Etwa alle sechs Wochen verändert sich das Menü, als würde jemand ein neues Kapitel aufschlagen. Es sind ungewöhnliche Kombinationen, die überraschen – und doch stimmig wirken. „Ungewöhnliche Kombinationen machen mir viel Spaß“, sagt Küchenchef Randy de Jong, dessen Handschrift weltoffene Aromen mit regionaler Produktqualität vereint. Die Zutaten stammen vornehmlich von Lieferanten aus der Umgebung, die Saison gibt den Takt vor.
De Jong, der zuvor unter anderem im Drei-Sterne-Restaurant La Vie kochte, verbindet handwerkliche Präzision mit spielerischer Leichtigkeit. Seine Gerichte erzählen von Heimat und Ferne zugleich – mal filigran und subtil, mal mit spannungsreicher Aromatik.
Zwischen urbanem Charme und historischem Gemäuer
Den Rahmen für dieses kulinarische Erlebnis schafft die markante Industrie-Architektur des Hauses. Drinnen prägen freiliegende Backsteinwände, hohe Sprossenfenster und ein massiver großer Holztisch das Loft-Ambiente. Comic-Kunst an den Wänden setzt augenzwinkernde Akzente.
Gastgeberin Thayarni Garthoff sorgt mit Professionalität und Herzlichkeit für eine Atmosphäre, die gleichermaßen stilvoll wie ungezwungen ist. Vom Fachmagazin Rolling Pin als Maître des Jahres ausgezeichnet, versteht sie es, Service als verbindendes Element zwischen Küche und Gast zu inszenieren.
So entsteht im Kesselhaus eine kreative Kulinarik, die weit über den Teller hinausreicht: eine Küche voller Finesse – und ein Ort, an dem Genuss im Loft ein Zuhause gefunden hat.
Fein und klar
Nach einem spannungsreichen, vielversprechenden Auftakt der Amuse Bouche hebt der erste Gang leise an: Stinte, fein und klar im Geschmack. Gurke und Staudensellerie bringen kühle Frische, Yuzu setzt einen hellen, zitrischen Akzent – ein Auftakt, der wach macht und Neugierde weckt.
Kreative Weltküche zeigt sich im Thunfisch von klarer Textur und kühler Eleganz. Schwarzwurzel bringt erdige Tiefe, Mandarine setzt helle, fast spielerische Akzente – ein spannungsreiches Zusammenspiel von Kraft und Frische. Im Glas dazu der 2017 „Geheimrat J“ Riesling trocken vom Weingüter Geheimrat J. Wegeler: gereift, konzentriert, mit Noten von Honigwabe, Grapefruit und Minze. Saftig und mineralisch trägt der gereifte Wein das Gericht mit feiner, harmonischer Länge.
Skrei, zart und von nordischer Klarheit, trifft auf eine überraschende Begleitung: Banane und Rucola. So entsteht ein Spiel aus zarter Süße, würziger Schärfe und maritimer Frische, das neugierig macht und lange nachklingt. „Das Geschmacksprofil der Banane mit ihrer Süße und Karamellnoten hat mich faszinier,“ erklärt der Aromenzauberer Randy de Jong. Auch bei der Weinbegleitung überzeugt Thayarni Garthoff mit ihrem ausgeprägten Gespür für Harmonie. Sie wählt einen Austrain Eagle Grüner Veltliner 2022 vom Weingut Schloss Halbturn. Sanft schimmernd, mit Noten von gelbem Apfel und feiner Würze, zeigt er sich saftig, animierend und mit dezentem Schmelz – ein trinkfreudiger Partner, der Frucht und Frische des Gerichts elegant aufgreift.
Karamellige Erdigkeit
Für die Speise „Gelbe Bete, Steckrüben, Kümmel“ gart die Gelbe Bete zwei Stunden im Salzteig, gewinnt Tiefe und eine fast karamellige Erdigkeit. Dazu ein fein abgeschmeckter Steckrübeneintopf mit Kümmel, Schnittlauch und leuchtendem Petersilienöl – bodenständig und doch überraschend präzise komponiert. Exquisit dazu der Wein, ein 2022 Unteröwisheimer Kirchberg Weißburgunder trocken vom Weingut Klumpp: gelbe Früchte, Mirabelle, ein Hauch Melone, dazu nussige Nuancen und frische Birne. Kraftvoll, mineralisch und mit feinem Schmelz begleitet er das Gericht mit eleganter Länge.
Kalbsbäckchen, sanft gegart, zeigen sich butterweich und doch voller Tiefe. Der leicht angegrillte Salat setzt herbe Frische, frittierter Knoblauch steuert knusprige Würze bei, das kraftvoll reduzierte Rotweinjus bündelt alles zu dunkler, aromatischer Dichte. Ein Teller, der Wärme und Charakter ausstrahlt. Zu dieser Komposition wird ein 2023 Crozes-Hermitage AOC von Maison Les Alexandrins serviert. Der fruchtbetonte Syrah mit Noten von schwarzer Pflaume, Kirsche und Brombeere ist von etwas Lakritze und süßer Würze unterlegt. Weiches Tannin und elegante Struktur ergänzen geben dem Gericht so eine saftige, harmonische Begleitung.
Ein Hauptgang mit Klasse
Iberico Presa, das saftige Schulterstück, zeigt als Hauptgang seine ganze Klasse: kraftvoll im Biss, zart im Kern. Dazu Röllchen vom Wirsing, knusprige Wirsingchips und eine glänzende Jus, die Tiefe schenkt. Ein Hauch Ananas setzt einen überraschend frischen Kontrapunkt, die Saucenbrioche nimmt die Aromen genussvoll auf – herzhaft, vielschichtig, mit feiner Balance zwischen Süße und Würze. Der Seddon Single Vineyard Pinot Noir 2018 von Villa Maria Estate duftet nach Kirschen, Himbeeren und dunklen Pflaumen, begleitet von Veilchen und zarter Rauchigkeit. Saftige Säure, seidige Tannine und ein Hauch Schokolade aus französischer Eiche verleihen dem weichen Wein Eleganz und Tiefe. Ein Pinot von beeindruckender Frische, der Frucht und Würze des Gerichts perfekt trägt.
Beim folgenden Gericht zeigt Mimolette seine ganze Ausdruckskraft: als knuspriger Chip, als luftige Creme, als aromatischer Widerpart zu Apfel in Chutney und Kompott. Chicorée bringt herbe Frische ins Spiel, eine feine Tartelette sorgt für Struktur. Weißer Weinessig mit Karamell setzt einen pointierten Akzent – süß, säuerlich, nussig. Ein überraschender Käsegang.
Sinnlicher Schlusspunkt
Vor den Petits Fours setzt eine Schokoladenmousse aus Jivara 40 % den sinnlichen Schlusspunkt. Blutorange bringt vibrierende Frische, schwarzer Sesam im Trio nussige Tiefe und feine Röstaromen. Süße, Säure und herbe Noten greifen präzise ineinander – ein Dessert mit Charakter und eleganter Spannung. Der Perelada Cava Stars Rosé Brut 2022 von Perelada begleitet mit Noten von roter Johannisbeere, Himbeere und Apfel, dazu ein Hauch Florales. Klar, elegant und mit langem Nachhall unterstreicht er die Frucht und setzt einen prickelnden, festlichen Akzent.
Ein gelungenes Finale eines exzellenten Menüs: verspielt, harmonisch und mit einem prickelnden Moment, der noch lange nachklingt.
Informationen:
Fotos: Carola Faber










