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Barbagia im Herzen Sardiniens: Masken, Murals und Mega-Küche

Museo delle Maschere Mediterranee

Mamoiada liegt 18 Kilometer südlich von Nuoro, es ist mit seinen 2426 Einwohnern ein Dorf geblieben. Sehr viel los ist hier lediglich zur Weinernte, denn Ohren gespitzt: hier kommt der beste Wein Sardiniens her. Wirklich turbulent wird es zum Karneval, wenn zum Auftakt am 16. und 17. Januar zur Festa di Sant´Antonio im Ort Freudenfeuer entfacht werden zur Austreibung des kalten Winters und die „Mamuthones“, furchteinflößende Mensch-Tier Gestalten mit schwarzen groben Masken in zotteligem Fell gekleidet mit Kuhglocken behangen, lärmend umherziehen. 200 dieser Maskenmänner tauchen zum Karneval wieder auf, sie werden von edlen Hirten in rotem Kostüm, den „Issohadores“, die mit Lassos bewaffnet sind, bedrängt, kontrolliert und gefangen. 

Heute endet der Karnevalsumzug damit, dass die gefangenen Mamuthones aus dem Ort geführt werden. Wunderbare Mamuthones, ihre Masken, Kostüme sind im sehr modernen Museo delle Maschere Mediterranee von Mamoida zu sehen. Schwerpunkt der Museumssammlung sind der Karneval der Barbagia, ergänzt durch Kostüme und Masken anderer Regionen Italiens und dank Schenkungen auch Europas. Eine ausgezeichnete Multimedia-Präsentation führt vor wie die Masken und Glocken angefertigt werden und ein historischer schwarz-weiß Film von Umzügen zeigt, wie Einzelne aus der Menge mit dem Lasso eingefangen werden (es beschert Glück!). Die Mamuthones-Tänzer-Performer durchleben im Ritual und mit ihnen die Dorf-Karnevalsgemeinschaft den Übergang von Tod-Ende-Angst-Schrecken-Vergangenheit zum Diesseits, Leben und Gegenwart.

Der Ort Orgosolo. Foto: Jürgen Sorges
Der Ort Orgosolo. Foto: Jürgen Sorges

Banditennest

Von Mamoida führt die Bundesstraße 22 durch die Berge zum 10km entfernten Bergdorf Orgosolo (4500 Einwohner) am Fuß des Monte Lisorgoni (978 Meter). Im 19. Jahrhundert im Zuge widerständiger Bewegung gegen Formen der Eroberung, z.B. staatliche Enteignung von Land, wurde Orgosolo kriminalisiert und als „Banditendorf“ markiert. Eine archaische Familienfehde (1903-1917) beherrschte das Leben, über 50 Menschen fielen der Blutrache zum Opfer. Gewalttaten insbesondere im Karneval flammten in den folgenden Jahrzehnten immer wieder auf, sie wurden medial ausgeschlachtet. In den 1930er Jahren Mussolini brandmarkte Orgosolo zum „Banditennest“, er verordnete ein radikales Karnevalsverbot. Es richtete sich nicht nur gegen den Karneval selbst, sondern auch gegen das Tragen von Masken. 

In Orgosolo herrschten archaische Gesetze, bittere Armut, die Bevölkerung litt unter willkürlichen Verhaftungen und systematischen Schikanen durch die Carabinieri schrieb der Ethnologe Franco Cagnetta 1954 in Inchiesta su Orgosolo (deutsch: Die Banditen von Orgosolo 1964). In den 1950er Jahren startete die Lehrerin und Schriftstellerin Maria Giacobbe eine europaweite Sachspendenkampagne für Kinder in Orgosolo. Vittorio De Setas Film „Banditi a Orgosolo“ (1961) thematisiert den Kampf der Dörfler zur Verteidigung der vom Staat enteigneten Ländereien. Als 1962 ein australisches Touristenehepaar in Orgosolo günstig Besitz erwarb, um sich niederzulassen wurde es ermordet. Dieser Fall passte nicht so recht in das Erklärungsschema von archaischen Gesetzen und Widerstand.

Mural in den Straßen des Ortes. Foto: Jürgen Sorges
Mural in den Straßen des Ortes. Foto: Jürgen Sorges

Als politisch-ökonomische Lösung für die prekäre Lage des Orts entschied die Regierung darauf einen NATO-Truppenübungsplatz auf dem Pratobello, dem angestammte Weideplatz des Dorfes zu implementieren. Dagegen etablierte sich geschlossener Widerstand der Dorfgemeinschaft: massive Straßenblockaden aller Zufahrtswege und Besetzung der Weidefläche führten 1969 zum Rückzug anrückender Panzer und Militärs. 

Im Umfeld der politischen Mobilisierung in Orgosolo malte die anarchistische Gruppe Dioniso aus Mailand 1968 das erste Wandbild als Ausdruck politischen Protests. 

Heute sind 200 Murals in den Straßenzügen zu sehen. Am Corso Repubblica ergriff Professor Francesco del Casino, der aus der damals “roten” Toskana – als die große Mehrheit kommunistische Partei wählte – kam, 1975 die Initiative zusammen mit Schülern Wandbilder zu malen. Anlass war zunächst den 30. Jahrestags des Partisanenkriegs, der zur Befreiung Italiens vom Faschismus führte, zu feiern. Casino kopierte bzw. übernahm das Kunstprojekt aus dem unbekannten sardischen Dorfs San Sperate nahe Cagliaris. Später gesellten sich weitere Künstler, Pasquale Buesca und Vincenzo Floris, hinzu. Doch viele der teils sehr lustigen politischen Botschaften und Kommentare stammen von Casino. 

Mural mit Darstellung der sozialen Gegenwart. Foto: Jürgen Sorges
Mural mit Darstellung der sozialen Gegenwart. Foto: Jürgen Sorges

Der Gattung gemäß sind die Wandbilder politische Kunst, in Technik und Stil variierend – von Naturalismus-Realismus zu Comic und Kubismus – kommen sie mal dokumentarisch, mal pamphletarisch, mal satirisch-ironisch daher. Schwerpunkt bilden die Darstellung der sozialen Gegenwart – Portraits der Dorfbevölkerung, Schäfer, Bergmann, Lehrerin – und der politischen Ereignisse in Italien: Der Prozess gegen Premier Giulio Andreotti wegen seiner Beziehung zur Mafia wird aufs Korn genommen. In der Via (Antonio) Gramsci wird dem großen Philosophen ein Denkmal gesetzt: ein kubistisch gehalten Porträt und ein Zitat: „Ich glaube, dass leben bedeutet, Partei zu ergreifen. Gleichgültigkeit ist Apathie, ist Parasitismus, ist Feigheit, ist das Gegenteil von Leben. Ich lebe, ich bin parteiisch. Deshalb hasse ich den, der nicht eingreift, ich hasse die Gleichgültigen.“ 

Mega-Küche im Experience Hotel „Su Gologone“  

Nach 25 Kilometern nahe des Städtchens Oliena erreichen wir inmitten mediterraner Vegetation und alten Korkeichenwäldern das wunderschöne Hotel „Su Gologone“, das seinen Namen der nahen Quelle verdankt. Es wartet mit einem Michelin-Restaurant großer Panoramaterrasse und einem Pool auf.  Dazu gibt es die Möglichkeit, sich im charmanten „Nido del Pane“ (Nest neben dem großen Brotofen), im Innenhof und auf der Terrazza dell’Orto (nahe beim Gemüsegarten) verwöhnen zu lassen. 

Ricotta-Eis mit Pinienkerntopping. Foto: Jürgen Sorges
Ricotta-Eis mit Pinienkerntopping. Foto: Jürgen Sorges

Im Ristorante tipico „Su Gologona“ fiel aus dem Reigen frischer Pasta die Wahl auf köstliche „Sardische Vollkornbreitbandnudeln mit Auberginen“. Serviert werden auch „Ravioli mit Fenchel“, oder „Gnocchi mit Wildschweinsoße“. Als Hauptgang gibt es klassisch „Spanferkel (mit kross gebratener Kruste)“, „Kalbfleisch am Spieß gebraten“, „Zicklein mit wildem Fenchel“, „Kalbsrollbraten mit Auberginenfüllung“ dazu wahlweise Beilagen: „Frische grüne Bohnen mit Kartoffeln“, „Zucchinisalat mit Pecorino“, „Frischer Gartensalat“. 

Alle Speisen sind erwartungsgemäß exzellent. Das gilt auch für die Desserts: „Myrthen-Eis“ oder „Ricotta-Eis mit Pinienkerntopping“ oder „Dolcini di mandorle“ (Mandel-Honig-Pralinen). Natürlich fehlt es nicht an einer Topauswahl sardischer Rot- und Weißweine. Zum krönenden Abschluss besuchen wir das Kunstatelier und die Handarbeitsstudio „Le Bottegne“ des Hotels: Schals und Tücher, Webarbeiten und Stickereien, Kissen, Möbel aus Holz und Metall in einem ganz eigenen Stil gefertigt mit Rückgriff auf sardische Traditionen und Farben können hier bewundert und erworben werden.

 

Informationen:

Sardegna Turismo (Sardinien-Tourismus): www.sardegnaturismo.it/de

Maskenmuseum Mamoiada: www.museomaschere.it/de 

Dorf Orgosolo: www.visitaorgosolo.it

Wandmalereien in Orgosolo: www.distrettoculturaledelnuorese.it 

Su Gologone Experience Hotel und Restaurant: www.sugologone.it/en

Restaurant: www.sugologone.it/en/typical-restaurant.html

Fotos: Jürgen Sorges

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