantina Viva ist ein wichtiger Meilenstein in der Geschichte unserer Familie und unseres Unternehmens. Wir wollten nicht einfach eine neue Kellerei bauen, sondern einen Ort schaffen, der zeigt, wie wir arbeiten und wie wir Wein erleben. Einen Ort, an dem die Achtung vor dem Land und der Wunsch, uns jeden Tag weiterzuentwickeln, mit der Freude daran zusammenkommen, Menschen willkommen zu heißen und Zeit miteinander zu verbringen. Für uns bedeutet der Blick in die Zukunft, uns weiterzuentwickeln und gleichzeitig unserer Identität treu zu bleiben“, erklärt Annalisa Zorzettig.

Ein Neubau mit Blick auf die gewachsene Struktur

Die neue Kellerei entstand aus den Anforderungen des laufenden Betriebs. Kürzere Transportwege, besser aufeinander abgestimmte Produktionsschritte und zeitgemäße Arbeitsbedingungen standen im Mittelpunkt der Planung. Zugleich blieb die historische Substanz erhalten. Besonders wichtig ist der Barriquekeller, in dem ältere Jahrgänge lagern und die Entwicklung des Familienweinguts dokumentieren.

Für Zorzettig gehören gute Arbeitsbedingungen ebenso zur Qualität wie die sorgfältige Arbeit in den Weinbergen. Rund 120 Hektar Rebflächen verteilen sich auf mehrere Standorte der Colli Orientali del Friuli. Etwa 15 Hektar liegen in Ipplis, weitere 15 Hektar in Prepotto und rund 20 Hektar in Casali Pasch. Ungefähr 60 Hektar erstrecken sich über die Hügel zwischen Spessa und Cividale del Friuli. Hinzu kommen zehn Hektar Wald. Rund 15 Hektar sind mit über hundert Jahre alten Rebstöcken bepflanzt. Die Weinberge liegen auf Höhen zwischen 140 und 250 Metern.

Luciano Ferraro (Editor of Corriere della Serra), Annalisa Zorzettig und Francesco Lollobrigida(Minister für Landwirtschaft, Ernährungssouveränität und Forstwirtschaft). Foto: Carola Faber
Luciano Ferraro (Editor of Corriere della Serra), Annalisa Zorzettig und Francesco Lollobrigida(Minister für Landwirtschaft, Ernährungssouveränität und Forstwirtschaft). Foto: Carola Faber

Jährlich füllt das Unternehmen etwa 800.000 Flaschen ab, rund 28.000 davon unter dem Namen Myò. Der Exportanteil beträgt 55 Prozent, während 45 Prozent der Produktion auf dem italienischen Markt bleiben. Die neue Infrastruktur soll die Abläufe verbessern und zugleich Besuchern die Herkunft der Weine näherbringen.

Architektur, die Teil der Landschaft bleibt

Die Cantina Viva orientiert sich an den natürlichen Konturen des Hügels. Eisen, Glas, Holz und lokaler Sandstein verbinden moderne Gestaltung mit regionaler Baukultur. Die Landschaft ist dabei mehr als Kulisse: Böden, Klima und Topografie prägen die Arbeit im Weinberg und den Charakter der Weine.

Auch ökologische Aspekte flossen in das Konzept ein. Wärmedämmung, Maßnahmen zur Senkung des Energieverbrauchs und Systeme zur Wassergewinnung und -rückgewinnung sollen Ressourcen schonen. Ergänzend entstand eine kleine Obstwiese mit regionalen Apfel-, Birnen-, Kirsch- und Pflaumensorten. Sie schafft zusätzlichen Lebensraum und erinnert an die landwirtschaftliche Vielfalt der Region.

Wein erleben statt nur verkosten

Der Name Cantina Viva bedeutet „lebendiger Weinkeller“. Neben der Produktion soll die Kellerei deshalb ein Ort der Begegnung sein. Ein Rundgang führt von der Anlieferung der Trauben über die Vinifikation bis zur Reifung im Holzfass und in der Flasche. Eine Vinothek, Verkostungsräume, eine Terrasse sowie Bereiche für Besprechungen und Veranstaltungen ergänzen das Angebot.

Die neue Kellerei während der Eröffnung. Foto: Carola Faber
Die neue Kellerei während der Eröffnung. Foto: Carola Faber

Besucher sollen nicht nur Weine probieren, sondern auch die Menschen hinter den Etiketten und ihre Arbeit kennenlernen. Ein besonderer Platz ist dem Focolare gewidmet. In traditionellen Bauernhäusern Friauls bildete der Herd- und Feuerplatz den Mittelpunkt des Zusammenlebens. Hier wurde gekocht, gegessen und erzählt. Diese Tradition greift die Kellerei in zeitgemäßer Form auf.

Auch im Arbeitsalltag bleibt das gemeinsame Essen wichtig: Eine Küche ermöglicht den Mitarbeitern weiterhin das Mittagessen in der Gemeinschaft. Gastfreundschaft ist damit nicht allein ein Angebot für Besucher, sondern Teil der Unternehmenskultur.

Alte Jahrgänge als Gedächtnis des Hauses

Die Bibliothek mit historischen Flaschen und älteren Jahrgängen dokumentiert die Entwicklung des Weinguts. Sie erzählt von unterschiedlichen Ernten, veränderten Bedingungen und den Entscheidungen, die den Stil des Hauses geprägt haben.

Zur Eröffnung kamen Vertreter aus Politik, Kirche und Medien nach Spessa di Cividale. Unter ihnen waren Attilio Vuga, Bürgermeister von Cividale, Monsignore Livio Carlino, Erzpriester von Cividale, sowie Stefano Zannier, Regionalrat für Agrar- und Ernährungswirtschaft, Forstwirtschaft, Fischerei und Bergressourcen der Autonomen Region Friaul-Julisch Venetien.

Luciano Ferraro, stellvertretender Chefredakteur des Corriere della Sera, führte durch die Präsentation. Tommaso Cerno, Chefredakteur der Zeitung il Giornale, steuerte einen Redebeitrag bei. Auch Francesco Lollobrigida, Minister für Landwirtschaft, Ernährungssouveränität und Forstwirtschaft, würdigte das Projekt. „Wine is Life. Und dieses Weingut steht als ein Zeichen für die enorm hohe italienische Qualität“, kommentierte er bei der Eröffnung.

Zur Veranstaltung: Spezialitäten der Region werden gereicht. Foto: Carola Faber
Zur Veranstaltung: Spezialitäten der Region werden gereicht. Foto: Carola Faber

Neue Impulse für den Charakter der Weine

Seit 2026 arbeitet das Weingut mit dem Önologen Luca D’Attoma zusammen. Ziel ist es, die Besonderheiten der einzelnen Weinberge noch deutlicher herauszuarbeiten. Eine standortgerechte Bewirtschaftung, ausgewogenes Rebenwachstum und der Erhalt der Biodiversität bilden dafür die Grundlage. Im Keller soll der Ausbau die Eigenheiten der Trauben bewahren, statt sie einem einheitlichen Stil unterzuordnen.

Zwei Kollektionen stehen für diese Ausrichtung. Tenaci vermittelt einen zugänglichen Eindruck von Friaul und erzählt zugleich von der Ausdauer der Menschen, die das Land bewirtschaften. Myò bedeutet im Friulischen „mein“ und vereint Weine aus ausgewählten Weinbergen, die besonders eng mit der Identität des Hauses verbunden sind.

„Imperfect by choice“: Bewusst den eigenen Weg gehen

Gemeinsam mit Studio Idee Materia aus Teglio Veneto, geleitet von Antonio Dore, hat Zorzettig den Markenauftritt überarbeitet. Was mit der Linie Tenaci begann, wurde auf Myò und die Cantina Viva ausgeweitet.

Die Leitidee „imperfect by choice“ – „unvollkommen aus Überzeugung“ – steht für eine bewusste Absage an Gleichförmigkeit. Nicht jeder Wein muss einem starren Ideal entsprechen; vielmehr sollen individuelle Eigenschaften erkennbar bleiben. Bescheidenheit, Beharrlichkeit und die Bereitschaft zur Weiterentwicklung prägen diesen Ansatz, der sich in Texten, Bildern, Etiketten und digitalen Medien widerspiegelt.

Mit der Cantina Viva verbindet Annalisa Zorzettig die Geschichte ihres Familienbetriebs mit neuen Perspektiven. Die Kellerei steht für einen Weinbau, der seine Herkunft bewahrt und zugleich offen für Veränderungen bleibt. In den Colli Orientali del Friuli entsteht so ein Ort, an dem Weinproduktion, regionale Kultur und Gastfreundschaft zusammenfinden.

Fotos: Carola Faber

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