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Brünn: Verborgene Schätze und pulsierendes Leben

Musik erklingt zu einem drei Meter großen, kreisförmigen Lichtobjekts mit Spiegelwirkung. Wie eine Spirale entwickeln sich die Klänge, dringen in jeden Winkel der gigantischen unterirdischen Halle, scheinen an den mächtigen Betonpfeilern abzuprallen und sich einen neuen Weg durch die „unterirdische Kathedrale“ zu bahnen. Der Augenblick hat die Wirkung eines hypnotischen Sogs. 

„Das liegt an dem Echo in diesem Betonspeicher von 1917. Auch wenn es für das menschliche Ohr fast eine halbe Minute zu hören ist, haben Messungen in diesem ehemaligen Wassertank eine Dauer von 56 Sekunden ergeben“, berichtet Destination Managerin  Kristyna Mikešová. Die Lichtinstallation befindet sich in einem der drei Wasserbehälter, die einst mehr als hunderttausend Einwohner der Stadt Brünn mit Trinkwasser versorgten. Das Projekt WatertanksArt haucht den drei historischen Wasserspeicher unter einer unscheinbaren Rasenfläche in einem Park, nur wenige Gehminuten von der Burg Špilberk entfernt neues Leben ein. Wo einst Millionen Liter Wasser lagerten, füllen heute Klang, Licht und künstlerische Visionen die Hallen. Möglich macht das eine Kooperation von TIC BRNO mit renommierten Künstlern aus Tschechien und der ganzen Welt.

Besonders beeindruckend: der älteste Speicher von 1874, entworfen vom Londoner Ingenieur Thomas Docwry. Seine Architektur, geprägt von englischer Baukunst, wirkt wie aus einer anderen Welt. Massive Ziegelwände, gewölbte Decken und ein Spiel aus Licht und Schatten erzeugen einen fast endlosen Raum – ein perfektes Zusammenspiel aus Technik und Ästhetik. 1894 kam ein zweiter Speicher hinzu, damals die größte unterirdische Konstruktion Brünns. Heute sind beide Orte mehr als technische Denkmäler – sie sind Bühnen für das Unerwartete.

Bühne für das Unerwartete. Foto: Carola Faber
Bühne für das Unerwartete. Foto: Carola Faber

Hoch hinaus: Türme, Glocken und Geschichten

Im Zentrum der Stadt steht auf einem Hügel die Kathedrale St. Peter und Paul, deren Glocken eine Belagerung beendeten – dank einer List. Und ganz in der Nähe lockt der Krautmarkt, belebt von Händlern und umgeben von Legenden, barocker Architektur und einer modernen Uhr, aus der täglich um 11 Uhr eine Glaskugel fällt.

Die helle, weit aufragende St. Jakobs-Kirche gehört zu den wertvollsten Denkmäler der Spätgotik in Tschechien. Es lohnt unbedingt ein Besuch des monumentalen vierstöckigen Dachstuhls hoch über dem Kreuzgewölbe mit einer modernen audiovisuellen Lichtshow über die Geschichte von Brünn und der Kirche. Wer noch ein paar Meter höher in den Turm steigt, darf sogar die riesige Glocke zum Klingen bringen. Unter der Jakobskirche befindet sich Europas zweitgrößtes Beinhaus mit den Überresten von etwa 50.000 Toten.

Hoch über Brünn thront die Burg Špilberk – einst Europas gefürchtetstes Gefängnis, heute kulturelles Herz der Stadt. Vom böhmischen König im 13. Jahrhundert gegründet, später zur barocken Festung und Strafanstalt ausgebaut, erzählen ihre düsteren Kasematten noch immer von schweren Zeiten. Heute lockt sie mit Ausstellungen, Konzerten und Festivals – Geschichte zum Erleben.

Brünn lebt. In Szene-Cafés, in Bars mit regionalen Weinen sowie ausgefallenen Drinks und in der kreativen Energie einer Stadt, die sich ständig neu erfindet – und dabei ihren historischen Zauber bewahrt.

Verborgene Wunderwelt

Wer sich in den Mährischen Karst begibt, betritt eine Welt, die wie aus einem anderen Universum zu stammen scheint. Es ist das größte und wohl faszinierendste Karstgebiet Tschechiens – ein unterirdisches Labyrinth aus Höhlen, Tropfsteinen und mystischen Seen. Besonders eindrucksvoll: die Punkva-Höhlen in der Nähe von Brünn, ein Naturwunder, das jährlich Tausende Besucher in seinen Bann zieht.

In den Punkva-Höhlen in der Nähe von Brünn. Foto: Carola Faber
In den Punkva-Höhlen in der Nähe von Brünn. Foto: Carola Faber

Bei einem Rundgang durch die Höhle öffnet sich schon nach wenigen Minuten der Blick auf mächtige unterirdische Dome und geheimnisvolle Gänge, in denen sich kunstvolle Tropfsteinformationen in glasklaren Wasserflächen spiegeln. Die Akustik ist gedämpft, die Atmosphäre still – fast ehrfürchtig bewegt man sich durch dieses Naturtheater aus Kalk und Zeit.

Ein besonderes Highlight ist der Blick von einer Brücke. Dort thront – wie ein Wächter aus einer längst vergangenen Zeit – die Salm-Säule, der größte Stalagnat der Höhlen. Gleich daneben funkelt der sogenannte Spiegelsee, ein dunkles Gewässer, das seine eigene Geschichte zu erzählen scheint. In seinem ruhigen Wasser spiegeln sich filigrane Tropfsteingruppen mit poetischen Namen wie „Der umgedrehte Regenschirm“, „Zwei Eulen“, „Felsburg“ oder „Türkisches Minarett“. Gegenüber erkennt man typische Rinnkarren – steinerne Muster, geformt von Jahrtausenden tropfender Zeit.  

Die Tour führt weiter zu der tiefsten trockenen Stelle der Höhle. Nach einer langen Treppe erreicht man schließlich den imposanten Reichenbach-Dom. Dutzende Meter hoch erhebt sich dieser Raum, in dessen Wänden alte Hochwassermarken aus den Jahren 1914 und 1938 von dramatischen Naturgewalten erzählen. Schlote in der Decke ermöglichen geheimnisvolle Blicke ins Unbekannte. Weiter geht es durch den filigran dekorierten Stalagmitengang in den Hinteren Dom. Hier begegnet man Gebilden mit Namen wie Türkischer Friedhof oder Die Nadel, einem langgezogenen, fast schwebenden Stalaktiten.

Unterirdische Flussfahrt

Und dann – ein Moment, der vielen im Gedächtnis bleibt: Eine kleine eiserne Tür öffnet sich. Was dahinterliegt, wirkt wie eine Filmszene. „Zauberhaft, einfach magisch“, flüstern die Besucher unweigerlich. Tageslicht bricht durch das dichte Blätterdach eines gewaltigen Felsenschlundes, der fast 140 Meter in den Himmel ragt. Tief unten schimmert ein dunkler See – still, fast unheimlich.

Unterirdische Flussfahrt. Foto: Carola Faber
Unterirdische Flussfahrt. Foto: Carola Faber

Die Macocha-Schlucht, die größte ihrer Art Mitteleuropas. Einer Legende nach ist ihr Grund bodenlos – in Wahrheit endet sie rund 40 Meter unter der Wasseroberfläche. Nach einem Moment des Staunens geht es weiter – aber nicht zu Fuß. Am unterirdischen Fluss Punkva steigen die Besucher in kleine Boote. Die Stille wird nur vom leisen Plätschern des Wassers durchbrochen, während man gemächlich durch die beleuchteten Höhlenkammern gleitet. Tropfsteine funkeln im Licht, als wollten sie Geschichten flüstern. Geschichten von Erdgeschichte, Wasser, Stein – und Magie.


Informationen:

www.podzemibrno.cz

www.visitjakub.cz

www.punkevni.caves.cz

www.grandhotelbrno.cz

www.www.knvrestaurant.cz

www.www.gotobrno.cz

www.visitczechia.com/de

Fotos: Carola Faber

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