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Besuch einer Legende

Schon im Jahr 1590 konstatierte der Historiker Bonifacio in seiner „Historia Trevigiana“, dass “die Grafschaft Trevigi Wälder hat, die für viele Wälder und für die Jagd nützlich sind… Das Land produziert (…) sehr gute Weine und der beste ist der von der Montello Riviera”. Und die „Riviera“, das war und ist Venegazzù, denn hierher zog es schon früh die betuchtesten venezianischen Familien, um den besten Wein für die Lagunenstadt zu erzeugen. Lorenzo Palla muss bei der Anfahrt auf Volpago di Montello schmunzeln. Im 16. bis 18. Jahrhundert sei der Weinbau ein Riesengeschäft gewesen. Denn Dokumente der Zeit belegen, dass die Venezianer ihre Nasen gern tief ins Glas steckten. Sie tranken im Durchschnitt 30 Liter Wein – pro Monat!

Und die besten lieferte Venegazzù, wo wir erst einmal die grandios restaurierte Villa Spineda bewundern, 1753 für die Familie Spineda erbaut, dann von den Gasparini, schließlich von der berühmten, alteingesessenen Dogenfamilie Loredan übernommen. Zwischenzeitlich war hier auch der Textilriese Benetton der Besitzer. Heute gehört die Villa einer Bank. 

Als die Spineda kamen, suchte das zu den Hügeln von Treviso gehörende Gebiet des Montello noch nach neuen Einnahmequellen. Die riesigen Wälder des Montello waren größtenteils dem Bau der venezianischen Flotte zum Opfer gefallen. Doch wie sich zeigte, eigneten sich Tiefe und Fülle der eisenhaltigen Lehmböden besonders von Venegazzù perfekt für perfekte rote Weine. Hinzu profitierten sie von den guten Temperaturschwankungen der Hügellage und dem Einfluss der Voralpen im Rücken, die kalte Winde abhalten. 

Rebfläche bei Volpago di Montello. Foto: Jürgen Sorges
Rebfläche bei Volpago di Montello. Foto: Jürgen Sorges

Gleich hinter dem Prachtbau erstrecken sich dann die 80 Hektar landwirtschaftlicher Flächen und Weinberge der Azienda Agricola Loredan Gasparini. Hier zeigt uns Lorenzo Palla einen Weinberg mit bis zu 80 Jahre alten Rebstöcken, ausgezeichnet mit historischen Klonen, die es unbedingt zu bewahren gilt. Denn dies gehört zu den Werten der Familie Palla die heute das Gut führt. Giancarlo Palla hatte das historische Anwesen 1972 vom charismatischen Conte (Graf) Piero Loredan übernahm. Heute stehen ihm die Söhne Alberto und Lorenzo Palla zur Seite. 

Und für Lorenzo Palla steht fest: „Wir arbeiten im Einklang mit unserem Gebiet, weil wir wissen, dass es unser Erbe ist. Beim Wein fängt alles im Weinberg an, den es zu respektieren gilt, indem man so wenig wie möglich eingreift und die biologische Vielfalt des Montello bewahrt“, übrigens ein Gebiet, das schon 2016 zum UNESCO-Biosphärenreservat gekürt wurde. Und Biodiversität ist wichtig. Mit universitärer Hilfe, so Lorenzo Palla, untersuche man derzeit auch den Einfluss neuer invasiver Insektenarten im Gebiet. 

Das Weingut Loredan Gasparini ist heute weit mehr als „nur“ Venegazzù, wo die Trauben für grandiose Rotweine reifen. Hinzu kommt als sich ergänzendes Weingut das Anwesen Giavera del Montello, wo vor allem die autochthone Glera-Traube für den Prosecco wächst. Denn erst Vater Giancarlo Palla begann in den 1970er Jahren mit der Herstellung von Metodo Classico-Schaumweinen und dann des Prosecco, gehörte 1985 zu den Gründern des Konsortiums Asolo Montello mit der DOC-Qualifizierung und 2009 zu den Protagonisten, die die DOCG-Einführung für den Asolo Prosecco Superiore schafften. 

Im Fasskeller von Loredan-Gasparini. Foto: Jürgen Sorges
Im Fasskeller von Loredan-Gasparini. Foto: Jürgen Sorges

„Capo di Stato“

Gut gelaunt erklärt Lorenzo Palla, dass man sich irgendwann entschlossen habe alle Weine, die einmal mit ihrem Spitzenwein des Hauses, dem „Capo di Stato“, dem „Staatsoberhaupt“ zu den 100 besten weltweit gezählt wurden, durch probiere. Und man sei schon recht weit fortgeschritten. Eingeschenkt wird der Capo di Stato Montello Venegazzù Superiore DOC 2019, eine sensationelle Riserva und ein Vierzehnprozentiger der Extraklasse aus dem oberen, aber noch bezahlbaren Preissegment. 

Der „Capo di Stato“ geht ursprünglich auf den eingangs erwähnten Piero Loredan zurück. 1964 kam er auf die Idee, einen intensive, komplexen, raffinierten Rotwein aus den Rebsorten Cabernet Sauvignon, Merlot, Cabernet Franc und Malbec, die auf den ältesten Weinbergen des Gutes mit einzigartigen, nirgendwo mehr zu findenden Klonen gediehen. Dieses natürliche „Museum der Klone“ stellt also die Basis für das „Staatsoberhaupt“ dar. Benannt ist es zu Ehren von Frankreichs Präsident Charles de Gaulle, der von diesem Wein des Grafen Loredan extrem begeistert war. Zuvor hatte Loredan bereits französiche Rebsorten wie Malbec hier eingeführt, um seiner Bewunderung für die Bordeaux-Weine Ausdruck zu verleihen. Aber er wollte auch eine Riserva seines Hausweins, des Rosso di Venegazzù herstellen, den wir zuvor in Form des Montello Venegazzù della Casa DOC 2021 verkostet hatten.

Lorenzo Palla. Foto: Jürgen Sorges
Lorenzo Palla. Foto: Jürgen Sorges

Auch er ein superber extrem harmonischer Roter aus den vier obigen Sorten – und locker mit einer Lebenszeit von 20 Jahren ausgestattet. Diese übertrifft der hochelegante Capo di Stato locker. Schon 1967 verlieh ihm der Künstler Tono Zancanaro 1967 neue Etiketten: zwei Versionen, die die doppelte männliche und weibliche Seele der ‘Traube’ (weiblich), die zum ‘Wein’ (männlich) wird, versinnbildlichen. Vom „Sie“ (mit Rosen) und „Er“ (mit Bombe) ist heute nur „Er“ geblieben. 

Die Rosen-Madame wird nur zu bestimmten Editionen und Anlässen verwendet. Ein berühmter Loredan war siegreicher Admiral der venezianischen Kriegsflotte, drei Loredan Dogen von Venedig, u. a. Francesco, der 1755 Casanova in die berüchtigten Bleikammern sperrte, aus denn dieser wiederum spektakulär entkam. Aber Piero Loredan und in der Folge Giancarlo Palla haben mit dem Capo di Stato tatsächlich ein Vermächtnis geschaffen. 

Cuvée „Indigena“

Welche Klasse die Weine von Loredan Gasparini bzw. der Familie Palla besitzen, zeigt dann der Cuvée Indigena Asolo Prosecco Superiore Extra Brut DOCG 2023, dessen ausgewählte Glera-Trauben auf einem Weinberg von 1975 wachsen. „Indigena“ bedeutet in diesem Fall so viel wie „einheimisch“ und bezieht sich natürlich auf die lange Tradition der lange verkannten Glera-Traube in diesem Gebiet, die bis in die Römerzeit zurückreicht. 

Der Capo di Stato. Foto: Jürgen Sorges
Der Capo di Stato. Foto: Jürgen Sorges

Wir öffnen Flasche 721 von 9968 abgefüllten – ein Gedicht! Bei nur elf Prozent Alkoholgehalt entfaltet dieser Prosecco der Spitzenklasse sein volles Aroma auch dank spontaner, langsamer Gärung über acht Monate. Es werden nur einheimische Hefen verwendet und kein Zucker hinzugefügt! Beeindruckend dann auch die Perlage und die Cremigkeit dieses Schaumweins.

Index Bigot

Seit geraumer Zeit arbeitet Lorenzo Palla nach dem vom Agronomen (und Rugbyspieler) Giovanni Bigot ab 1998 eingeführten „Indice Bigot“. Diese Systematik des Weinbaus umfasst neun Parameter und deckt nahezu alle Fragestellungen vor allem rund um den Weinberg ab. Hinzu kommen Bigots weitere Erkenntnisse an der Universität Udine. Die Azienda Agricola Loredan Gasparini darf sich als wahres Aushängeschild und Botschafter aller Weine des Konsortiums Asolo Montello fühlen. 


Informationen:

Azienda Agricola Loredan Gasparini di Giancarlo Palla: www.loredangasparini.it/de

Gin, Wermut: www.distillerianegroni.com

Consorzio Vini Asolo Montello: www.asolomontello.it

Fotos: Jürgen Sorges

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