Jacek Boniecki ist ein wahrer Vollblut-Gastronom, der seit Jahrzehnten im Geschäft ist. Und mit seinem wunderbaren, vor drei Dekaden eröffneten Lokal Restauracja Wroclawska, dem „Breslauer Restaurant“, ist ihm ein kulinarischer Volltreffer gelungen. Und 2025 ist ihm zudem ein besonderer Coup gelungen: Das Wroclawska ist nun in die Riege der 22 von Michelin empfohlenen Restaurants der Hauptstadt Niederschlesiens und viertgrößten Stadt Polens aufgenommen.
Wenn man vom legendären Fechterbrunnen an der Universität stadteinwärts läuft, ist das Restaurant mit schönem Außenbereich schräg gegenüber der alten Rektoratskirche der Uni schwer zu übersehen. Und ein weiterer Umstand lockt vorab zur Universität: Dort arbeitet der Historiker Grzegorz Sobel, von dem gleich die Rede sein wird. Spezialisiert sind Jacek Boniecki, und sein Team um Küchenchef Piotr Slezakousi, auf die Küche Breslaus und Niederschlesiens vor 1945! Und bei der Zusammenstellung der imponierenden Speisekarte halfen zwei illustre Experten.
Zwei Küchenexperten
Da ist einmal Grzegorz Sobel, promovierter Historiker an der Uni Wroclaw, der sich über Jahrzehnte um die Rekonstruktion der kulturellen und kulinarischen Traditionen Breslaus verdient gemacht hat. Mindestens acht Bücher verfasste er zum Thema, rekonstruierte uralte historische Rezepte und verhalf so der originären Breslauer und schlesischen Küche zu einem fulminanten Revival, das u. a. Jacek Boniecki besorgte. Inspiration fand er vor allem in Sobels Werk „Kuchnia Wrocławia” (Die Küche von Wrocław).
Und da ist der Schriftsteller Marek Krajewski: gebürtiger Wroclawer, promovierter Altphilologe, Ex-Hochschullehrer und seit 2007 freier Krimi-Autor, der sich seit 1999 mit einer im Breslau der Vorkriegszeit spielenden Krimireihe auch in Deutschland einen Namen gemacht hat. Denn sechs seiner bisher neun Krimis um den Breslauer Kriminalrat Eberhard Mock wurden ins Deutsche übersetzt.
Mittlerweile lässt Krajewski weitere Protagonisten auch in weiteren Städten ermitteln. Im einst polnischen, heute ukrainischen Lwów (Lemberg) ist es Polizeikommissar Edward Popielski, in Gdańsk (Danzig) Oberkommissar Jarosław Pater. Aber Star ist weiterhin seine Erfindung Eberhard Mock, ein kleiner Tunichtgut, der nach Gusto auch mal mit dem lokalen Rotlichtmilieu anbandelt, Zechtouren und vor allem die historische Breslauer Küche leibt. Sein Stammlokal könnte, wie historische Fotos im Wroclawska nahelegen, durchaus hier gewesen sein. Auch historische Emaille-Schilder etwa zu einer einstigen Malzbierbrauerei sorgen für historisches Ambiente. Und natürlich wird hier Breslauer Bier, konkret aus der Craft-Beer-Brauerei Browar Stu Mostów ausgeschenkt.
Und natürlich geht auf der Speisekarte erst einmal vorab nichts ohne Schmalz. Und wer sich gar nicht erst den kulinarischen Genüssen, sondern gleich dem Trunk ergeben will, der kann mit Freunden direkt eine große Schale Schmalz mit schlesischem Roggenbrot, Gurken und 3-l-Humpen Bier ordern!
Besser ist indes der Start mit Breslauer Tatar: Hering in Form des „Häckerle“ zubereitet, mariniert in Zitrusfrüchten, mit Petersilie, Sauergurke, rote und weißer Zwiebel, Senf, Ei, saurem Rotkohl, Speckchips und Brot. Fulminant ist auch die Flusskrebssuppe mit Sellerie, Tomaten, Knoblauchbutter und Kräutercroutons.
Wahlweise geht natürlich auch Breslauer Bigos oder das Traditionshauptgericht schlechthin, „Schlesisches Himmelreich“: Schweinerücken, Speck, getrocknete Pflaume, Aprikose, Apfel, Nelken und dazu Breslauer (Schlesische) Klöße, die natürlich nur echt mit ihrer Einbuchtung sind.
Nicht nur Mock und Michelin hatten ihre Freude daran. Statt Bier kann man auch aus der großen Weinkarte wählen. Denn direkt gegenüber hat Jacek Boniecki auch den Weinladen „Wroclawski Kredens“ eröffnet, in dem Sommelier Damian Pazgrat ausschließlich schlesische Weine präsentiert. Überzeugen Sie sich direkt vor Ort vom neuen polnischen Weinwunder.
Zudem ist Jacek Boniecki auch ein Freund des Hochprozentigen. In den Kellerräumen des Wroclawska destilliert er Breslauer Schnäpse, allesamt mit 36 Prozent Alkoholgehalt. Und selbstverständlich sind sie im Lokal und außer Haus zu haben. Renner ist der berühmte Breslauer Kümmelschnaps, der in der Oderstadt schon seit 1762 hergestellt wird.
Zum Dessert dürfen es Schoko-Piroggen oder Breslauer Honigkuchen sein, ehe die Jahrhunderthalle (Hala Stulecia) nahe dem Zoo ruft.
Stilvoll dinieren im Terrassenrestaurant Tarasowa
Die 1913 erbaute Halle ist heute als Museum zu besuchen, es dient als Kongresszentrum und für Konzerte. Den Vorplatz dominiert die 90 Meter hohe „Iglica“ („Nadel“), ein Metall-Ungetüm, das 1948 nach Plänen von Ingenieur Stanislaw Hempel entstand.
Zudem lockt im historischen Vier-Kuppel-Pavillon das Museum für zeitgenössische Kunst, für das man zwei Stunden einplanen sollte. Linkerhand der Jahrhunderthalle verbirgt sich zudem einer der 30 Zentimeter hohen Breslauer Bronzezwerg in Gestalt des ein Buch zeigenden Marek Krajewski. Er weist dem Weg zum Terrassenrestaurant „Tarasowa“ der Jahrhunderthalle, wo man perfekt draußen mit Blick auf die Wasserspiele von 2009, die Pergola-Umrandung und den sich dahinter verbergenden Japanischen Garten hat.
Hier ist das Reich von Küchenchefin Katarzyna Daniłowicz, die mit ihrem Team 2025 sogar eine Bib Gourmand-Auszeichnung von Michelin erhielt. Man setzt rigoros auf lokale Produkte, etwa auch beim Forellenkaviar oder beim Rindfleisch. Und auch der Tradition fühlt sich das Tarasowa verpflichtet. Nach einem perfektem auf Tannenzweigen servierten Amuse-Gueule entscheiden wir uns für ein Gurken-Rhabarber-Entree, Rindstatar mit Pfifferlingen und Zanderfilet. Gourmets wählen hier in perfekt distinguierter Atmosphäre allemal das Degustationsmenü, das allerdings auch seinen Preis hat…
Informationen:
Visit Wroclaw (Breslau): www.visitwroclaw.eu/de
Touristische Organisation Niederschlesien: www.dolnyslask.travel
Polnisches Fremdenverkehrsamt: www.polen.travel/de
Restauracja Wroclawska: www.restauracja-wroclawska.eatbu.com/?lang=pl
Restauracja Tarasowa: www.restauracjatarasowa.pl
Korona Hotel: www.koronahotel.com.pl/de
Jahrhunderthalle: www.halastulecia.pl/de/fuer-besucher
Vier-Kuppel-Pavillon: www.mnwr.pl/en/category/branches/the-four-domes-pavilion
Fotos: Jürgen Sorges









