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Interview mit Martin Foradori Hofstätter („Lagenpapst“ von Südtirol)

KULINARIKER: Sie gelten als Lagenpionier in Südtirol. Wie kam es zur Lagenklassifizierung?

Martin Foradori Hofstätter: Ich möchte mir nicht alle Lorbeeren zuschreiben. Mein hartnäckiger Einsatz hat aber sicher wesentlich dazu beigetragen, dass wir heute eine solide Basis haben, mit der man vernünftig arbeiten und auf der man Zukünftiges aufbauen kann.

Über Jahre prägte ein Wirrwarr an geografischen und vermeintlich geografischen Bezeichnungen die Weinlandschaft in Südtirol. Es war höchste Zeit, hier Klarheit zu schaffen, denn es durfte nicht länger sein, dass Weine aus verstreut liegenden Weinbergen den Anschein einer eindeutigen geografischen Herkunft erweckten.

Warum ist Ihnen das so wichtig?

Natürlich kann ein Önologe einem Wein im Keller seinen Stempel aufdrücken – ich spreche in diesem Zusammenhang gerne von „Karajan-Weinen“, benannt nach dem großen Dirigenten. Doch unsere Weinberge – besonders solche aus denen Selektionen vinifiziert werden – besitzen eine unglaubliche Vielfalt und Eigenart, dass sie im Glas unverfälscht und unverwechselbar erlebbar bleiben sollten. Ihre Einzigartigkeit ist so unverwechselbar wie die unserer Dolomiten. Gerade deshalb bin ich überzeugt: Südtirol muss seine Alleinstellungsmerkmale klar herausstellen, anstatt im Strom der Beliebigkeit mitzuschwimmen oder sogar darin unterzugehen. Der Winzer muss sich entscheiden: entweder Spitzenwein mit einem Phantasienamen oder Spitzenwein mit einem klaren, unverwechselbaren geographischen Ursprung.

Wie haben die Winzer reagiert?

Es war ein notwendiger Schritt. Die Reaktionen waren gemischt: die einen sahen darin die Chance, das Profil ihrer Weine zu schärfen. Andere fühlten sich eingeschränkt – denn Lage bedeutet auch Verzicht, Regeln und Bürokratie.

Wie lang war der Weg?

Rund acht Jahre, von den ersten Schritten bis zur Genehmigung in Rom. Dazu kam die Vorbereitung: Altes Kartenmaterial musste digitalisiert werden, bevor die Arbeitsgruppen in den Weinbaudörfern ihre Arbeit aufnehmen konnten.

Südtirol zählt seit 2024 offiziell 86 Lagen. Wie verlief die Umsetzung?

Die Basis lieferte das Kartenmaterial aus der Zeit Maria Theresias von Österreich, in dem fast jede Parzelle einen Namen trug. Nach der Digitalisierung und Übergabe dieser Daten beziehungsweise des Kartenmaterials, konnten die Arbeitsgruppen in den Dörfern ihre besten Lagen bestimmen und ihnen maximal fünf Rebsorten zuordnen. Nach diesem Prozess begann der lange Genehmigungsprozess in Rom.

Was unterscheidet eine „Vigna“ von einer Lage?

Eine Lage kann Teile eines Dorfes oder einen Weiler desselben umfassen. Eine Vigna (Weinberg) bezeichnet eine einzelne Parzelle oder wenige zusammenhängende Parzellen, die in der Regel im Besitz einer Hand liegen. Ihre Namen stammen entweder aus der Tradition oder aus historischen Dokumenten wie dem Kataster Maria Theresias, so wie unsere „Vigna“-Weine.

Wesentlich ist: Eine „Vigna“ verkörpert stets den authentischen Ausdruck eines spezifischen Mikroterroirs. Mein Vater war es, der bereits 1987 als erster Winzer Südtirols die Klassifizierung „Vigna“ auf den Etiketten verwendete. Heute tragen alle unsere Einzellagenweine dieses Gütesiegel. Lange Zeit blieben wir damit allein, doch mittlerweile entdecken immer mehr Winzer den Wert dieser Bezeichnung und schließen sich unserem Weg an.

Wie viele Ihrer Weine sind klassifiziert?

Wir vinifizieren neun Weine aus besonderen Parzellen, alle als „Vigna“ klassifiziert. Darunter befinden sich auch Weine, die sich zusätzlich einer Lage zuordnen lassen – etwa die Pinot Noirs aus Mazon oder die Gewürztraminer aus Tramin-Söll. Ab Jahrgang 2024 tragen diese sogar eine doppelte Klassifizierung auf dem Etikett: „Vigna“ und Lage. Mehr Herkunft geht nicht!

Erwähnenswert ist auch, dass jede unserer „Vigna“ mit nur einer Rebsorte assoziiert ist: immer diejenige, von der wir überzeugt sind, dass sie in dem spezifischen Weinberg die qualitativ hochwertigsten Früchte trägt.

Wo liegen Ihre Rebflächen?

Unser Weingut liegt mitten in Tramin. Unsere sechs Güter mit ihren Weinbergen verteilen sich auf beide Seiten des Flusses Etsch. Zwischen Osten und Westen sind es in Luftlinie nur dreieinhalb Kilometer, doch Mikroklimata, Böden und Sonneneinstrahlung unterscheiden sich massiv. Daraus ergibt sich unser Rebsortenspiegel: im kühleren Osten etwa Pinot Noir, im wärmeren Westen Gewürztraminer.

Und außerhalb Südtirols?

2014 habe ich mir meinen Traum vom Rieslinggut an der Saar erfüllt – in den Lagen Bockstein (Ockfen) und Filzen.

2017 kam ein Gut im südlichen Trentino hinzu: Maso Michei bei Ala, bis auf 850 Meter Höhe gelegen. Das ist wortwörtlich Bergweinbau.

Welche Chancen bieten Lagen und „Vigna”?

Südtirol ist ein kleines Gebiet. Wir müssen nicht mit den großen Weinregionen der Welt konkurrieren. Unsere Chance liegt darin, unseren Weinen mehr Profil zu geben: nicht „ein Pinot unter vielen“, sondern ein Pinot aus einem unverwechselbaren Gebiet.

Unsere „Vigna“-Weine sind dabei die Spitze des Eisbergs – der Ursprungsgedanke in Reinform. Wer es zu kompliziert findet, muss sich damit nicht befassen. Wichtig ist, dass „Südtirol“ oder „Alto Adige“ positiv in Erinnerung bleibt. Manche Kritiker sind überzeugt, dass der Endverbraucher dies ohnehin nie verstehen wird. Vielleicht. Aber wenn wir die Gastronomie und Hotellerie Südtirols als starke Verbündete gewinnen, stehen uns tausende Botschafter zur Seite – und sie haben die Chance, den zig Millionen Gästen, die in Südtirol verweilen, jährlich die Einzigartigkeit unseres Gebietes und unserer Weine unmittelbar erlebbar zu machen.

Haben Sie eine Lieblingslage?

Schwer zu sagen, bei unserer Vielfalt an Gütern und Weinbergen. Aber meine Liebe zum Burgund und Pinot Noir macht die Lage Mazon mit dem Gut Barthenau zu einem besonderen Favoriten.

Und der Gewürztraminer?

Eine Hassliebe, die sich immer mehr zur Liebe entwickelt. Früher war er barocker und kräftiger. Heute sind unsere Gewürztraminer filigraner, säurebetonter, mit Trinkfluss und Eleganz. Den Babyspeck haben wir ihm definitiv abtrainiert.

Ihre Vision?

Die Lagenklassifizierung war ein erster, überfälliger Schritt – ich habe ihn aktiv mitgetragen, auch wenn er von Kompromissen geprägt war. Lieber fünf Rebsorten pro Lage als gar keine Ordnung. Aber nun ist es an der Zeit, das Profil zu schärfen: Eine Lage darf nicht länger für Beliebigkeit stehen. Meine Vision ist klar: eine Lage, eine Rebsorte. Nur so wird Südtirol unverwechselbar. In Mazon haben wir gezeigt, wie es geht: Wer dort andere Sorten pflanzen möchte, mag das tun – doch der Name Mazon gehört einzig dem Pinot Noir. Das ist Konsequenz. Die Chancen, dass sich das durchsetzt, stehen allerdings bei null – denn in Südtirol fährt man lieber Slalom, als klare Kante zu zeigen.

Foto: Peter Bender

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