Am Eingang steht ein Herr in schwarzer Uniform, um die Schultern trägt er einen roten Umhang. Seinen Kopf ziert ein ganz besonderer Hut. Ein traditioneller „Bowler Hat“, hierzulande als „Melone“ bekannt, wie ihn etwa viele Londoner Banker bis in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts trugen. Offensichtlich ein Türsteher. Erwartet man eher vor einem exklusiven Club als vor einem Restaurant. Aber das „Veeraswamy“ in der Regent Street, im Herzen von London, ist nun mal eine ganz besondere Adresse.
Kleiderordnung! Altmodisch?
1926 eröffnet, ist es das älteste indische Lokal der britischen Hauptstadt. Und eines der besten, 2017 erstmals mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet. Die renommierte Zeitschrift „National Geographic“ kürte es unlängst sogar zum besten indischen Restaurant der Welt. Aus gutem Grund. Erlesene Speisen von höchster Qualität. Makelloser Service. Beeindruckendes Ambiente. Hier fühlt sich der Gast wie ein Maharadscha.
Darf man hier einfach so hereinspazieren? Nicht ganz. Sondern nur, sofern man reserviert hat. Über zehn Jahre alt ist. Und die Kleiderordnung einhält. Trainingshosen, zerrissene oder abgetragene Jeans und Flip-Flops sind nicht gestattet. Altmodisch? Anmaßend? Keineswegs. Die Regeln dienen dazu, den Gästen einfach nur einen angenehmen und ungestörten Aufenthalt ermöglichen. Und dem hohen Niveau des Lokals gerecht zu werden.
Drinnen, im ersten Stock, erwartet einen die opulente Pracht des alten Indiens. Gleich mehrere, unterschiedlich gestaltete Räume gibt es, auch für geschäftliche und private Feiern. Alles farbenfroh und festlich, aber zugleich elegant, stilvoll und gediegen. Keine Spur von Kitsch. Blickt man aus dem Fenster, zeigt sich eine völlig andere Welt. Das moderne Zentrum von London, die Regent Street in ihrer ganzen Geschäftigkeit.
Mulligatawny-Suppe
Auch an diesem Werktag ist das Restaurant sehr gut besucht. Die Wartezeiten sind dennoch kurz, dafür sorgt der hervorragend geschulte, sehr aufmerksame Service. Und schon bringt ein zuvorkommender Mitarbeiter die Speisekarte. Er empfiehlt einen Klassiker des Hauses, der seit 1926 serviert wird. Mulligatawny-Suppe. Zubereitet nach einem Original-Rezept des ersten Küchenchefs. Mit Reis, Linsen, Zitrone, Pfeffer, grünen Äpfeln und Schnittlauch. Säure, Süße und Schärfe sind perfekt ausbalanciert. Hier gerät eine gewöhnliche Suppe zu einem kulinarischen Gedicht.
Mulligatawny ist eigentlich ein englisch-indische Erfindung aus der Kolonialzeit, deren Wurzeln im tiefen Süden des Subkontinents liegen sollen, in der heutigen Provinz Tamil-Nadu. Aus dem Nordwesten hingegen, aus Rajasthan, stammt „Raj Kachori“. Ein großes, knuspriges Puri, also in Öl gebackenes Fladenbrot aus Weizenmehl, gefüllt mit Joghurt und diversen Chutneys, verziert mit Granatäpfeln und Kräutern. Ein Feuerwerk aller möglichen Aromen, das nahezu jedem Gaumen große Freude bereiten dürfte. Auch als Snack geeignet, weswegen es hier, passend zur Location, als „Regent Street Food“ bezeichnet ist. Findet man sicherlich nicht in jedem indischen Lokal. „Beyond the usual“, verspricht zu Recht so die Speisekarte.
Die kulinarische Vielfalt des Subkontinents ist gewaltig, aber „Veeraswamy“ schafft es, einen guten Überblick zu bieten. Dabei gelingt der Küche der Spagat zwischen Tradition und Moderne. Sie ist zeitlos, klassisch und wird auch dem 21. Jahrhundert gerecht. Mit frischen, hervorragenden Produkten aus Großbritannien, verfeinert mit indischen Gewürzen bester Qualität.
Kerala Style Pulao
So wie die „Goan Duck Vindaloo“. Eine Entenbrust, langsam gegrillt mit den typischen Vindaloo-Gewürzen aus dem heutigen Bundesstaat Goa, unter anderem Zimt, Kardamom und schwarzem Pfeffer, ferner Knoblauch und Zwiebeln. Zart, aromatisch und durchgegart, ganz nach indischer Tradition. Die Schärfe fällt unerwartet moderat aus, was wohl daran liegt, dass im Westen „Vindaloo“ zu Unrecht mit „extrem scharf“ gleichgesetzt wird.
Ebenso beeindruckend das Garnelen-Curry mit Kokosnuss, Mango, rotem Chili und Ingwer. Oder das „Banjara Chicken Tikka“, benannt nach einem nomadischen Volksstamm aus Nord-Indien. Mit Ingwer, geröstetem Zimt, Stern-Anis, Minze, Koriander, und Chili. Dazu „Kerala Style Pulao“ aus dem tiefen Süden Indiens. Reis mit Zitronensaft und Cashew-Nüssen, garniert mit frischer, geriebener Kokos-Nuss. Ferner köstliches warmes und selbst gebackenes Naan. Mit frischen grünen Kräutern und grünen Chili. Sowie Papadam, aus Mais, Reis und Kartoffeln. Begleitet von diversen Dips, unter anderem aus Tomate, Chili und eingelegten Mangos.
Das hohe Niveau setzt sich bei den Getränken fort. Erlesene Weine. Hochinteressante Cocktails. Aus ganz besonderen Spirituosen. Etwa der „Citrus Burst“ mit „Whitley Neill“ Gin, von der nahe gelegenen „City of London Distillery“. Mit Blättern der Kaffir-Limette, Yuzu und Orange.
Die Desserts sind ebenfalls nicht von der Stange. So wie das „Kala Jaam“, eine Spezialität aus Bengalen. Diesen Krapfen mit Hüttenkäse und Sirup begleitet salziges Karamell-Eis, was zu einem köstlichen Kontrast aus süß und salzig führt.
Als Absacker einmal nicht der obligatorische Espresso. Schließlich zählt Indien zu den führenden Tee-Nationen auf dem Globus. Also einen Darjeeling, der als „Champagner“ unter den Tees gilt. Hier ein Symphony First Flush von der Plantage „Gopaldhara Garden“. Kein Beutel in einer Tasse, sondern eine ganze Kanne mit frisch aufgebrühten Blättern. Goldgelb die Farbe, das Aroma, typisch für First Flush, frisch und floral. Es ist die erste Ernte des Jahres, meistens von Ende Februar bis April.
Der Tee stammt von einer der höchstgelegenen Plantagen in Darjeeling. Die Region selbst liegt am Rand des Himalaya-Gebirges, zwischen Bhutan und Nepal. Das einzigartige Klima, geprägt durch die Höhenlage und die steilen Hänge, sorgt dafür, dass die Teeblätter hier ein ganz besonderes Aroma entwickeln. Kommerziell wird hier Tee seit 1856 angebaut.
So endet ein rundum gelungener Abend mit außergewöhnlichem Essen und perfektem Service, an den man noch lange gerne zurück erinnern wird. Am Ausgang wünscht der freundliche Türsteher einen guten Heimweg. Übrigens lässt er auch Kinder unter 10 Jahren rein. Zum Mittagessen. Sie müssen nur das sechste Lebensjahr erreicht haben.
Informationen:
Fotos: Veeraswamy, Fritz Hermann Köser

