Vielleicht ist es Zufall. Vielleicht gehört es aber auch einfach zu Amersfoort. Wer durch die Stadt läuft, hat jedenfalls ziemlich schnell den Eindruck, dass hier womöglich die nettesten Menschen der Niederlande wohnen. Ein Lächeln hier, eine spontane Auskunft dort, ein freundlicher Hinweis, wenn man etwas sucht. Selbst für niederländische Verhältnisse, in denen unkomplizierte Offenheit ohnehin zum Alltag gehört, fällt die Herzlichkeit auf.
Und noch etwas fällt auf: erstaunlich wenige deutsche Stimmen. Während Amsterdam, Rotterdam oder das nahe gelegene Utrecht längst feste Größen auf der touristischen Landkarte sind, ist Amersfoort bei vielen Deutschen kaum bekannt. Eigentlich kaum zu verstehen. Denn nur wenige niederländische Städte verbinden ein so geschlossenes mittelalterliches Zentrum mit dem entspannten Gefühl einer ganz normalen, lebendigen Stadt. Kopfsteinpflaster, kleine Grachten, alte Backsteinhäuser und Stadttore stehen hier nicht hinter Absperrbändern. Sie gehören zum Alltag. Genau das macht den Reiz aus: Amersfoort wirkt historisch, ohne sich wie eine Museumskulisse anzufühlen.
Ein Stadttor wie aus dem Bilderbuch
Das stärkste Argument dafür steht am westlichen Rand der Altstadt: die sogenannte Koppelpoort. Mit ihren beiden wehrhaften Backsteintürmen, dem Torbogen und dem Wasser darunter sieht sie fast ein wenig zu perfekt aus, um echt zu sein. Dabei stammt sie aus dem späten Mittelalter. Um 1425 entstand sie als Teil der zweiten Stadtbefestigung; um 1450 war der neue Mauerring vollendet. Das Besondere: Die Koppelpoort ist eine Kombination aus Land- und Wassertor und in dieser Form einzigartig in den Niederlanden. Hier wurde nicht nur kontrolliert, wer die Stadt zu Fuß betreten durfte, sondern auch über das Wasser. Selbst das historische doppelte Tretwerk, mit dem das Tor geschlossen werden konnte, funktioniert noch heute. Von außen ist die Koppelpoort bereits spektakulär. Noch interessanter wird sie allerdings von innen. Teile des Tores sind nur im Rahmen einer Führung zugänglich.
Noch eindrucksvoller zeigt sich Amersfoorts Umgang mit seiner Vergangenheit in den Muurhuizen, den „Mauerhäusern“. Die Straße, an der sie liegen, beschreibt einen Ring um den ältesten Stadtkern und folgt ziemlich genau dem Verlauf der ersten Stadtmauer. Als Amersfoort im 14. Jahrhundert wirtschaftlich wuchs, wurde die alte Befestigung zu eng. Ab etwa 1380 entstand deshalb weiter außen eine neue Stadtmauer. Die erste wurde abgetragen, ihre Steine warf man jedoch nicht einfach weg. Ab etwa 1500 entstanden auf und entlang ihrer Fundamente neue Häuser, teilweise aus dem Material der alten Mauer, woraus sich der Name „Muurhuizen“ ableitet. Weil über Jahrhunderte hinweg gebaut und umgebaut wurde, gleicht hier kaum ein Haus dem anderen.
Amersfoort entdeckt man am besten zu Fuß
Geführte Rundgänge gibt es auch auf Deutsch. Vielleicht ist das ohnehin die beste Art, Amersfoort kennenzulernen: langsam, zu Fuß und mit jemandem, der die Geschichten hinter den Backsteinfassaden kennt. Und sollte man unterwegs einmal nicht weiterwissen, dürfte die Hilfe nicht weit sein. Schließlich wohnen hier – nach nur einem Tag in Amersfoort ist man davon überzeugt – vielleicht tatsächlich die nettesten Menschen der Niederlande.
Foto: Barbara Driessen/NBTC

