El Terreno blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Schon im 19. Jahrhundert zog es das wohlhabende Bürgertum an diesen besonderen Ort zwischen Paseo Marítimo und Bellver – als sommerlichen Rückzugsort mit Meer, Grün und dem Flair der beginnenden mondänen Welt Palmas. In seiner Blütezeit zwischen den 1950er- und 1970er-Jahren zog das Viertel Prominente wie Alain Delon, Grace Kelly und Marlene Dietrich an, die hier auf einen Drink und ein amouröses Abenteuer vorbeikamen.
Doch dann hielt der Massentourismus Einzug – und es folgten Jahrzehnte, in denen der Glanz verblasste. Noch vor wenigen Jahren galt El Terreno eher als Problemzone denn als begehrte Wohnadresse. Heute erlebt der Bezirk eine neue Aufwertung: Häuser werden saniert, neue Gastronomie entsteht, Investoren entdecken die Lage und Immobilienpreise und Mieten steigen.
Hinter dem Terreno Barrio steht mit der Familie Piñero eine der etablierten Größen der mallorquinischen Hotellerie. Das im Juni dieses Jahres eröffnete Haus an der Avinguda Joan Miró versteht sich ausdrücklich als Teil seines Umfelds. „Das Viertel ist Teil von Terreno, Terreno ist Teil des Viertels“ lautet die Botschaft.
Natürliche Herzlichkeit
General Manager Nabil Aguilera spricht von einem „Commitment“ gegenüber Gästen und Nachbarn. Die Idee: Nicht das Hotel soll in einem bestehenden Viertel stehen, sondern das Hotel selbst soll einen Teil des Viertels bilden. „Unsere Türen stehen der ganzen Nachbarschaft weit offen. Die Anwohner sind die eigentlichen Protagonisten dieses Ortes“, betont der smarte Hotelchef, dessen junges Team mit natürlicher Herzlichkeit und spürbarer Aufmerksamkeit für eine besondere Atmosphäre sorgt.
Das Anwesen erstreckt sich über zwei Gebäude: ein umgebautes, denkmalgeschütztes Gebäude aus den 1930er-Jahren, das an die bohemische Vergangenheit El Terrenos anknüpft, und einen modernen Neubau, der nach Passivhaus-Kriterien entwickelt wurde. Sie sind durch einen Fußgängerdurchgang miteinander verbunden – ein Durchgang, der zugleich die Verbindung zwischen Hotel und Nachbarschaft herstellen soll.
Die Architekten Jaime Oliver und Paloma Hernaiz vom in Palma ansässigen Büro Ohlab entwickelten den Masterplan für das Hotel mit seinen 41 individuell gestalteten Zimmern und Suiten, die historische Elemente mit zeitgenössischem Design und ausgewählter Kunst vereinen. Ein Fitnessbereich, Spa, Kino und Dachpool runden das Angebot ab.
Vorhang aus mallorquinischer Schafwolle
Das Architekten-Duo legte besonderen Wert darauf, die ursprüngliche Bausubstanz aus dem Jahr 1935 zu erhalten. Auf einen Abriss zu verzichten, lässt sich schließlich als eine Form der Nachhaltigkeit verstehen. Der hellgrau gesprenkelte Terrazzo in den Bädern und öffentlichen Bereichen birgt ein Stück Geschichte: Er wurde aus dem Bauschutt der Black Cat gefertigt, Palmas ältester Gay-Diskothek, die auf dem benachbarten Grundstück jahrzehntelang ein Zentrum der queeren Szene war. Der Schutt wurde gemahlen, gegossen und poliert – und damit in die Architektur des neuen Hotels integriert.
Der Neubau wiederum erhielt eine Fassade aus vertikalen Holzlamellen, die sich automatisch öffnen und schließen: Im Winter lassen sie Sonnenlicht ins Gebäude, im Sommer halten sie die Hitze ab. Die Nordseite des Hauses ist mit einer natürlichen Korkschicht verkleidet, die als zusätzliche Dämmschicht wirkt und dazu beiträgt, das Raumklima im Inneren zu regulieren.
Mallorquinische Künstler, Kunsthandwerker und Designer gestalteten das Terreno Barrio mit besonderem Augenmerk auf einen bewussten Umgang mit Materialien. Die französisch-kolumbianische Künstlerin Sylvia Sánchez Montoya wiederum fertigte aus nicht mehr benötigter mallorquinischer Schafwolle einen schweren Vorhang, der die Arbeitsbereiche des Restaurants verhüllt.
Mallorquinische Küche, weltoffen interpretiert
Der Tag beginnt mit einem Frühstück, das erfreulich wenig mit dem üblichen Hotelbuffet gemein hat. Statt sich selbst zu bedienen, bestellt man am Tisch – von Toasts und Sandwiches bis zu saisonalem Obst, Eiern nach Wunsch und wechselnden Süßspeisen. Besonders mallorquinisch geben sich der lauwarme Sobrasada-Toast mit Johannisbrotsirup und das Sandwich im Llonguet-Brot mit lokaler Wurst.
Am Abend schlägt das Restaurant „Destape“ einen deutlich ambitionierteren Ton an. Es versteht sich nicht als abgeschotteter Hotelbereich, sondern als Teil des öffentlichen Lebens von El Terreno. In der Küche steht der Brasilianer Gabriel Conti, der zwei Kilometer entfernt in Palmas Marktviertel Santa Catalina auch das Bistro Mombo führt. Er verbindet mallorquinische Tradition mit zeitgenössischer Kreativität und setzt konsequent auf Produkte aus der Region wie Tomaten aus Algaida, Olivenöl von Son Moragues oder Fisch vom Markt in Palma. Thunfisch-Tatar mit Ajoblanco und knuspriges Spanferkel mit frischen Kräutern eröffnen das Menü, gefolgt von Rinderfilet mit getrüffeltem Parmentier und Gänselebercreme oder gegrillter Aubergine mit Mahón-Käsemousse.
Der Cap Roig, eine auf den Balearen sehr geschätzte Rotbarben-/Drachenkopf-Fischart, wird bewusst sehr puristisch zubereitet und kommt über offenem Feuer auf den Grill. Viel mehr braucht der charaktervolle Fisch nicht: Die reduzierte Zubereitung rückt sein festes, aromatisches Fleisch in den Mittelpunkt. Beim süßen Finale stachen das Pistazien-Dessert mit Creme aus weißer Schokolade und Joghurt mit Orangenblütenwasser oder Apfel-Sabayón mit Cointreau und Vanilleeis.
Hotel mit offenen Türen
Wer El Terreno vom Wasser aus erleben möchte, steigt einfach ins Boot: Über die Kooperation mit Beewi geht es nicht nur zum gleichnamigen Restaurant und Beachclub in Puerto Portals, sondern hinaus zu den Strandbars oder Strandrestaurants der mallorquinischen Küste. Ein Ausflug, der das Konzept des Hotels konsequent weiterdenkt – das Viertel als Ausgangspunkt, die Insel als Erweiterung.
Das Terreno Barrio gibt eine überzeugende Antwort auf die Frage, ob ein Hotel ein über einen längeren Zeitraum vernachlässigtes Viertel beleben kann, ohne dessen gewachsene Identität zu verdrängen: mit offenen Türen, lokalen Produkten und dem Anspruch, ein Teil des Stadtteils El Terreno zu sein. Das Konzept des noch sehr jungen Hotels wirkt bereits erstaunlich stimmig – nicht zuletzt, weil es seine Nachbarschaft nicht nur als Kulisse begreift, sondern sichtbar in den eigenen Alltag integriert.
Informationen:
Fotos: Terreno Barrio, Christian Euler

