„Klein“ fällt diese Vertikale nur deshalb aus, weil wir es angesichts der hochsommerlichen Temperaturen schon fast für ein Sakrileg halten, mehr als drei Flaschen dieses Topweins öffnen zu lassen. Nach dem Besuch des Fasslagers, der Barricaia, mit ihren schier unendlichen Reihen an Tonneaux- und Barrique-Fässern aus französischer Eiche gelangen wir aber erst einmal in den herrlichen einstigen Klostergarten, der heute mit einer Vielzahl von Kräuterpflanzen imponiert und dem hoch über uns aufragenden Monte Baldo als Europas Hort der Biodiversität alle Ehre macht. Auch eine gepflegte Rosenzucht ist zu bewundern. Unter dem Wappen der Guerrieri Gonzaga geht es dann in einem Vorraum des Allerheiligsten der Tenuta San Leonardo – der „Schatzkammer“.
Die vierte Edition der „Arte a San Leonardo“ 2026
Seit 2023 legen Marchese Anselmo Guerrieri Gonzaga und Gattin Ilaria Tronchetti Provera jährlich eine Spezialedition des San Leonardo IGT Vigneti delle Dolomiti mit einem limitierten Umfang von 999 Flachen auf, die von einem zeitgenössischen Künstler oder einer Künstlerin gestaltet wird. Kuratiert wird das Projekt von Giovanna Amadasi. Die 2026er Ausgabe für den San Leonardo IGT Vigneti delle Dolomiti 2021 steht unter dem Motto „Spiritelli (di Terra e Vegetazione)“, geschaffen von der italienischen Künstlerin Chiara Camoni (geboren 1974). Camoni, die in Fabbiano in den Apuanischen Alpen der toskanischen Versilia lebt, beschäftigt sich hauptsächlich mit Zeichnungen, vegetalen Drucken Videos und Bildhauerei und stellte schon in London, Bordeaux, Straßburg und Mailand aus. Ihre Werke sind in zahlreichen europäischen Museen vertreten. Auch für die kleinen aber feine Ausstellung und das Flaschenetikett der Spezialedition griff sie für ihre „Geisterchen (der Erde und der Vegetation)“ griff sie auf diese Stilmittel zurück. Ihre Arbeit besteht aus drei Vegetationsdrucken auf Seide, die im Juni 2025 in Gemeinschaftsarbeit mit Mitarbeitern der Tenuta entstanden, sowie zwei Skulpturen aus Böttgersteinzeug, gemischt mit Elementen, die von der Erde der Tenuta San Leonardo stammen. Das stilvolle Weinetikett entstand schließlich aus einem der drei Seidendrucke und zeigt eine anthropomorphe Figur aus Blüten, Blättern und Beeren/Trauben – ein „Geisterchen“!
Da Vincis Weinabfüller im Gutsmuseum
Wer San Leonardo besucht, kann übrigens auch die fünf Werke der limitierten Edition für den San Leonardo IGT Vigneti delle Dolomiti 2020. Sie entstanden 2025 und sind passenderweise im schon 1975 von Marchese (Markgraf) Carlo Guerrieri Gonzaga gegründeten Gutsmuseum ausgestellt, wo Handwerkszeug und Utensilien 300 Jahre Weinbau auf San Leonardo dokumentieren. Denn tatsächlich stöberte die in Stockholm geborene Linda Fregni Nagler, die im Millenniumjahr 2000 ihr Studium an Italiens berühmtester Hochschule der schönen Künste, der Accademia di Brera in Mailand abschloss, erfolgreich in diesem Museum der perfekt restaurierten Sammelsurien! So entstanden ihre „Erinnerungen an zuverlässige Dinge“ aus fünf entdeckten, kaum dechiffrierbaren Objekten, denen sie dank fotografischer (Schwarzweiß-Negative) und künstlerisch zeichnerischer Bearbeitung eine neue, fast mythische Ausstrahlung verlieh. Darunter befindet sich auch ein von Leonardo da Vinci entwickelter gläserner „tappo colmatore“, der von Linda Fregni Nagler und ihrem Team um Marta Rizzato und Tobia Faverio perfekt künstlerisch verfremdet wurde. Bei diesem „Colmatore“ handelt es sich um einen Weinabfüller bzw. Nachfüll-Verschluss, der einst während der Fermentierung des Weins eingesetzt wurde.
Archiv, „Library“ und Private Collection zugleich
Nach diesem künstlerischen Höhepunkt geht es dann treppab in die Schatzkammer, von Markgraf Anselmo Guerrieri Gonzaga perfekt gestaltet und eine Schatzkammer wie ein Hort der Stille zugleich. Hier lagern, fein aufgereiht, die Jahrgänge des Grand Vin San Leonardo IGT Vigneti delle Dolomiti, der seit 1982 produziert wird. Alljährlich wird ein kleiner Teil der Produktion dieses Weins hierher verlagert, um in Ruhe weiter zu reifen. Allerdings erst, wenn sie bereits einen gewissen Höhepunkt ihrer sowieso außerordentlichen Qualität erreicht haben. Und dies ist zwanzig Jahre nach der Ernte. So entstand ein auch optisch wie architektonisch und inhaltlich unvergessliches Archiv dieses Spitzenweins, das man auch Privatkollektion nennen oder als „Library“, Vinothek bezeichnen könnte.
San Leonardo IGT Vigneti delle Dolomiti 2020!
Dann geht es zur Vertikale in die Büroräume Anselmo Guerrieri Gonzagas, wo wir nach Bewunderung des Weinetiketts des Jahrgangs 2021 Platz nehmen. Entschieden hat sich der Marchese für den hochprämierten Jubeljahrgang 2020, seinen Lieblingsjahrgang 2011 sowie für den Millenniumsjahrgang 2000! Zum 2020er Jahrgang führt Anselmo Guerrieri Gonzaga aus: „Der 2020er Jahrgang ist dazu bestimmt, in der Geschichte des Weingutes als eine der feinsten und fesselndsten Ausprägungen in Erinnerung zu bleiben. Dieser Jahrgang unterstreicht die Essenz der Philosophie von San Leonardo: ein Wein, der Raffinesse und Langlebigkeit verkörpert, der in der Lage ist, heute zu emotionalisieren und in den kommenden Jahren mit seiner großen Entwicklungskapazität zu überraschen.“ Und natürlich steht dieser Jahrgang perfekt für den Wahlspruch des Hauses: „La terra e anima del nostro mestiere“ („Die Erde ist die Seele unserer Tätigkeit!“).
Dabei besitzt dieser „Twenty-Twenty“ aus Cabernet-Sauvignon (60 Prozent), Merlot (10 Prozent) und Carmenère (30 Prozent) – eine Überraschung – nur 12,5 Prozent Alkoholgehalt, ein nie erreichter Wert seit 1983! Damals hatte hier der unbestrittene Weinguru jener Zeit, der Önologe Giacomo Tacchis (1933 – 2016) das Zepter in der Hand. Als Erfinder des ersten Supertuscans (Supertoskaner) Sassicaia (dazu auch Solaia und Tignanello) gilt der später Hochgeehrte heute als Vater der Renaissance der italienischen Weinkultur im 20. Jahrhundert. Aber, so Anselmo Guerrieri Gonzaga, Tachis sei ein Star und Maestro im Weinkeller gewesen, seine Kenntnisse im Weinberg waren hingegen weniger ausgeprägt. Mit dem Wechsel zu Carlo Ferrini um das Jahr 2000 änderte sich dies. Denn schließlich ist Ferrini neben seiner Tätigkeit in der Cantina auch promovierter Agronom. Heraus kommen so Weine in seinem Stil, mit Finesse und vor allem Eleganz, Eleganz, Eleganz. Paradebeispiel ist dieser 2020er San Leonardo IGT Vigneti delle Dolomiti als einer der ausdruckstärksten, delikatesten und faszinierendsten Jahrgänge des Hauses.
2011: Top! Top! Top! Und mit Kirsche
Und er steht schon jetzt für die außergewöhnliche Langlebigkeit (mindestens bis 2045!), die alle San Leonardo IGT Vigneti delle Dolomiti auszeichnen. Ein erster Beweis ist der Lieblingsjahrgang von Anselmo Guerrieri Gonzaga, der 2011er Vigneti delle Dolomiti. Er trumpft mit einer gewissen Note von Kirsche auf, was Anselmo Guerrieri Gonzaga besonders gefällt, weil er ansonsten Kirschen eher nicht mag. Hier im Wein indes schon! Und dieser nun fünfzehn Jahre alte Wein zeigt eindrücklich, welches Potential die Jahrgänge des Grand Vin von San Leonardo besitzen. Und mit 130 € pro 0,75-l-Flasche ist er im Online-Shop von San Leonardo nur unwesentlich teurer als der 2020er (ca. 95 Euro).
2000: Vollstes Aroma
Ein Peak Point, mithin ein Höhepunkt von Reife und Geschmack des Grand Vin etwa nach zehn Jahren Lagerung, lässt sich schwer ausmachen. Dies beweist schließlich auf fulminante Weise der San Leonardo IGT Vigneti delle Dolomite 2000. Tatsächlich besaß dieser herausragende Wein nach zehn Jahre tatsächlich einen Höhepunkt der Entwicklung, doch auch nach zwanzig Jahren überzeugt er fulminant durch seine Fruchtigkeit. Für diesen erlesenen, nun 26 Jahre alten Wein sollte man dann aber auch 230 € für eine 0,75-l-Flasche übrig haben (ab Shop der Tenuta San Leonardo). Fazit: Eleganz, Eleganz, Eleganz – dies zeichnet die San Leonardo-Weine von Carlo Ferrini aus und führt sie zur Weltklasse.
Informationen:
Tenuta San Leonardo: www.sanleonardo.it/en
Azienda per il Turismo Rovereto e Vallagarina: www.visitrovereto.it/de
Fotos: Tenuta San Leonardo, Ellen Spielmann

