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Latin American Artists: From 1785 to Now

Das repräsentative Coffee-Table-Book hat es in sich, insofern es durch essentielle, aktuelle und breit gefächerte Blickwinkel junger und erfahrener Kuratoren, Kunstkritiker kanonisierte und nicht kanonisierte Künstler in einen Schaukasten stellt und mit Verve ihre Schlüsselwerke in Bild und Text Lesern und Betrachtern sehr nahe bringt.

Der von der New York Times zum Besten Buch des Jahres 2023 gekürte Bildband zeigt selbstverständlich Kunst-Ikonen wie die mexikanische Malerin Frida Kahlo, die 2021 mit dem Verkauf des Selbstbildnisses „Diego und ich“ (1949) beim Aktionshaus Sotheby´s für die Rekordsumme von 30,7 Millionen Euros ihren Ehemann, den Wandmaler Diego Rivera, bisheriger Rekordhalter unter lateinamerikanischen Künstlern auf dem Kunstmarkt, in den Schatten stellte. Bemerkenswert ist die Entscheidung, Kahlo im Bildband mit ihrem enigmatischen „Selbstbildnis an der Grenze zwischen Mexiko und USA“ (1932) auftreten zu lassen und damit die auch aktuell virulenten Fragen um Nation, Identität, sowie die konfliktive Beziehung Mexiko-USA zu thematisieren. 

Im doppelgleisigen Herangehen der Verleger, das historische und gegenwartsbezogen Schlaglichter setzt, gelingt es die gewichtigen und innovativen ästhetischen, politischen und intellektuellen Beiträge lateinamerikanischer Künstler im internationalen Kontext fulminant vor Augen zu führen. Das betrifft etwa die Ideen und Antworten, die Vertreter der lateinamerikanischen Avantgardebewegung, der Haitianer Wifredo Lam, der gebürtige Uruguayer Joaquín Torres-García, die Kubanerin Amelia Peláez, der Chilene Roberto Matta, die Mexikanerin Maria Izquierda und die Brasilianerin Tarsila do Amaral. 

Dank enger Zusammenarbeit und fruchtbarem Austausch im beratenden Expertengremium von 68 Personen verschiedener Couleur – unter ihnen Vertreter des Kunstmarkts wie Sotheby´s, kapitalkräftige Sammler, namhafte Museumdirektoren, Kuratoren, Mitglieder alternativer Künstlergruppen, sowie Kritiker und Schriftsteller – wird der enge Horizont eines Europafixierten, nationalen, regionalen Kunstverständnisses aufgebrochen, der kreativen Vielfalt und Vitalität lateinamerikanischen künstlerischen Schaffens im Mainstream der globalen Kunstszenen das ihr gebührendes Gewicht und Raum zu geben.

Im Bildband sind alle Kunstsparten vertreten: von Fotografie etwa Tina Modottis ikonisch-mexikanisches „Kaktusstillleben“ (1925), Sebastião Salgados gigantisches Amazonasbild vom Cauaburi-Fluss im indigenen Stammesgebiet der Ianomami (2018), Manuel Alvarez Bravos´ poetischer Blick auf die Stadt-Land Gegensätze im Portrait „Tochter der Tänzer“ (1933) bis zu regional-lokaler Volkskunst, indigenem Kunsthandwerk und traditionellen Techniken am Beispiel von textilem Design, z.B. „Die kleine Hexe (1962-63) nach Motiven indigener Gemeinschaften der Nazca-Wari Region, eine Hommage der chilenischen Dichterin und Sängerin Violeta Parra an die Ur-Einwohner Chiles. Neben klassischen Bronzeskulpturen des Costa Rikaners Francisco Zuñiga, der mit „Sitzende Yucateca“ (1967) eine indigene Göttin darstellt, findet sich Doris Salcedos „soziale Skulptur“:  In der Skulturenserie „Das Haus der Witwe“ (1992-95) verarbeitet die kolumbianische Künstlerin mit Holz, Beton und Metall traumatische Erfahrungen von Vertreibung, Tod und Gewalt kolumbianischer Familien im 50 Jahre währenden Bürgerkrieg. 

Großes Gewicht legen die Herausgeber auf die Genre Installationen, Performances, die nicht erst heute die künstlerische Szene bestimmen. Die kubanische Künstlerin Tania Bruguera, die auch auf der Documenta 2022 in Kassel vertreten war, wartet mit vielschichtigen, bissig-sarkastischen Kommentaren zu Kubas großen Krisen, der gescheiterten Revolution und Dekonstruktion der Heldenfiguren Fidel Castro und Che Guevara auf. Leser lernen die Königin der abstrakten Malerei, die amerikanisch-kubanische Malerin Carmen Herrara (1915-2022) kennen. Sie ist eine Vorläuferin von Op Art und Minimalismus, wurde aber erst in den 1990er Jahren international anerkannt.  

Künstlertalente aus kleinen Ländern wie der guatemaltekische Naufus Ramírez-Figueroa sind mit ihren Performances zu entdecken, seine Hommage an tropische Agrikultur, die den erzählerischen Titel“ trägt: „Für dich reift die Banane nur mit dem Gewicht deiner süßen Liebe“ (2015). Und welcher Nicht-Experte kennt schon den Begriff Latina/Latina/Latinx, der ursprünglich US-Amerikaner lateinamerikanischer Herkunft bezeichnete und zum Kampfbegriff für Künstlerinnen wie Coco Fusco wurde, die mit Performances vor mehr als 30 Jahren, den westliche kolonialen Blick dekonstruierte.  

Roberto Burle Marx, der brasilianische Landschaftsarchitekt, Stadtplaner, Erbauer Brasílias an der Seite Oscar Niemeyers und Lucio Costas, ist ein Vorläufer der Ökobewegung. Er ist im Band mit einer abstrakten stilisierten Malerei (1991) vertreten, die auf biometrischen Elementen basiert und eine vibrierend breite Farbpalette verwendet. Das schöne Coffee-Table-Book besticht durch die starke Präsenz von Künstlerinnen, hier wird mit leichter Hand das Mantra-Versprechen ohne Quotenregelung eingelöst, weibliche Kunst selbstverständlich in den Vordergrund zu rücken.

In der Einführung beweist der brasilianische Kurator und Kunstkritiker, Raphael Fonseca, der von 2017 bis 2020 im von Oscar Niemeyer entworfenen Museum für Zeitgenössische Kunst in Niterói tätig war und heute als Kurator für zeitgenössische lateinamerikanische Kunst im Kunstmuseum in Denver, Colorado arbeitet seine Expertise. Es gelingt ihm mühelos den oft heute noch bestehenden Abgrund zwischen spanisch- und portugiesisch-sprachiger Kunstwelt zu überbrücken und höchst wahrscheinlich sorgte er auch für die Präsenz brasilianischer bisher nicht wahrgenommener Künstlern und Künstlerinnen.   

Latin American Artists: From 1785 to Now (mit einer Einführung von Raphael Fonseca) ‎Phaidon Press; 1. Edition (5. Oktober 2023); Sprache, ‎Englisch; Gebundene Ausgabe, ‎352 Seiten; ISBN-10, ‎1838666605; ISBN-13, ‎978-1838666606.

Foto: Cover / Verlag