Seit einiger Zeit dürfen die Produzenten im Chianti-Classico-Gebiet ihren ausschließlich von einzigartigen Parzellen stammenden Gran Selezione-Weinen eine Ortsbezeichnung hinzufügen. Im Falle von Ricasolis Castello di Brolio ist dies „Gaiole“, repräsentativ für die Gemeinde Gaiole in Chianti, in der sich das Landgut befindet. Und natürlich hat, wer etwa „Gaiole“, Castellina in Chianti oder Radda in Chianti auf seinen Etiketten vermerkt, einen weiteren kleinen Aufmerksamkeitsvorteil gegenüber der allgegenwärtigen Konkurrenz. Doch im Falle Ricasoli wäre dies gar nicht nötig. Längst steht der bis zu Karl dem Großen und gar in die Langobardenzeit zurückreichende Adelsname für allerhöchste Qualität.
Das Flaggschiff
Allein schon das erste Aushängeschild und Flaggschiff, der Ricasoli, der derzeitige Marktjahrgang des Ricasoli Castello di Brolio Chianti Classico DOCG Gran Selezione Gaiole 2021, ist ein wahres Gedicht (und Dauerfavorit des Autors dieser Zeilen). Nach 22 Monate in Tonneaux (davon 30 Prozent neue!) gelangte der Ende September 2021 auf den Weinhängen direkt am Kastell geerntete reine Sangiovese im Februar 2024 in die Flasche. Und dann hagelte es Punkte: 97 von James Suckling und WinesCritic, 96 vom Decanter, 95 vom Wine Advocate (Robert Parker).
Das Terroir für diesen Wein besteht vornehmlich aus drei geologischen Formationen: Macigno del Chianti (Arenarie), Scaglia Toscana (Galestro) sowie Monte Morello (Alberese). Insgesamt haben die Wissenschaftler in den letzten drei Jahrzehnten fünf geologische Hauptformationen entdeckt. Zu diesen dreien gesellen sich noch zwei: Depositi marini, marine Ablagerungen in 300 bis 350 Metern Höhe, wie sie auf dem Weinberg Roncicone zu finden sind, und der Grund eines frühzeitlichen Flussbettes aus dem Pleistozän, heute in 260 bis 300 Metern Höhe zu finden. Insgesamt aber wurden bei der kompletten Neuzonierung und Neuparzellierung der Weinberge gleich 19 verschiedene Bodenarten identifiziert, auf dem nun die besonders gehegten einzigartigen Sangiovese-Klone von Brolio gedeihen, die bis weit ins 19. Jahrhundert zurückverfolgbar sind.
Drei Weltstars dazu…
Fast eine Generation nach dieser Herkulesarbeit darf nun gefeiert werden. Denn gleich drei weitere Gran Selezione von Ricasoli sind so entstanden. Da wäre erst einmal der aktuelle Favorit, der Ricasoli Roncicone Chianti Classico DOCG Gran Selezione Gaiole 2021 (22 Monate in 500-l-Tonneaux, 30 Prozent neue, 70 Prozent zweite Passage), der erst kürzlich die renommierte Chianti Classico Trophy des Falstaff-Magazins gewann. WinesCritic zückte prompt 98 Punkte, Robert Parker eine „97+“, der Wine Spectator und James Suckling 96 Punkte.
Auf Rang Vier der gleichen Veranstaltung rangiert hingegen der Ricasoli Colledilà Chianti Classico DOCG Gran Selezione Gaiole 2021, dem indes Weinkritik-Star, Luca Gardini, Jahrgang 1981 und als „Wine Killer“ berühmt, mal eben satte 98 Punkte verpasste. Wine Spectator und WinesCritic vergaben 97, Robert Parker „96+“ Punkte. Beinahe unwirklich dann, dass mit dem CeniPrimo Chianti Classico DOCG Gran Selezione Gaiole 2021 noch eine vierte Sangiovese-Auslese des Hauses reüssierte. Der CeniPrimo erhielt gleich dreimal 96 Punkte und hat ebenfalls seine exklusiven Liebhaber.
Neueröffnete Limonaia
All diese Weine können nun bei einer exklusiven Degustation oder bei Teilnahme an eiern Masterclass in der 2025 nach höchst gelungener Restaurierung wiedereröffneten, dank großer Fenster und Spiegle lichtdurchfluteten Limonaia des Gutes verkostet werden. Und Baron Ricasoli weist natürlich auch darauf hin, dass eine solche „Zitronerie“ samt in großen Terrakotta-Kübeln gedeihender Zitronen- und Orangenbäumchen eine Erfindung des toskanischen Landadels war. Die Medici übernahmen die Idee, Caterina de` Medici brachte sie mit nach Paris, von wo sie alsbald als „Orangerie“ ihren Siegeszug an den Höfen Europas antrat. Perfekt wäre heute eine Vorort-Visite samt Klasseweine-Masterclass mit anschließendem Mittagessen in der Osteria di Brolio. Allerdings müsste man dafür auch ordentlich in die Tasche greifen (170 €). Günstiger ist das vom Chef zusammengestellte Viergänge-Menü samt Aperitif und vier Ricasoli-Weinen (80 Euro).
Casalferro: der fünfte Musketier
Sparfüchse könnten dazu die Besichtigung des Schlosses samt Grablege von Bettino Ricasoli und Sammlung des „eisernen Barons“ angehen (7 €), der zweimal Italiens Premierminister und Erfinder der berühmten Chianti-Classico-Weinformel war. Dann aber würden sie die Besichtigung der Gärten und Weinberge und vor allem des einzigartigen Fasslagers der Cantina verpassen.
Und mit Sicherheit auch den Genuss des fünften Musketiers: War schon die Erstedition des Ricasoli Casalferro IGT Toscana 2019, eines reinen Merlot, ein voller Erfolg, der zu Jubel hinriss, so errang der neue Ricasoli Casalferro 2020 direkt 96 Punkte beim Wine Spectator! Verpassen könnte man auch die Edition des Ricasoli „Historia Familiae“ IGT Toscana 2021, eines reinen Cabernet Sauvignon, der James Suckling prompt 97 und Robert Parker 96 Punkte wert war. Und auch der Vin Santo des Hauses rangiert in diesen Höhen.
Gleiches gilt für das Olivenöl. Auch die neuen Jahrgänge 2022 und 2023 reüssieren – trotz schwierigerer Bedingungen (zu feucht und zu heiß bzw. zu trocken). Und so präsentierte sich Baron Francesco Ricasoli höchst aufgeräumt bei der Präsentation etwa der sehr guten Riserva 2022 und des großartigen Castello di Brolio Chianti Classico DOCG Gran Selezione Gaiole 2022, der bei einer Erstbewertung von Wines Critic gleich 94 Punkte erhielt.
Ideal ist es, Besuch, Degustation und Essen im Castello di Brolio auch die Übernachtung anzuschließen. Hierfür stehen die Villa Agresto, inmitten der Weinberge die Capanna di Citerno und direkt am Schloss der Brolio Agriturismo (4 Zimmer) über dem berühmten Café Eroica zur Verfügung, wo jährlich das Traditionsradrennen Eroica über die Schotterpisten, die berühmten Strade bianche des Chianti startet.
Informationen:
Ricasoli 1141/Castello di Brolio: www.ricasoli.com
Osteria di Brolio: www.ricasoli.com/osteria
Wine Shop: www.eshop.ricasoli.com/de/wine-club
Übernachten: www.ricasoli.com/agriturismo-ricasoli
Fotos: Ricasoli/Castello di Brolio, Jürgen Sorges

