Lifestyle

Flüssiges Glas und Fingerspitzengefühl

Wer nach Colle di Val d’Elsa reist, begegnet einer Stadt, die ihr Licht seit Generationen aus Kristall gewinnt. Hinter unscheinbaren Fassaden arbeiten bis heute Kunsthandwerker an jener feinen Tradition, die den Ort weltweit bekannt machte. Bereits seit 1331 gibt es dort Glasbläsereien. Zur Hochzeit waren es sogar 30 Betriebe. In der Werkstatt Collevilca von Giampiero Brogi wird heute noch aus flüssigem Glas ein präzises Schauspiel aus Hitze, Konzentration und Erfahrung. 

Es herrscht eine eigentümliche Atmosphäre: Die Luft ist heiß, das rhythmische Klirren der Werkzeuge erfüllt den Raum, und dennoch wirkt alles beinahe meditativ. Zwischen glühenden Öfen und flüssigem Glas bewegen sich die Handwerker mit ruhiger Präzision, jeder Griff sitzt, jede Bewegung scheint Teil einer eingespielten Choreografie zu sein. Trotz der Hitze und der ständigen Aktivität liegt eine gespannte Stille in der Luft – als würde sich hier Zeit für einen Moment verlangsamen.

Glasverarbeitung ikn der Werkstatt Collevilca von Giampiero Brogi. Foto: Carola Faber
Glasverarbeitung ikn der Werkstatt Collevilca von Giampiero Brogi. Foto: Carola Faber

Mit sicheren Bewegungen werden dort filigrane Objekte geformt, während beim anschließenden Kaltschliff jede Kante ihren charakteristischen Glanz erhält. Es ist sehr warm, laut, ruhig und trotzdem immer in Bewegung. „Der Umgang mit dem Glas bereitet mir viel Freude. Ich liebe meinen Beruf – vielleicht auch eine wenig, weil er so ungeöhnlich ist“, bestätigt Marius Michis, der dort schon seit mehr als drei Jahrzehnten arbeitet.  

Das Kristallmuseum der Stadt öffnet anschließend den Blick auf die Geschichte hinter diesem Handwerk. Zwischen historischen Maschinen, alten Skizzen und kostbaren Arbeiten erzählt es vom Aufstieg einer Industrie, die Colle di Val d’Elsa geprägt hat wie kaum etwas anderes. Hier verbindet sich toskanische Handwerkskunst mit industrieller Eleganz – leise, authentisch und voller Strahlkraft. 

Die Welt aus Farben, Glasuren und Formen

Seit Jahrhunderten prägt Keramik das Leben der kleinen toskanischen Stadt Montelupo Fiorentino – nicht als folkloristische Erinnerung, sondern als lebendige Kunstform zwischen Tradition und Experiment. Schon beim Betreten der Werkstätten liegt der Duft von Ton, Farbe und gebranntem Material in der Luft, begleitet vom rhythmischen Klang der Drehscheiben. 

Bei Terrecotte Corradini e Rina entstehen Objekte, die Handwerk und Design mit überraschender Leichtigkeit verschmelzen lassen. Jede Oberfläche erzählt von Fingerspitzengefühl, von der Geduld des Formens und dem Respekt vor traditionellen Techniken.

Keramikerin Chantal Majorri. Foto: Carola Faber
Keramikerin Chantal Majorri. Foto: Carola Faber

Der Showroom von Ceramiche IMA wirkt wie ein Panorama toskanischer Keramikkultur: klassische Dekore neben zeitgenössischen Entwürfen, filigrane Alltagsobjekte neben expressiven Kunststücken. Die Vielfalt macht sichtbar, wie sehr sich Montelupo immer wieder neu erfunden hat, ohne seine Wurzeln zu verlieren.

Toskanische Keramikkultur im Wandel

Ein besonders eindrucksvoller Ort ist das umfangreiche Archivio Bitossi. Zwischen historischen Entwurfsskizzen, Mustern und alten Produktionsunterlagen entfaltet sich die Designgeschichte einer ganzen Region. Hier wird deutlich, wie eng Handwerk, Kunst und industrielle Entwicklung miteinander verbunden waren – und wie stark italienisches Design bis heute von dieser Tradition geprägt ist.

Dass Keramik in Montelupo keine Vergangenheit, sondern Zukunft bedeutet, zeigt schließlich die Scuola di Ceramica di Montelupo. In den Ateliers experimentieren Schüler in verschiedenen Kursen mit Farben und erleben zugleich moderne 3D-Drucktechnologien, die neue Wege des keramischen Arbeitens eröffnen. Zwischen digitalen Verfahren und jahrhundertealten Techniken entsteht hier ein faszinierender Dialog der Zeiten. Montelupo Fiorentino beweist damit eindrucksvoll, dass echtes Handwerk niemals stillsteht – sondern sich mit jeder Generation neu formt.


Informationen:

www.visittuscany.com

Fotos: Carola Faber

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